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Virtuelle Realität:Im Inneren der Maschine

Virtueller Showroom

Mittendrin und doch nicht dort: Mit ihrem Avatar können die Teilnehmer einer Schulung in einem virtuellen Raum medizintechnische Geräte ausprobieren.

(Foto: oh)

Immer wieder war virtuelle Realität das nächste große Ding - den Durchbruch schaffte sie nie. Warum zwei junge Gründer trotzdem noch an die Technologie glauben.

Von Helmut Martin-Jung

Eigentlich ganz einfach, die Sache: Eigelbe verrühren, etwas Senf, Salz, Zucker, tropfenweise Öl dazu - fertig ist die Mayonnaise. Im industriellen Maßstab sieht die Sache etwas anders aus. So zum Beispiel: Die Maschine des badischen Spezialisten Ika macht von außen schon etwas her mit ihrem Edelstahl-Finish, den verschiedenen Zuläufen und der elektronischen Steuerung. Doch einen richtigen Eindruck davon, was da genau im Inneren abläuft, wie komplex es ist, wenn die Zutaten vermischt werden, den bekommt man von außen nicht.

Es sei denn, man setzte sich mit den Brüdern Marcel und Pascal Stiegelmann in Verbindung und eine Computer-Brille auf. Dann kann man auch ins Innere der Maschine gucken, genauer gesagt in ihren digitalen Zwilling. Denn natürlich ist es nicht real, was man mit der Brille sieht. Mit den Designdaten aus dem Computer hat die Firma der Brüder, Realworld one, die Maschine virtuell nachgebaut. Der Betrachter kann die Nase fast in die Mischkammer stecken, wo sich allerlei Rädchen drehen und Schaufeln. Nur die Mayonnaise probieren, das kann man nicht.

Ist das die Zukunft? Werden Menschen in zehn oder 20 Jahren mit Brillen, besser noch: mit nahezu unsichtbaren elektronischen Kontaktlinsen herumlaufen? Die sie jederzeit in die Lage versetzen, einzutauchen in ganz andere Welten? Oder mit der sie die Welt mit allerlei Zusatzinformationen anreichern können? Im Fachjargon spricht man von virtueller Realität (VR) oder erweiterter (augmented) Realität (AR). Machbar ist vieles davon heute schon, nur sind die Brillen klobig, die Bildauflösung niedrig. Viele erwarten daher nicht allzu viel von diesen Technologien, haben sie schon wieder abgeschrieben, geeignet allenfalls für Nischenanwendungen - und all das nach dem großen Hype vor einigen Jahren.

Die Brüder, 28 und 26 Jahre alt, setzen trotzdem auf diese Zukunft. Sie sehen darin auch keine Nische, sie erwarten vielmehr einen grundlegenden Wandel, was den Umgang mit Computern angeht. "Wir glauben, dass Computer-Plattformen durch VR und AR abgelöst werden." Ihr Ziel: Die Realität so perfekt wie möglich darstellen. So wie eben bei der Mischmaschine, die übrigens nicht nur Mayonnaise produzieren kann.

Ika ist in der Branche bekannt als Hersteller medizintechnischer Geräte, die weltweit vertrieben werden. Die Brüder Marcel und Pascal sind die Söhne des Ika-Firmenchefs. Die beiden haben ihre eigene Firma Realworld one aber nicht als Dienstleister für Ika gegründet, auch wenn sie natürlich mit Ika zusammenarbeiten. Sie haben allerdings Größeres vor. Sie haben eine Plattform geschaffen, die Industriebetriebe in der Lage versetzen soll, von den Möglichkeiten Gebrauch zu machen, die VR und AR bieten. "Wir sind fokussiert auf Industrien, mit denen wir zusammenarbeiten und wo wir die Firmen genau verstehen", sagt Pascal Stiegelmann. Er meint damit Lebenswissenschaften, Maschinenbau, Chemie.

Aber wozu brauchen solche Firmen VR oder AR? Meist wird als erstes das Beispiel Wartung genannt. Damit kann nicht nur eine Expertin einem Monteur helfen, der direkt an der Maschine zugange ist. "Darüber können auch Service-Mitarbeiter trainiert werden", sagt Pascal Stiegelmann. Da von den Maschinen ohnehin Designdaten aus dem Computer vorliegen, können diese auch gleich in ein VR-Projekt übernommen werden. Welche VR-Brille oder welches andere Gerät die Kunden nutzen wollen, ist der Plattform von Realworld one egal, sie arbeitet mit allen gängigen Systemen etwa von Microsoft oder Oculus zusammen.

Genauso gut lasse sich ein VR-System aber auch für Vertrieb und Marketing einsetzen, ist man bei Realworld one überzeugt. Wie das aussehen kann, dafür haben die beiden in ihrer Firma ein Beispiel erarbeitet. Muster eines elektrochemischen Synthesegeräts sind auf Tischen in einem virtuellen Raum verteilt. Die Teilnehmer einer Verkaufsveranstaltung oder einer Schulung können mit ihrem Avatar, also ihrer virtuellen Figur, zu einem der Tische gehen und die Maschine mit all ihren Funktionen ausprobieren.

Die Stiegelmann-Brüder denken aber auch über andere Anwendungsfälle nach, etwa den gesamten virtuellen Raum mit Visualisierungen von Daten zu füllen, "das könnte zum Beispiel eine Landkarte mit eingeblendeten Performancezahlen sein", sagt Pascal Stiegelmann. In der eigenen Firma wird zudem gerade getestet, ob sich mit einem VR-System auch Personalgespräche führen ließen. Viele Reise könnten dadurch jedenfalls eingespart werden, glaubt man bei Realworld one. Außerdem arbeiten die Mitarbeiter des Unternehmens auch an Konzepten für Messen und Konferenzen - gerade jetzt, wo wegen des Virus viele Messen ausfallen müssen, könnte das ein Geschäftsfeld sein.

Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage bereits anschwellen lassen. Etwa 40 Kunden hat das Unternehmen schon, darunter bekannte Namen wie Festo oder Carl Zeiss. "Viele setzen die Plattform schon regelmäßig ein", sagt Pascal Stiegelmann. Vor allem in China hat ihr Angebot eingeschlagen, dort sei man eben viel schneller darin, neue Techniken zu adaptieren. Marcel Stiegelmann hat zu China ohnehin eine besondere Beziehung: Schon mit zwölf Jahren fing er an, Mandarin zu lernen, heute spricht er die Sprache ziemlich gut - ein großer Vorteil, wenn es darum geht, Kontakte zu knüpfen. 25 Leute arbeiten bei Realworld one schon jetzt nur dafür, die Software weiterzuentwickeln. Weitere 70 bis 80 Mitarbeiter kümmern sich um neue Inhalte - auch in diesem Content sehen die Stiegelmanns viel Potenzial.

Auch den beiden ist allerdings klar, dass die Technik noch am Anfang steht. Sie rechnen daher damit, dass es zehn bis 20 Jahre dauern wird, bis sich ein Wandel zur allgemeinen Verbreitung von VR- und AR-Technologien vollzogen hat. Die einzigen sind sie dabei keineswegs. Apple etwa hat schon viel in diese Technologien investiert, die erste Früchte sind auch schon zu sehen - eine Brille, wie oft gemutmaßt - haben die Kalifornier aber noch nicht auf den Markt gebracht.

Facebook, das schon vor einigen Jahren den bevorstehenden Durchbruch von VR verkündete, ist ebenfalls stark an dem Thema dran, unter anderem hat der Konzern die Firma Oculus gekauft, einen Entwickler von VR-Brillen. Microsoft, ein weiterer IT-Gigant, ist ebenfalls im Spiel, unter anderem mit seiner Brille Hololens. Mit der Spezialisierung auf einige Branchen hofft man bei Realworld one, eine Nische für sich zu finden, die die Großen nicht besetzen. Den nötigen langen Atem dafür hat die Firma offenbar.

© SZ vom 16.09.2020

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