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Videospiel:Watch Dogs 2: Hackerparty im Silicon Valley

Gehackte Handys, Autos und Bankkonten: "Watch Dogs 2" verarbeitet ein brisantes Thema mit Humor. Doch das Spiel hat einige Schwächen.

Spieletest von Caspar von Au

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Worum geht es in "Watch Dogs 2"?

Screenshots Watch Dogs 2

Quelle: Ubisoft/PR

Angespielt, nicht durchgespielt: Unsere Games-Kurzkritik "Screenshot" beantwortet Fragen zu den neuesten Computer- und Videospielen auf allen gängigen Plattformen. Und gibt einen ersten Eindruck, worauf Sie sich bei einem neuen Spiel freuen können - und wann Sie lieber noch skeptisch sein sollten.

Das gestreifte Polohemd kostet 150 Dollar, eine Jogginghose 95 Dollar und Sandalen noch mal 60 Dollar. Kombiniert sehen die Klamotten ziemlich bescheuert aus, aber der erste Auftrag bei "Watch Dogs 2" lautet: Besorg dir was zum Anziehen. Und Eric Hughes zahlt ja. Eric Hughes ist kaufmännischer Geschäftsführer, verdient 78 200 Dollar im Jahr, hört Stimmen. Und: Er weiß nichts von den 750 Dollar, die er gerade an Marcus Holloway, überwiesen hat, einen begnadeten Hacker.

In der Welt von "Watch Dogs 2" sind alle elektronischen Geräte miteinander vernetzt: Der fiktive Konzern "BLUME" erfasst mit seinem Computerprogramm "ctOS" allerlei Daten: Beruf, Einkommen, Krankheiten und psychische Probleme - "ctOS" weiß alles über die Bewohner von San Francisco.

Der Hacker Marcus Holloway ist der Protagonist in dem Open-World-Spiel "Watch Dogs 2". Der Spieler steuert Holloway durch die 50 Quadratkilometer große San Francisco Bay Area. Der Hacker kann sich innerhalb von wenigen Sekunden über sein Smartphone Zugang zum Leben jedes beliebigen Menschen in seiner Umgebung verschaffen. Er kann ihnen wahlweise Geld abknöpfen, sie mit einem gefälschten Beweis bei der Polizei verpfeifen oder ihnen Elektroschocks verpassen. Ähnlich kurzen Prozess macht Holloway mit Autos, Ampeln und Stromkästen.

Aber Holloway ist einer von den Guten, ein Hacktivist - zumindest will einem das Spiel das weismachen. Zusammen mit dem Hacker-Kollektiv "DedSec" kämpft er gegen die zunehmende Überwachung durch Soziale Medien, Datenanalysten und IT-Konzerne - im Spiel zum Beispiel vertreten durch das Unternehmen "BLUME".

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Was sieht vielversprechend aus?

Screenshots Watch Dogs 2

Quelle: Ubisoft/PR

Quadrocopter-Drohnenrennen fliegen, Selfies knipsen, ahnungslose Bürger bestehlen: Die San Francisco Bay Area ist ein riesiger Spielplatz, auf dem man die Mission von "DedSec" schnell aus den Augen verlieren kann. Dreh- und Angelpunkt ist für Marcus Holloway sein Smartphone. Mit der Driver-App kann er als Taxifahrer zusätzliches Geld verdienen, mit Selfies Follower gewinnen. Oder Holloway liest Chatverläufe mit, hört Telefonate ab und erfährt so pikante Details aus deren Leben: Brett Witterston, von Beruf Finanzberater, wurde wegen schweren Raubüberfalls verurteilt. Michelle Sasaki, Autorin, leidet an Schlafapnoe.

"Watch Dogs 2" stiftet zum Voyeurismus an - das ist lustig und beängstigend zugleich.

Dazu kommen Parallelen zur Realität, die dem Spiel seinen besonderen Reiz verleihen. Zwar weisen die Entwickler von "Watch Dogs 2" explizit daraufhin, dass alle Inhalte des Spiels fiktiver Natur und Ähnlichkeiten zu real existierenden Konzernen und Personen nur zufällig seien, trotzdem ist manches unübersehbar: Das Logo des Konzerns "Nudle" erinnert zum Beispiel mit seinen bunten Buchstaben an das Google-Logo. Die App, mit der sich Holloway durch San Francisco navigiert, heißt "Nudle Maps". Subtil ist anders.

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Warum sollte man trotzdem skeptisch sein?

Screenshots Watch Dogs 2

Quelle: Ubisoft/PR

"Watch Dogs 2" hat ein Riesenproblem: Die Steuerung verdirbt einem oft den Spaß. Marcus Holloway kann zwar springen und klettern (ducken kann er sich nicht), aber nur wenn er ein Hindernis vor sich hat. Manchmal hängt man trotzdem vor einem Zaun oder im Wasser fest, weil man nicht im exakten Winkel und Abstand zu dem Hindernis steht. Ähnliches gilt für die Interaktion mit Gegenständen und Personen, hier müssen die Entwickler von Ubisoft dringend nachbessern. Der Mehrspielermodus funktionierte zum Zeitpunkt des Tests ebenfalls noch nicht, das Problem ist den Entwicklern bekannt.

Bei all den vielen, oft originellen Informationen, die man beim Hacken über die virtuellen Komparsen erfährt, wirken die Hauptcharaktere im Vergleich ziemlich flach. Im Plattitüden-Kabinett ganz vorne mit dabei ist Sitara, die einzige Frau bei "DedSec": "Der Glamour interessiert mich nicht, ich will, dass die Leute aufwachen, verdammt!", sagt sie. Oder auf Marcus Holloways Frage "Gibt es jemanden, den du nicht kennst?" lautet die Antwort: "So bin ich. Jeder kennt mich, jeder liebt mich." Immerhin kann man die Dialoge per Knopfdruck überspringen.

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Woran erinnert "Watch Dogs 2"?

Screenshots Watch Dogs 2

Quelle: Ubisoft/PR

An GTA, GTA und noch mal GTA (Grand Theft Auto): Genau wie in den GTA-Spielen lassen sich Autos auf offener Straße knacken oder Holloway zerrt den Fahrer kurzerhand aus dem Wagen. Fußgänger überfahren, mit der Schrotflinte Amok laufen, anschließend vor der Polizei entkommen - all das fühlt sich an wie GTA. Zwar lassen sich die Missionen bei "Watch Dogs 2" auch gewaltfrei lösen, am einfachsten ist es aber meistens, die Wachposten zu erschießen.

Leider kommt das Spiel insgesamt nicht an GTA heran, weil die Handlung an vielen Stellen einfallslos und die Steuerung nicht ausgereift ist.

Trotzdem enthält "Watch Dogs 2" clevere, eigene Ansätze: Sicherheitssysteme, die durch eine Manipulation des Stromflusses entschlüsselt werden können, versteckte Orte, die Marcus Holloway nur mit Hilfe seiner Drohne erreichen kann, und das Hacken von Hebebühnen, um auf Häuserdächer zu gelangen, sind einige davon.

Das Spiel thematisiert aber vor allem ein aktuelles Problem: Was kann passieren, wenn wir unser Leben weiter vernetzen?

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Was passiert, wenn man das Spiel zum ersten Mal startet?

Screenshots Watch Dogs 2

Quelle: Ubisoft/PR

Zu Beginn des Spiels ist Marcus Holloway zwar schon ein guter Hacker, aber ein Einzelgänger. Um bei "DedSec" aufgenommen zu werden, muss er deshalb eine Prüfung absolvieren: Das Überwachungssystem "ctOS" weiß nämlich zu viel über Holloway, sein Strafregister hat elf Einträge, er wird als gefährlich eingestuft. Holloway besteht die Prüfung, er löscht sein Profil und ist ab sofort für "ctOS" ein Niemand. Weil die Leute bei "DedSec" eine bunte Hipstertruppe sind, feiern sie unter der Golden Gate Bridge ihr neues Mitglied. Am Ende ist Marcus Holloway so betrunken, dass er nicht bemerkt, wie ihm von einem unbekannten Jogger eine Schadsoftware auf dem Smartphone installiert wird.

Am nächsten Morgen wacht Holloway verkatert und ohne Hose auf. Nächstes Ziel: mal eben kurz die Welt retten, aber vorher Klamotten kaufen.

"Watch Dogs 2" ist am 15. November 2016 für Xbox und Playstation erschienen. Die PC-Version ist ab dem 29. November erhältlich.

© SZ.de/mri

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