Süddeutsche Zeitung

Videospiel Fortnite:Genauso spannend wie Fußballgucken

100 Fortnite-Spieler zocken um drei Millionen Dollar, 10 000 Zuschauer fiebern mit. Das Turnier zeigt: Computerspiele können auch für Laien verdammt faszinierend sein.

In dieser prächtigen Arena im Süden von Los Angeles ist diese Geräuschfolge zu hören, die nur in modernen Fußballstadien ihren wahren Zauber entfaltet. Dieses verblüffte "Oh!", dem ein ansteigendes "Aaaaaah" und dann enthemmter Jubel folgt, wenn etwa ein Fußballspieler seinen Gegenspieler mit einem Trick düpiert, dann endlos wirkende Sekunden dem Tor entgegen stürmt und schließlich den erlösenden Treffer erzielt. Der Spieler, auf dessen Trikot der Name Ninja aufgedruckt ist, begeistert die Massen am Dienstagnachmittag mit einem fantastischen Laufweg, er übertölpelt seinen Gegenspieler und schafft schließlich, zur Verblüffung selbst seines Mitspielers, den entscheidenden Treffer.

Ninja ist nur der Spitzname des jungen Mannes, im wahren Leben heißt er Tyler Blevin. Er ist kein Fußballspieler, sondern der nach allgemeinem Dafürhalten beste Akteur im Videospiel "Fortnite". Mit diesem präzisen Schuss gewinnt er gemeinsam mit dem Discjockey Marshmello das Turnier im Rahmen der Computerspielmesse Electronic Entertainment Expo (E3) und darf die Siegprämie in Höhe von einer Million Dollar an gemeinnützige Organisationen seiner Wahl verteilen.

Zuschauer weltweit auf verschiedenen Plattformen: knapp zwei Millionen.

Es ist in den vergangenen Wochen derart häufig über Fortnite als popkulturelles Phänomen berichtet worden, dass an dieser Stelle nur Grundsätzliches erwähnt werden soll für all jene, die seit Januar hinter dem Mond oder unter einem Stein gelebt haben: Bei der sogenannten Battle-Royale-Version des Spiels treten 100 Spieler auf einer virtuellen Insel gegeneinander an, sie müssen dort Waffen suchen und Ressourcen sammeln - und sich gegenseitig abknallen, der letzte Überlebende gewinnt die Runde.

Mehr als 60 Millionen Leute weltweit haben das Spiel installiert, Hersteller Epic spricht von mittlerweile 125 Millionen Spielern und hat allein im April mehr als 300 Millionen Dollar eingenommen. Blevin verdient durch Live-Übertragungen auf dem Streamingportal Twitch eigenen Angaben zufolge mehr als sechs Millionen Dollar pro Jahr, das sind Fußballprofi-Dimensionen.

Das Magazin The New Yorker vergleicht den Erfolg des Spiels mit der Hysterie um die Beatles in den 1960er Jahren und der Opium-Epidemie in den USA - und verdeutlicht über diese beiden Vergleiche die gegensätzlichen Betrachtungsweisen, weil die einen Fortnite für eine geniale Evolutionsstufe der Belustigung des Menschen halten und die anderen für einen Vorboten auf das Ende des Abendlandes.

Darum soll es nun jedoch nicht gehen, sondern vielmehr um diese beiden Fragen: Ist das Sport, was Blevin und seine Konkurrenten mit Spitznamen wie One_Shot_Gurl oder Sssniperwolf da tun? Und ist das, angesichts der nun beginnenden Fußball-WM, auch für die Zuschauer massentauglich?

100 Spieler zocken um drei Millionen Dollar

Man sollte keineswegs den Fehler machen und den virtuellen Sport für ein kurzlebiges Phänomen halten. Es gibt mittlerweile Profiligen und Stipendien für talentierte Spieler an US-Elite-Universitäten, der Organisationschef der Olympischen Spiele 2024 in Paris, Tony Estanguet, möchte Videospiele ins offizielle Programm aufnehmen - bei den Asienspielen 2022 im chinesischen Hangzhou werden Videospieler bereits um Medaillen kämpfen.

Fortnite-Hersteller Epic hat kürzlich angekündigt, in den kommenden zwölf Monaten ein Preisgeld von insgesamt 100 Millionen Dollar verteilen zu wollen - und am Dienstag auf der E3 für das kommende Jahr den "Fortnite World Cup" ausgerufen, eine Art Weltmeisterschaft. Der Umsatz mit E-Sport soll bis 2020 auf mehr als 1,65 Milliarden Dollar wachsen, davon dürfen die meisten traditionellen Sportarten noch nicht einmal träumen.

Doch funktioniert ein Fortnite-Wettkampf wirklich auch als Zuschauersport? Es ist ein gewaltiger Unterschied, die Kunststücke und taktischen Finessen des 27 Jahre alten Ninja über ein Streamingportal aus dessen Perspektive zu bewundern oder die Zusammenschnitte seiner schönsten Spielzüge auf sozialen Netzwerken zu beobachten sind - oder einen Wettkampf mit 99 anderen Spielern zu verfolgen

Beim sogenannten Pro-Am-Turnier am Dienstagnachmittag treten 50 Fortnite-Profis jeweils gemeinsam mit einem Promi in der Duo-Variante an: Myth zum Beispiel versucht es mit dem Basketballprofi Paul George, Ali-A mit Fall-Out-Boy-Bassist Pete Wentz, Orkun mit der Sängerin Jordyn Jones. Insgesamt gibt es ein Preisgeld von drei Millionen Dollar.

Muselk nur knapp dem Tod und feiert mit dem Popcorn-Tanz

Es dauert nach Beginn der Spielrunde ein paar Minuten, bis sich der Zuschauer zurechtfindet. Auf der Bühne gibt es ja nicht viel mehr zu sehen als die Spieler mit Kopfhörern, anders als bei den Internet-Übertragungen sind auch nicht die Kommentare oder taktischen Erklärungen der Spieler zu hören. Auf der Großleinwand wird zuerst die komplette Landkarte gezeigt, dann ein paar besonders bevölkerte Spielfelder aus der Halbtotalen - und dann geht es los: Die Regie schaltet immer dorthin, wo gerade gebaut oder gekämpft wird, was für den Zuschauer so wirkt, als gäbe es beim Fußball alle zehn Sekunden eine grandiose Torchance.

Auf der westlichen Seite der Landkarte entkommt Muselk nur knapp dem Tod und feiert sein Glück mit dem Popcorn-Tanz. Schnell rüber in den Süden, wo Kinstaar zwei Gegner tötet und dann seinen Partner reanimiert, den Kampfsportler Sean O'Malley - sie müssen sich beeilen, weil sie dem Sturm auf der Insel entkommen müssen. Auch im Norden wird heftig gekämpft, Paul George ist bereits ausgeschieden, ohne dass es jemand live mitbekommt. Es kommt einem ein bisschen vor wie beim Biathlon, wo man während des Schießens auch nur seine Lieblingssportler verfolgen kann und danach in Ruhe nachsehen muss, wer fehlerfrei geblieben ist und wer denn nun eigentlich in Führung liegt.

Es ist atemraubend und nervenaufreibend

Diese Verwirrung dauert allerdings nur kurz, weil sich dann die Anzahl der Spieler drastisch verringert und die 10 000 Zuschauer auf den Tribünen über taktische Finessen fachsimpeln können: Lohnt es sich, den Gegnern auszuweichen und sich in einem Haus zu verstecken - oder sollte man angesichts der prächtigen Ressourcen nicht doch lieber eine Burg bauen? Lieber über die Berge im Westen oder um den See in der Mitte herum - oder doch lieber auf dem Berg bleiben?

Es dauert nicht lange, da hat selbst der interessierte Laie eine Meinung zum Geschehen, so wie es derzeit allein in Deutschland mehr als 80 Millionen Fußballexperten gibt. Der Zuschauer wird mitgenommen bei diesem Spiel, er fiebert mit, und er bewundert nach besonders schönen Aktionen all jene, die so viel besser sind, als er es jemals wäre - so wie er das bei analogen Sportarten auch tut.

Es ist atemraubend und nervenaufreibend, was da passiert, es ist in den 25 Minuten, so lange dauert die Spielrunde, nicht ein einziges Mal langweilig. Das Geschehen mündet in diesen wunderbaren Laufweg von Ninja und dieses "Oh!" und "Aaaaaah" und "Jaaaaaaaa" - und die Zuschauer sprechen danach darüber, wie Fußballfans über den Treffer von Gareth Bale beim Champions-League-Finale. Fortnite ist eine faszinierende Zuschauersportart. Wer das nicht glaubt, der möge eine Spielrunde selbst betrachten - und dabei stets daran denken, dass der Belgier Leon de Lunden für seinen Olympiasieg beim lebenden Taubenschießen bei den Spielen 1900 in Paris insgesamt 21 Tauben erschossen hat.

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