Videospiel "Deus Ex: Human Revolution" 15 Stunden Spieldauer

Eine intellektuelle Auseinandersetzung zwischen Spieler und Plot findet hier nicht statt. Und auch die großen Studiotitel, zumeist Ego-Shooter, sind zwar technisch beeindruckend, strukturell aber verharren sie seit zehn Jahren auf dem gleichen Niveau. Egal ob Narration oder Spielmechanismen: Man wird immer unterfordert.

Computerspiel "Deus Ex"

Halb Wesen, halb Überding

Um "Deus Ex" durchzuspielen sind dagegen gut 35 Stunden nötig. So gut wie alle Objekte in der riesigen Spielwelt sind manipulierbar. "Schauen Sie über ihren Tellerrand heraus", fordert das Spiel immer wieder während der Ladesequenzen. Der Tellerrand hieß bei den meisten Spielen: Beseitigen sie jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. "Deus Ex" lässt dem Spieler dagegen die Wahl, ob er sich bei Betreten der feindlichen Konzernzentrale durch die Lobby schmeicheln, durch Lüftungsschächte an den Wachen vorbei schleichen, die Sicherheitssysteme hacken oder doch mit blitzendem Mündungsfeuer einen Frontalangriff wagen will.

Die Freiheit der Wahl war eine Illusion

Die Gebrauchsanleitung, die jedem Videospiel beiliegt und darüber informiert, welcher Knopf in welcher Situation zu drücken ist, ist im Fall von "Deus Ex" keine Handreichung, sondern nicht mehr als ein vager Vorschlag. Doch es geht nicht nur darum, zu entscheiden, wie man spielen will, sondern auch, wie man die Implantate des Protagonisten interpretiert. Soll Adam Jensen lieber ein augmentierter Altruist sein, oder eine skrupellose Kampfmaschine, der die Upgrades jegliche Moral geraubt haben?

Auch früher schon haben Spiele verlangt, sich für eine Seite zu entscheiden. Meist verlief das durch ein simples Moralsystem, bei dem eine offensichtlich gute und eine böse Option zur Auswahl stand. Die Freiheit der Wahl war eine Illusion. Statt einem klaren System von Plotkreuzungen und Entscheidungsbäumen liefert "Deus Ex" eher eine sich biegende Storyline.

Das Spiel entwirft eine Zukunftsvision, die sich vom gegenwärtigen Standpunkt schon erahnen lässt. Vom heute, wo Sensorik-Chips auf Netzhäute verpflanzt werden. Wo IBM ein Modul vorgestellt hat, das die Arbeit von Gehirnzellen simulieren soll. Wo ein mit Unterschenkelprothesen ausgestatteter Sprinter bei der Leichtathletik-WM ins Halbfinale läuft. Und wo auch um die Zukunft einer Technologie gestritten wird, von der sich manche noch immer nicht sicher sind, ob sie dem Wohle der Menschheit dient und wie sie benutzt werden soll: dem Internet.

Um ihren visionären Anspruch zu belegen, haben die Spieledesigner zeitgleich mit "Deus Ex" eine Dokumentation über den Stand der intelligenten Prothesentechnik veröffentlicht. Sozusagen als wissenschaftlich unterfütterter Trailer. Gedreht wurde der Film passenderweise von dem kanadischen Filmemacher Rob Spence, der bei einem Unfall in seiner Kindheit sein rechtes Auge verloren hat. Seit einigen Jahren trägt Spence in der leeren rechten Augenhöhle eine drahtlose Miniaturkamera, mit der er seine Umgebung aufnimmt. Er nennt sich auch Eyeborg. Mit der Minikamera hat er auch die Dokumentation gedreht.