Verteidigung Bundeswehr will Kriege mit künstlicher Intelligenz und geheimen Infos vorhersagen

Techniker und IT-Spezialisten des Luftwaffenführungskommandos der Bundeswehr.

(Foto: Decastro/Bundeswehr/dpa-tmn)
  • Das Bundesverteidigungsministerium will künstliche Intelligenz zur Krisenvorhersage verwenden.
  • Die Idee dahinter: Lernfähige Software soll Datenberge auswerten und in ihnen Tendenzen erkennen, die menschliche Analysten nicht sehen.
  • Andrej Hunko von der Linken kritisiert die maschinelle Krisenanalyse, weil sie eingesetzt werden könne, um "Flüchtlinge abzuwehren, Interventionen vorzubereiten oder Kriege zu gewinnen".
Von Jannis Brühl

Das Bundesverteidigungsministerium will mit künstlicher Intelligenz (KI) große Datenmengen analysieren, um Krisen und Kriege vorherzusagen. Dafür will sie die maschinell analysierten Daten auch mit geheimen Informationen kombinieren, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken hervorgeht, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Darin heißt es: "Es ist geplant, dass die Studie 'IT-Unterstützung Krisenfrüherkennung' strukturierte und unstrukturierte Daten aus öffentlichen, offenen und als Verschlusssachen eingestufte Quellen berücksichtigen soll." In einem Test werden also nicht nur öffentliche Quellen im Internet und spezielle militärische und wirtschaftliche Datenbanken ausgewertet, sondern die Informationen aus diesen Quellen auch mit staatlichen Geheimberichten abgeglichen.

Die Idee hinter der Studie: Lernfähige Software kann Datenberge auswerten und in ihnen Tendenzen erkennen, die menschliche Analysten nicht sehen. Dazu kann sie zum Beispiel Handelsdaten, Arbeitslosenquoten, Kriminalitätsraten oder Informationen über politische Gewalt verknüpfen und analysieren. Die Daten kommen dem Dokument zufolge aus der Globalen Terrorismus-Datenbank GTD, der Datenbank für bewaffnete Konflikte ACLED und GDELT, einer Sammlung internationaler Medienberichte. Das Verteidigungsministerium testet seit dem 17. Dezember 2017 auch Watson, die KI-Plattform von IBM. Sie funktioniert wie eine komplexere, lernfähige Suchmaschine und kann - laut Werbung - "1 Million Bücher pro Sekunde lesen". Watson analysiert Daten nur, für die konkrete Vorhersage von Krisen sucht die Regierung noch die passende Software. Sie soll Vorhersagen für einen Zeitraum von sechs bis 18 Monaten treffen können.

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Nach der Auswertung durch KI sollen weiterhin Menschen die Ergebnisse prüfen, erklärt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums: "Dazu nutzt der Analyst sein Fachwissen und die ihm zur Verfügung stehenden Methoden." Dazu gehört auch der Zugriff auf Verschlusssachen (VS). Zusätzliche Informationen über Anzeichen von Krisen erhält die Bundeswehr nach eigenen Angaben aus "internen Berichten unserer Militärattachés vor Ort oder durch Aufklärungsprodukte des militärischen Nachrichtenwesens."

Neben dem Verteidigungsministerium testet auch das Auswärtige Amt software-basierte Krisenvorhersage. Das Projekt "Preview" läuft dem Ministerium zufolge seit Anfang März. Die Datengrundlage, auf der die Programme der Ministerien arbeiten sollen, wird an der Universität der Bundeswehr in München erforscht: 80 Datenbanken mit Millionen von Einzelinformationen werden für Software analysierbar gemacht. Aus der Kombination der Daten soll die KI Modelle möglicher Krisen kreieren und diese grafisch darstellen. Die Analysten sollen in Staaten bis auf die regionale Ebene zoomen können und auf einen Blick erkennen, für wie kritisch das Programm die Situation dort hält. Die Warnungen würden in einer Art Ampelsystem angezeigt, erklärt Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Bundeswehr-Universität und Forschungsleiter: "Grün: Alles stabil, Gelb: Erhöhte Vorsicht, Rot: Das könnte kippen." Er sagt, das Ziel sei nicht, die menschlichen Analysten abzuschaffen: "KI kann soziale Interaktionen nicht einschätzen. Wenn im Sudan zwei Gruppen zu den Waffen greifen und einander bekämpfen, kann KI vorhersagen: 'Im nächsten Jahr eskalieren diese Kämpfe.' Aber sie kann nicht vorhersagen, dass die zwei Führer der Milizen sich zusammensetzen und einen Waffenstillstand aushandeln."

Zu Problemen führen dürfte das unstrukturierte Format vieler staatlicher Geheimberichte

Heikel wird es, wenn die Software selbst geheime Informationen auswerten soll. Um das möglich zu machen, muss die Regierung noch Hürden aus dem Weg räumen. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums sagt, es gebe "für das Einbinden von VS-Daten in ein System, welches eine Verbindung in das Internet hat, Regeln und Auflagen". Dazu zählten "Zertifizierung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), IT-Sicherheitskonzept, Datenschutzkonzept. Sollten diese Voraussetzungen jedoch erfüllt sein, wäre eine Nutzung von VS-Daten möglich." Ein Sprecher des BSI erklärt, das vom Verteidigungsministerium getestete System könne wahrscheinlich mit einer der Verschlüsselungstechniken entsprechend geschützt werden, die sein Amt für die Verwendung durch die Regierung zugelassen hat. Dann dürfte aber immer noch das Format vieler geheimer Berichte zu Problemen führen. Wie die Antwort des Ministeriums andeutet, sind staatliche Geheimnisse meist so genannte "unstrukturierte" Daten. KI tut sich wesentlich leichter, "strukturierte" Informationen aus Datenbanken zu analysieren. Sie sind leicht in Tabellenform zu erfassen, gut vergleichbar und für Maschinen einfach zu lesen. Bei Geheimberichten ist dagegen aus Sicht von KI-Experten die Qualität oft unklar, und ebenso, wie Algorithmen sie im Vergleich mit anderen Infos gewichten sollen.

Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von der Linken kritisiert die maschinelle Krisenanalyse: "Die Erschließung sogenannter strukturierter und unstrukturierter Informationen ('Data Mining') spielt bei Polizei, Geheimdienste und Militär eine immer größere Rolle. Der zivil-militärische Blick in die digitale Glaskugel soll helfen, Flüchtlinge abzuwehren, Interventionen vorzubereiten oder Kriege zu gewinnen." Er sieht die Technik als Überwachungswerkzeug: "Wenn dies von Geheimdiensten und Militärs uferlos und nach Gutdünken praktiziert wird, geht das Vertrauen in die Privatsphäre der digitalen Kommunikation vollends verloren."

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