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Verschlüsselungssoftware Gnu PG:Auch die Bundesregierung unterstützte die E-Mail-Verschlüsselung

Nach der Veranstaltung in Hamburg sprach Koch mit einer US-Journalistin. Er erzählte ihr, dass er kurz davor gewesen war, das Projekt hinzuschmeißen. Zu wenig Geld kam rein. Denn Gnu PG ist freie Software. Man kann sie kostenlos herunterladen und weiterentwickeln. Auch den Programmcode kann man einsehen und somit überprüfen, ob Koch und einigen seiner Mit-Programmierer Fehler unterlaufen sind.

Das ist zwar gut, da sich so die Software verbreitet. Es reduziert aber auch den Anreiz, Koch finanziell zu unterstützen. Es habe Firmen gegeben, die ihm Geld gaben, damit er sich um etwaige Probleme kümmerte. "Die haben aber irgendwann gemerkt, dass das nicht oft der Fall ist", sagt Koch. Auch die Bundesregierung unterstützte das Projekt - nach eigenen Angaben wurden 600 000 Euro investiert - doch das ist lange her. Zuletzt kam nur noch wenig Geld rein.

Werner Koch kämpft gegen den amerikanischen Geheimdienst.

(Foto: privat)

Koch kümmert sich fast im Alleingang um das Projekt E-Mail-Verschlüsselung. Im Gegensatz zu anderen, die hin und wieder mithelfen, arbeitet er Vollzeit daran, er aktualisiert das Programm, er sorgt für die Kommunikation. Er ist Chefentwickler, Chefsekretär und Firmenchef in einer Person.

"Ich wollte aufgeben"

Er ist vor allem auch chronisch unterbezahlt. In einer Branche, die studierten Berufsanfängern gerne 50 000 Euro Einstiegsgehalt zahlt, erhält Koch bedeutend weniger, der Betrag steht auf seiner Homepage: 32 000 Euro pro Jahr. Aufgrund knapper Kasse musste ein anderer Programmierer aufhören. "Ich wollte aufgeben", sagt er nun, "aber ich wurde durch Snowden eines Besseren belehrt." Die Enthüllungen von Snowden hätten ihm gezeigt, wie wichtig sein Programm anscheinend sei. "Ich finde es gut, dass es eingesetzt wird", sagt er.

Koch arbeitete vor Jahrzehnten als IT-Experte, und die Erfahrungen mit der Unternehmenskultur in Deutschland haben ihn massiv gestört. "Ich habe ein kompliziertes Beratungsprogramm für Finanzbuchhaltung geschrieben, aber die wurde nie benutzt", sagt Koch. Und weiter: "Nicht, weil die schlecht gewesen wäre, sondern weil die von Anfang an nur aus Konkurrenzgründen entwickelt wurde, um in anderen Abteilungen mit Expertise angeben zu können. Das fand ich nicht befriedigend." Gegen Geheimdienste zu agieren, klingt da schon verlockender.

Hätte Koch wirklich hingeschmissen, wäre sein Rücktritt einem effektiven Aus des Programms gleichgekommen. Sein Programm hat 300 000 Zeilen Code, der gepflegt werden muss, weil es einerseits ständig neue Software-Updates gibt, andererseits Fehler im Code selbst auftauchen. Niemand außer ihm hat einen guten Überblick. Das ist ein Problem.

Viele eilten mit Spenden zu Hilfe

Seit den Enthüllungen hegen IT-Experten die Hoffnung, dass die Menschen sich vermehrt dafür interessieren, wie sie ihre Nachrichten geheim halten können. Doch das ist aktuell nur Wunschdenken. Menschen, die Koch kennen und die seine Arbeit bewundern, kritisieren ihn an diesem Punkt: Sich verschlüsselte E-Mails einzurichten gilt immer noch als zu komplex. In einer Zeit, in der Chat-Dienste wie Whatsapp es hinbekommen, die Nachrichten ohne Zutun der Nutzer abzusichern, wirkt ein Dienst wie GnuPG wie aus der Zeit gefallen.

Doch statt aufzugeben, entschloss sich Koch dazu, eine Crowdfunding-Kampagne zu starten. Er wollte Geld sammeln. Als der Artikel der Journalistin auf der Nachrichten-Seite Propublica über ihn erschien, sammelte er dann mehr als 100 000 Euro - an einem Tag. Alarmiert davon, dass diese so zentrale Anwendung von einer Einzelperson nur mit Mühe betrieben werden kann, eilten viele zu Hilfe.

Wenn Koch nun über Geld redet, listet er Spender auf: Facebook hat versprochen, jährlich 50 000 Dollar zu zahlen, der amerikanische Bezahldienst Stripe ebenfalls. Die Linux-Foundation, also das Konsortium, das hinter dem gleichnamigen Betriebssystem steckt, hat bereits 60 000 Dollar überwiesen. "Die Spendenbereitschaft ist hoch, viele Menschen wussten aber einfach nicht Bescheid", sagt Koch nun.

Mit dem Geld plant er, einen neuen Entwickler einzustellen, und er erhöht sein Einkommen - auf das Jahresgehalt von Berufseinsteigern.