Verschlüsselung Code-Knacker

Britische Wissenschaftler rekonstruierten den Colossus, einen Computer aus dem Zweiten Weltkrieg. Er entschlüsselte die Nachrichten der deutschen Chiffriermaschine Lorenz SZ 42.

Von Helmut Martin-Jung

Die 2400 Röhren in der Apparatur so groß wie ein Kleinlaster glimmen rötlich und heizen den Raum auf. Ein meterlanger, zu einer Endlosschleife verklebter Papierstreifen rast mit mehr als 40 Kilometern pro Stunde wieder und wieder durch ein verworrenes System von Trommeln und Rollen.

Der 86-jährige ehemalige deutsche Funker und Zeitzeuge Rudolf Staritz betrachtet im Heinz-Nixdorf-Museum in Paderborn einen Lochstreifen, der anschließend von der Verschlüsselungsmaschine Lorenz SZ42 chiffriert nach England gefunkt wurde.

(Foto: Foto: dpa)

Und dann - plötzlich - fängt ein elektrischer Ticker an, Buchstaben auf Endlospapier zu drucken. Klackert in sturem Gleichmaß, unterbrochen nur von wilden Sprüngen am Zeilenende, wenn der Wagen zurücksaust und weiterhüpft zur nächsten Zeile. Der Ticker tippt Anweisungen und Befehle von Hitlers Generälen.

Es war eine echte Pioniertat, die britische Ingenieure und Mathematiker da 1944 vollbracht hatten und die den Zweiten Weltkrieg nach Einschätzung von Experten erheblich verkürzt hat. Ermöglichte sie doch den Alliierten beispielsweise zu überprüfen, ob die Nazis ihre Scheinangriffe vor dem D-Day in der Normandie tatsächlich ernst nahmen.

Unförmige Entzifferungsmaschine

Das Projekt Colossus, so hieß die unförmige Entzifferungsmaschine, war so geheim, dass der britische Premier Winston Churchill nach dem Krieg befahl, sie zu zerstören, und zwar so, "dass kein Stück übrigbleibt, das größer ist als eine menschliche Hand". Erst Mitte der siebziger Jahre wurde öffentlich bekannt, dass es sie überhaupt gegeben hatte. Doch da waren von den zehn Colossi, die bis Kriegsende gebaut worden waren, nur noch ein paar Fotos und Fragmente von Bauplänen übrig geblieben.

Tony Sale, Ingenieur und ehemaliger Techniker beim britischen Inlandsgeheimdienst MI5, aber ließ sich nicht entmutigen. Sale, einer der Gründer des 1994 eröffneten Computermuseums in Bletchley Park, scharte Anfang der neunziger Jahre eine Gruppe um sich zu einem einzigen Zweck: Einen funktionsfähigen Colossus-Rechner nachzubauen.

Am Freitag war Sale am Ziel. Nach 14 Jahren voller Rückschläge, aber auch voller Hoffnungen und Fortschritte knackte sein Nachbau einen Code, der wieder aus Deutschland kam. Der mit dergleichen Maschine verschlüsselt worden war, die die Nazis in den letzten Kriegsjahren einsetzten, der Lorenz SZ 42.