Verisign-Nachfolge .org zieht um

Anfang 2003 steht der bislang größte Umzug einer Top-Level-Domain bevor. Eine logistische Herausforderung für die neue Registrierstelle.

Von Susanne Herda

Ein Umzug ist immer mit Arbeit verbunden. Mit zunehmendem Alter wird er auch zu einer logistischen Herausforderung. Das ist im virtuellen Leben nicht anders. Demnächst werden 2,4 Millionen Internet-Adressen mit der Endung ".org" eine neue Heimat finden - eine logistische Herausforderung für den neuen "Haus"-Verwalter.

Demnächst werden 2,4 Millionen Internet-Adressen mit der Endung ".org" eine neue Heimat finden.

(Foto: Collage: sueddeutsche.de / Foto: Photodisc)

Im Internet gibt es für jede so genannte Top-Level-Domain wie ".com", ".de" und ".net" eine zentrale Anlaufstelle, in der alle relevanten Informationen zusammenlaufen. Für die Adress-Endung ".org" - vorgesehen für gemeinnützige Organisationen - stellte bislang die inzwischen von Verisign gekaufte US-Firma Net Solutions die entsprechende Logistik bereit. Weil aber die US-Behörden 1998 beschlossen haben, das lukrative System der Adress-Vergabe zu privatisieren, steht Anfang 2003 ein Wechsel in der Registrierstelle von ".org" bevor - und damit der bisher größte Umzug einer Top-Level-Domain. Zurzeit läuft die Ausschreibung für den neuen Verwalter; im August will das Internet-Kontrollgremium Icann unter den elf Bewerbern einen auswählen.

Kein Crash erwartet

Entsprechend besorgt wird derzeit in Internetforen über den "Wahlkampf" der Bewerber diskutiert. Einige Bewerber haben angekündigt, die Preise zu senken und der .org-Gemeinschaft durch gewählte oder von der Registrierstelle bestellte Repräsentanten mehr Einfluss auf Richtlinien und Entscheidungen zu verschaffen.

Auch die Folgen des Umzugs für die Nutzer werden debattiert. "Es wird keinen Crash geben", glaubt Hans Peter Dittler, Vorstandsmitglied der deutschen Internet Society. Der 1991 gegründete Verband zur Koordination der internationalen Weiterentwicklung des Internets gilt als einer der Favoriten für die Verisign-Nachfolge. Falls die Internet Society den Zuschlag für die Verwaltung des .org-Zentralregisters bekommt, würden alle schon registrierten 2,4 Millionen .org-Domänen in das neue System übernommen und für die volle Laufzeit erhalten bleiben, sagt Dittler. Nicht benutzte Namen sollen zwar möglichst an aktive Gruppen weiter gegeben werden, etwa wenn ein Nutzer seine regelmäßigen, niedrigen Gebühren nicht mehr zahlt. Aber einem Besitzer seine Domäne aktiv zu entziehen, sei nicht vorstellbar. Denn eine genaue Kontrolle, wer sich hinter den jeweiligen Adressen verbirgt und diese möglicherweise missbraucht, ist praktisch nicht möglich.

Dittlers Sorge gilt eher der knappen Zeit, die für den Umzug angesetzt ist. Da Icann sich erst Ende August für eine Verisign-Nachfolge entscheiden will, bleiben nur vier Monate Zeit, die Daten umziehen zu lassen. Im Optimalfall werden die Internet-Nutzer vom Umzug der .org-Verwaltung nichts mitbekommen.

Eine weitere technische Herausforderung sehen die Bewerber in der Tatsache, dass bestehende .org-Websites auch während des Umzugs erreichbar sein sollen. Es gehe nicht nur darum, eine Datenbank von einem Server auf den anderen zu kopieren, sagt auch Robert Poulin, der die Registrierungs-Dienste bei Neustar verantwortet. Neustar, das bereits die Top-Level-Domains .biz und .us verwaltet, bewirbt sich ebenso wie die Internet Society um die .org-Verwaltung. "Auch das Shared-Registry- und das Who-is-System müssen übertragen werden", sagt Poulin.

Diese beiden Systeme, die der normale Nutzer kaum je zu Gesicht bekommt, sind für die Verwaltung einer Top-Level-Domäne wichtig. Hinter dem Shared-Registry-Verfahren steckt eine Art Datenbanksoftware, die regelt, dass eine Domain nicht zweimal vergeben werden kann. Dennoch können Vergabe-Organisationen weltweit gleichzeitig auf die zentralen Datenbanken für Top-Level-Domains zugreifen. Im Who-is-System stehen für eine Registrierung relevante Daten, etwa die zu einer Domäne gehörende IP-Adresse - ein zur Webadresse gehörender Zahlencode - sowie der Besitzer, der Registrator und die vereinbarte Laufzeit.

Der wirklich große Umzug stehe aber noch bevor, sagt Poulin. In vier Jahren läuft der nächste Vertrag mit Verisign aus. Dann soll die bislang größte kommerzielle Top-Level-Domain .com ("commercial") neu verwaltet werden. Bei diesen Geschäftsadressen seien andere Kriterien maßgeblich, zum Beispiel Internet-Identifikationssysteme und Verschlüsselungstechniken. Sie sollen Geschäftsabschlüsse im Netz erleichtern und vor Missbrauch schützen.