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Vergabe neuer Domains durch Icann:500.000 Dollar für eine Bewerbung

Außerdem fallen in diese Gruppe Begriffe, an deren Verwendung öffentliches Interesse bestehen könnte, wie zum Beispiel .health oder .bank. Sollen diese gar nicht zum Verkauf oder nur unter bestimmten Bedingungen freigegeben werden? In Peking wird darüber debattiert. Die Regierungen können zu solchen Fragen eine Art offiziellen Wunsch äußern, an den sich die Icann erfahrungsgemäß halten würde.

In dem Regierungsbeirat sind mehr als 100 Nationen vertreten, er steht allen von der UN anerkannten Staaten offen. Deshalb ist die Frage eher, ob sich die Regierungen in all ihren Punkten einigen und einen gemeinsamen Wunsch abgeben können. Entscheidungen über die Einsprüche von staatlicher Seite wird es erst nach den drei Tagen in Peking geben, wenn alle Debatten geführt wurden.

So steht die Pekinger Konferenz unter massivem Druck, denn der Markt verlangt nach Entscheidungen. Es hat zwar bereits in den Jahren 2000 und 2004 neue TLDs gegeben, aber die jetzt angestrebte Erweiterung ist weit größer, es geht um bis zu 1500 neue TLDs. Dabei liegen ungeachtet der Bedenken für die generischen Endungen zahlreiche Bewerbungen von privaten Unternehmen vor, allein Google hat sich für etwa 100 TLDs beworben. Um in den Besitz ihres Markennamens als TLD zu gelangen, mussten sich die Unternehmen zunächst bei der Icann bewerben. Tausende haben das getan. Die Kosten für eine Bewerbung liegen bei bis zu 500.000 Dollar.

Und wozu das alles? Nur der Vielfalt wegen? Grundsätzlich hoffen die Endkunden, die sich um neue Internetadressen bewerben oder sie in Auktionen erwerben möchten, auf besseres Marketing. Bei großen Internetkonzernen kann man davon ausgehen, dass die TLD auch ohne bestehendes Geschäftsmodell gekauft werden sollen, Hauptsache, man hat sie in Besitz.

Stabilität des gesamten Netzes bedroht?

Ein großes Geschäft wittern auch die Registrare. Das sind Unternehmen, die Domains an Endkunden weiterverkaufen, in Deutschland zum Beispiel 1&1 oder Hosteurope. Sie hoffen auf ein Millionengeschäft, weil sie künftig mehr Internetadressen verkaufen können werden. Viele glauben, dass künftig jeder Mensch eine Internetadresse braucht, so wie eine Telefonnummer. Dann wäre das Geschäft gigantisch: Es gibt derzeit 250 Millionen Domainnamen im Netz, aber es gibt 3,5 Milliarden Internetnutzer. Kritiker sagen dagegen, dass den meisten Menschen ihr Facebook-Profil oder ähnliches genügen wird.

Andere fürchten dagegen, dass die vielen neuen Adressen und Endungen die Stabilität des gesamten Netzes bedroht. Jene Listen, die jeder Internetadresse eine Nummer zuordnen, weil Computer keine Worte, sondern Nummern lesen, könnten zu umfangreich werden. Wie realistisch solche Szenarien sind, ist unklar, weil es einen Ausbau dieser Größe nie gegeben hat.

Das Treffen in Peking wird also spannend, und das ausgerechnet vor chinesischer Kulisse. Die Internetindustrie des Gastgeberlandes bedroht mit 500 Millionen Nutzern die amerikanische Konkurrenz; gleichzeitig trifft man sich in einem Land, in dem freie Rede auch im Netz nur dann frei ist, wenn sie keine Kritik an der Regierung enthält.

© SZ vom 06.04.2013/bero
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