Daten und Verbraucherschutz "Jeder muss sich fragen, ob er einen Dienst wie Facebook wirklich braucht"

Früher hat Lina Ehrig für StudiVZ gearbeitet. Den Facebook-Rivalen gibt es nicht mehr, und auch Ehrig hat den Beruf gewechselt. Sie setzt sich heute bei der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. für mehr Datenschutz ein.

(Foto: oh)

Obwohl das soziale Netzwerk wegen des Skandals um Datenmissbrauch im Kreuzfeuer steht, zeigt es wenig Willen zu mehr Transparenz. Verbraucherschützerin Lina Ehrig fordert mehr Druck von der Politik - und hofft auf Umdenken bei den Nutzern.

Interview von Christian Gschwendtner

Facebook hat nur zögerlich auf den Skandal um den Datenmissbrauch durch Cambridge Analytica reagiert. Am grundlegenden Problem - einem Geschäftsmodell, das auf dem Sammeln und Auswerten von Nutzerdaten basiert - ändert das Unternehmen nichts. Verbraucherschützer wie Lina Ehrig fordern deshalb ein härteres Auftreten gegenüber dem US-Konzern.

SZ: Nehmen Sie Facebook die Reue ab?

Lina Ehrig: Nein, der ganze Skandal um die Beratungsfirma Cambridge Analytica liegt schon Jahre zurück. Facebook zeigt jetzt nur Reue, weil alles aufgeflogen ist. Die wissen genau, dass die Öffentlichkeit das jetzt erwartet. Aber das Geschäftsmodell wird auch in Zukunft darauf basieren, eine möglichst große Menge an Daten auszuwerten und sie dann kommerziell zu nutzen.

Zumindest will Facebook aber "wohlwollend prüfen", ob es seinen Algorithmus offenlegt.

Das müssen die sagen, wenn sie von Katarina Barley zum Gespräch ins Justizministerium bestellt werden. Aber ich gehe nicht davon aus, dass Facebook dazu bereit sein wird. Wir kämpfen schon länger dafür, dass der Algorithmus nicht mehr wie eine Blackbox als Geschäftsgeheimnis verborgen wird. Es würde ja reichen, wenn Facebook gegenüber einer staatlichen Prüfstelle offenlegt, nach welchen Kriterien Botschaften angezeigt werden.

Ist der einzelne Nutzer machtlos?

Jeder muss sich immer wieder fragen, ob er einen Dienst wie Facebook wirklich braucht. Wenn die Antwort ja lautet, kann man nur schauen, ob sich bestimmte Datenerhebungen ausstellen lassen.

Klingt vernünftig, ist aber in der Realität sehr kompliziert.

Genau deshalb fordern wir auch neue Sicherheitsvorschriften. Es soll künftig so sein, dass am Anfang automatisch die strengsten Sicherheitseinstellungen gelten, also privacy by default. Die Leute sollen beruhigt surfen können. Nur wer wirklich möchte, dass Facebook auf alle Fotos und das Adressbuch zugreift, kann das zusätzlich noch einstellen.

Ist es nicht auch scheinheilig, sich hinterher über den Datenmissbrauch zu beschweren, aber vorher alles ins Internet zu stellen?

Nein, die wenigsten wissen doch, was mit ihren Daten passiert. Facebook fragt ja nicht jedes Mal um Erlaubnis. Man könnte natürlich sagen: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Aber okay ist die Datenauswertung deswegen noch lange nicht.

Zwei Wochen

Die EU-Kommission hat dem Facebook-Konzern eine zweiwöchige Frist gesetzt, um Fragen zum Datenskandal zu beantworten. Justizkommissarin Vera Jourová forderte den Internetriesen am Dienstag in einem Brief auf, die Rolle des umstrittenen Unternehmens Cambridge Analytica aufzuklären und die Frage zu beantworten, ob die persönlichen Daten europäischer Facebook-Nutzer betroffen waren. Außerdem wolle sie wissen, wie Facebook gedenke, solche Probleme in Zukunft zu verhindern und die europäischen Datenschutzregeln einzuhalten. Unterdessen hat es Firmenchef Mark Zuckerberg abgelehnt, dem Ausschuss Digitales im britischen Parlament Rede und Antwort zu stehen. In den USA ermittelt inzwischen die US-Verbraucherschutzbehörde FTC. SZ

Die Mehrheit sagt immer noch: Mir doch egal, ich habe ja nichts zu verbergen.

Das ändert sich gerade. Die Leute merken zum ersten Mal, dass zu viele Likes auch negative Konsequenzen haben können. Weil dadurch Wählerprofile erstellt werden können und man durch gezielte Botschaften in seinem Wahlverhalten manipuliert wird. Vor dem aktuellen Datenskandal ist das eher im Verborgenen abgelaufen.

Inwiefern?

Das Erstellen von Nutzerprofilen ist ja nicht nur für Politiker wichtig. Es kann auch für personalisierte Preise genutzt werden. Wenn ich zum Beispiel mit dem iPhone surfe und zu Hause noch ein Mac herumsteht, dann denken die Firmen, dass ich bereit bin, für den neuen Fernseher mehr zu bezahlen als andere Kunden. Wir können das oft nur schwer nachweisen. Aber es ist ein Phänomen, das wir schon länger beobachten.

Was kann die Politik dagegen tun?

Sie könnte sich dafür einsetzen, dass die neue E-Privacy-Verordnung möglichst streng formuliert wird. Dass man Kommunikationsdaten beispielsweise nur mit Einwilligung nutzen darf. Und nicht, weil man als Unternehmen Lust darauf hat.

Und Sie als Verbraucherschützer?

Wir haben Facebook schon ein paarmal erfolgreich verklagt. Unter anderem wegen des umstrittenen Freundefinders. Es ging darum, dass Facebook das gesamte Adressbuch hochlädt und für Freundeseinladungen nutzt. Das Gericht hat damals entschieden, dass die Nutzer vorher klar und deutlich hätten informiert werden müssen.

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