US-Präsidentschaftswahlkampf Facebook wagt die Wahlprognose

Facebook analysiert, was seine Nutzer von den republikanischen Präsidentschaftskandidaten halten. Dabei wertet die Plattform auch Statusmeldungen aus, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Die ersten Ergebnisse sind überraschend, zeigen aber auch die Grenzen der Methode.

Debatte der US-Republikaner: Facebook-Meinungen als Wahlprognose-Werkzeug.

(Foto: AFP)

Welche ungehobenen Schätze für die Sozialforschung in den Nutzerdatenbanken von Facebook schlummerten, damit brüstet sich das Unternehmen ja schon eine ganze Weile. Nun macht es die Probe aufs Exempel in der politischen Meinungsforschung. Am Donnerstag gab Facebook eine neue Partnerschaft mit der vor allem von Journalisten und Politikern in Washington viel gelesenen Nachrichten-Website Politico bekannt.

Im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur bei den Republikanern wollen die beiden Partner (neben täglichen Umfragen nach klassischem Muster, an denen sich wahlberechtigte Nutzer freiwillig beteiligen könenn) auch analysieren, welcher der Bewerber von den Facebook-Nutzern wie oft erwähnt wird, und ob das in einem positiven oder negativen Kontext geschieht.

Facebook greift dazu sehr umfassend auf die Meinungsäußerungen seiner Nutzer zu. Bereits seit dem 12. Dezember hat das Netzwerk sämtliche Nennungen von Kandidatennamen durch seine US-amerikanischen Nutzer erfasst, in Postings, Status-Updates, Links und in Kommentaren - und zwar offenbar unabhängig davon, ob diese nach den Privatsphäreeinstellungen privat oder öffentlich sind.

Einzigartig umfangreiche Datenbasis

Natürlich werden die Ergebnisse lediglich anonymisiert und quantifiziert dargestellt und die Erfassung läuft rein maschinell - weder bei Politico noch Facebook sollen Menschen individuelle Einträge lesen. Stattdessen ermittelt eine Software namens Linguistic Inquiry and Word Count, ob die Namen der Politiker im Zusammenhang mit positiven Begriffen wie "lieben" und "nett" oder negativen wie "hassen" und "fies" genannt werden und leitet daraus eine emotionale Konnotation ab.

Die Datenbasis für das Projekt ist einzigartig umfangreich. Zwar möchte Facebook nicht mitteilen, wie viele Nutzer das Netzwerk in den USA genau hat, es seien aber in jedem Fall mehr Menschen als insgesamt bei der Präsidentschaftswahl 2008 abgestimmt haben. Das taten nach den offiziellen Angaben seinerzeit mehr als 130 Millionen von gut 230 Millionen wahlberechtigten Amerikanern (offizielle Statistik hier als pdf).

Einige Ergebnisse im wahren Leben bilden die ersten Facebook-Auswertungen bei Politico denn auch recht realistisch ab. Etwa die Führungsposition von Mitt Romney, oder den Einbruch des christlich-erzkonservativen Rick Santorum nach seinem Überraschungserfolg in Iowa. Andererseits war der moderate Jon Huntsman zwar bei den Facebook-Nutzern populär, nicht aber beim Wähler in Iowa.

Ron Paul dominiert Twitter

Da zeigen sich Verzerrungen, die zum Beispiel entstehen, weil unterschiedslos Wähler aller Parteien erfasst sind, und auch Menschen, die gar nicht ins Wahlregister eingetragen sind. Wichtige Wählergruppen wie Senioren sind bei Facebook unterrepräsentiert, jüngere Wähler, mit eher schlechter Beteiligungsquote hingegen überproportional stark vertreten. Dennoch dürfte der Querschnitt der Bevölkerung hier noch weit repräsentativer sein als bei anderen sozialen Medien.

Das Beratungsunternehmen Sociagility hatte vor dem republikanischen Caucus, der Vorwahl, die in der vergangenen Woche in Iowa stattfand, die Auftritte der Kandidaten in verschiedenen Social Networks (Facebook, Twitter, YouTube) und ihre offiziellen Websites ausgewertet und von einer starken Korrelation zwischen Popularität, Reichweite und Interaktionsgrad im sozialen Web und wahrscheinlichen Wahlentscheidungen gesprochen. In der Vorhersage lag man dann aber ziemlich daneben. Sociagility zufolge hätte der im Netz notorisch populäre libertäre Ron Paul mit weitem Abstand gewinnen müssen, in Wahrheit belegte er bloß den dritten Platz.

Kein anderer Kandidat, das zeigte eine andere Auswertung, wurde in den letzten Wochen so häufig und keiner so positiv bei Twitter erwähnt wie wiederum Ron Paul. Ein Ergebnis, das darauf hinweist, dass zumindest auf Twitter vor allem die aktiven Anhänger von Parteien und Kandidaten über Politik sprechen - besonders rege Unterstützer können so verzerren, wie populär ein Politiker wirklich ist.

Die für reale Wahlergebnisse entscheidenden Unabhängigen tragen ihre eher leidenschaftslosen Präferenzen eben nicht in gleicher Weise nach außen, auch nicht im sozialen Netzwerk.

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