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US-Autor James Gleick im Gespräch:"Informationen sind der wertvollste Besitz der Menschheit"

Der Wissenschaftsautor James Gleick erzählt in seinem neuen Buch die Geschichte der Information und beschreibt dabei Entwicklungen von den afrikanischen Trommeln bis zur Internetrevolution. Ein Gespräch über Google, Facebook und die Wunder der vernetzten Welt.

Johannes Kuhn

Der US-Amerikaner James Gleick gehört zu den renommiertesten Wissenschaftsautoren weltweit. Sein Buch "Chaos" brachte die Chaostheorie und den Schmetterlingseffekt in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, 1993 gründete er mit "The Pipeline" einen der ersten Internet-Provider der USA.

US-Wissenschaftsautor James Gleick: "Natürlich macht uns der Überfluss an Informationen nervös."

In seinem neuen Buch "Die Information: Geschichte, Theorie, Flut" (erschienen im Redline Verlag) beschreibt der Autor, der auch für die New York Times schreibt, die Geschichte der Information von der frühen afrikanischen Trommelkommunikation bis zum Internet-Zeitalter.

Er zeigt darin, wie unsere Zivilisation mit Hilfe neuer Techniken zur Informationsgesellschaft wurde: Von den Bits eines Computers über die Wissensreservate des Internets bis zum Zahlencode unserer DNS - längst ist die Information zum prägenden Konzept der Gegenwart geworden.

sueddeutsche.de: Sie versuchen in Ihrem Buch, die Geschichte der Information nachzuzeichnen. Dort beschreiben Sie viele Veränderungen darin, wie wir Menschen Informationen speichern und transportieren. Welche war die wichtigste?

Gleick: Es ist immer verführerisch, gegenwärtige Veränderungen als besonders wichtig zu erachten. Was nun passiert, die digitale Vernetzung von allen und allem, ist sicherlich absolut prägend für die Gegenwart - wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass wir alle einen Computer haben wollen, weil er uns den Zugang zu den digitalen Kommunikationsnetzwerken ermöglicht? Aber es wäre entweder arrogant oder naiv zu glauben, dass diese technischen Entwicklungen wichtiger sind als beispielsweise die Erfindung der Schriftsprache.

sueddeutsche.de: Sie schildern in Die Information, wie es das Bewusstsein der Menschen veränderte, als die Sumerer die Schrift entwickelten. Inwieweit können wir das mit dem vergleichen, was mit uns und unserem Gehirn durch die Digitalisierung der Welt passiert?

Gleick: Wenn Menschen sagen, das Speichern und Abrufen von Informationen im Netz mache uns hohl und dumm, nehme ich das nicht so ernst. Alles, was wir erleben, verändert unser Gehirn. Bestimmte bahnbrechende Entwicklungen in der Informationsverarbeitung können wir nicht rückgängig machen. Wir sagen ja auch nicht: "So würde unser Gehirn ohne die Fähigkeit zu lesen funktionieren".

sueddeutsche.de: Weil uns Schrift überall begegnet.

Gleick: Richtig, sogar Analphabeten leben heute in einer alphabetisierten Welt. Zum Beispiel wäre das Konzept der Geschichte ohne die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben nicht möglich. Natürlich war Homer auch ein Überlieferer von Geschichte, aber es gab keine Möglichkeit, etwas zu datieren oder Informationen länger zu speichern.

sueddeutsche.de: Sie schreiben allerdings von dem großen Unterschied, dass es früher sehr wenige, heute einen Überfluss an Informationen gibt.

Gleick: Natürlich macht uns der Überfluss an Informationen nervös. Aber wenn wir in der Geschichte zurückblicken, hatten die Menschen dieses Gefühl schon öfter. Heute mag es lachhaft klingen, aber als die Druckerpresse erfunden wurde, beschwerten sich Menschen, dass sie bei so vielen Informationen nicht mehr die wesentlichen Dinge im Auge behalten könnten. Bibliotheken wurden kritisiert, weil angeblich so viele Bücher in den Regalen liegen würden, dass man keine mehr finden konnte. Der Kampf mit den Veränderungen gehörte schon immer zu unserem Dasein.

sueddeutsche.de: Wer entscheidet, wie die Menschen die neuen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung in der Praxis nutzen?

Gleick: All diese Entscheidungen treffen Individuen, weshalb sie nicht unbedingt vorhergesagt werden können. Nehmen Sie das Telefon: Am Anfang dachte man, Telefone wären nur etwas für Geschäftsleute, End-zu-End-Verbindungen für Fachleute, ähnlich dem Telegraphen, für den man ja einen Code lernen musste. Natürlich wurde schnell klar, dass es sehr einfach ist, ein Telefon zu bedienen: Man muss nur sprechen und zuhören - und sofort entwickelten die Menschen eine eigene Nutzungsform und Sprache, die sich von unten nach oben, nicht nach Vorgabe der Hersteller durchsetzte. Gerade im Cyberspace setzen Nutzer immer wieder eigenen Konventionen. Denken Sie an Twitter: Ob Sie es als Verbreitungswerkzeug für Informationen, als Nachrichtenquelle oder zur losen Kommunikation mit Bekannten nutzen, spielt keine Rolle. Es gibt fast so viele Nutzungsformen, wie es Nutzer gibt.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt bei solchen Entwicklungen die Frage, wer die Kontrolle über Informationen besitzt?

Gleick: Eine der Kernaussagen meines Buches ist, dass Informationen das Wertvollste sind, was die Menschheit besitzt. Von ihnen hängt alles ab, deswegen müssen wir ein Gespür dafür entwickeln, wer Informationen kontrolliert, wo sie herkommen. In den vergangenen Jahren ist ein Spannungsfeld zwischen Regierungen und Unternehmen entstanden, bei dem es darum geht, wer über die neuen Kommunikationsnetzwerke bestimmt. Dazwischen irgendwo sind die Nutzer, die derzeit noch unkoordiniert agieren.

sueddeutsche.de: Wie wird sich dieser Konflikt weiterentwickeln?

Gleick: Darüber kann ich wirklich keine Voraussage treffen, aber wir als Bürger sollten uns klar sein, dass wir in der digitalen Welt ständig Informationen produzieren, die mit unserem Leben, unseren Gewohnheiten zu tun haben. Und dass diese Informationen einen Wert haben, nicht nur für Firmen wie Google.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt die Frage, wem Informationen im juristischen Sinne gehören?

Gleick: Es gibt in diesem Bereich definitiv eine große Unschärfe. Jeder, der einen Computer benutzt, stößt ständig auf scheinbar legale Geschäftsbedingungen, die er für die Nutzung eines Dienstes bestätigen muss, aber niemals liest. Alle möglichen Firmen erheben Anspruch, Eigentümer unserer Daten sein, aber diese Grundsatzfrage wurde nie geklärt.

sueddeutsche.de: Bräuchten wir so etwas wie ein Informations-Urheberrecht?

Gleick: Ich glaube, das Urheberrecht hilft uns hier nicht weiter. Ein Autor mag das Urheberrecht an einem Buch besitzen, aber nicht an den Informationen, die darin enthalten sind, sondern an der speziellen Präsentationsform. Fakten können von niemandem besessen werden, sie sind frei. Ich denke, dass Informationen über uns weder einem bestimmten Unternehmen noch einer Regierung gehören sollten. Und auch wir selbst sollten an den Informationen, die wir erschaffen, zwar Rechte besitzen, nicht aber das Eigentum. Insofern ist es gut, dass die Frage nach dem Eigentum nicht geklärt ist.

sueddeutsche.de: Nachdem Sie die Geschichte der Information als die der Informationstechnologie beschrieben haben: Wie wird der Abschnitt, der nun begonnen hat?

Gleick: Ich bin eigentlich ganz optimistisch. Natürlich stellt sich die Frage, was passiert, wenn die prägenden Informationsströme über Server von Konzernen laufen. Aber ich habe keine Angst vor Google, ich mache mir nur etwas Sorgen. Facebook mag vielleicht sogar in ein paar Jahren vergessen sein. Die Menschheit ist unverwüstlich, wenn es darum geht, neue Formen des Informationsaustausches zu finden. Deshalb behaupte ich nicht nur, dass das Internet eine wundervolle Sache ist - menschliche Kommunikation schafft generell mehr Gutes als Schlechtes. Denn sie dient der Wahrheit.

© sueddeutsche.de/mri
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