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Universalhistoriker Yuval Harari:Trost in der Ideologie des Neoliberalismus

Sie beschreiben eine technische Entwicklung: Wie stark können wir diese lenken?

Wir verlieren die Kontrolle. Ich spreche häufig mit Wissenschaftlern, die an Projekten wie dem Human Brain Project arbeiten (EU-Projekt mit dem Ziel, das Gehirn besser zu verstehen, d. Red.). Sie sagen Sachen wie "Wenn wir ein menschliches Gehirn im Computer simulieren können, können wir viele psychische Krankheiten heilen." Aber die Auswirkungen wären viel gravierender. Ich bin erstaunt, wie viel diese Menschen wissen, aber wie limitiert ihr Bewusstsein darüber ist, was sie tun.

Es gibt immer noch andere gesellschaftliche Institutionen.

Nun, die Politik scheint viele Entwicklungen nicht einmal wahrzunehmen. Nationalstaatliche Regierungen sind immer noch effizient darin, Länder zu leiten, die Gegenwart zu managen, das Bildungssytem und ähnliche Dinge. Aber sie haben keine Vision mehr für die Zukunft, übernehmen keine Führung. Sie trösten sich mit der Ideologie des Neoliberalismus, die einfach sagt: Kümmert Euch um nichts, die unsichtbare Hand des Marktes regelt alles. Die Visionen für die Zukunft der Menschheit findet man inzwischen in privaten Firmen wie Google.

Wo bleibt in diesen Prozessen der Einzelne?

Die meisten großen Veränderungen geschehen, ohne dass die Mehrheit davon etwas mitbekommt. Die Jäger und Sammler saßen vor der landwirtschaftlichen Revolution nicht ums Feuer und stimmten darüber ab, ob sie jetzt Felder bepflanzen und Brunnen bauen sollten. Sie wussten auch nichts von den Konsequenzen, dass durch die steigende Geburtenrate der Einzelne am Ende weniger Nahrung hatte, dass bei einer Dürre plötzlich 40 Prozent der Bevölkerung starben, dass sie bald Leibeigene im Dienste eines Pharaos sein würden. Es waren viele kleine Entscheidungen, ein Prozess von Hunderten von Jahren.

Ein Zeitraum, der heute unvorstellbar wirkt.

Ja, selbst die industrielle Revolution benötigte noch Generationen, um ihre Wirkung zu entfalten. Heute dauert ein solcher Veränderungsprozess vielleicht 20 Jahre. 1850 lebten die meisten Menschen im Delta des chinesischen Yangtze-Flusses und pflügten ihre Felder, während in Manchester und Liverpool die Dampfmaschinen und das Eisenbahnnetz perfektioniert wurden - etwas, was das Leben aller Menschen veränderte. Nationen wie Großbritannien, Japan und Deutschland übernahmen die technologische Führung, der Rest der Welt verstand es zunächst nicht. China benötigte 150 Jahre, um die Industrienationen einzuholen.

Wie groß ist die Gefahr einer ähnlichen Spaltung durch die neuen Hochtechnologien?

Wir werden gewaltige Ungleichheiten erleben. Einige Länder werden die Richtung vorgeben, viele Länder in Afrika und dem Nahen Osten bleiben zurück. Aber auch innerhalb von Nationalstaaten sehen wir bereits, dass die Einkommensungleichheit wächst - jene Kluft, die im Laufe des 20. Jahrhunderts geschlossen schien, reißt jetzt wieder auf. Und ich glaube, dass wir erstmals in unserer Geschichte eine Unterteilung in biologische Kasten sehen könnten - weil Medizin es im 21. Jahrhundert ermöglicht, Menschen ein Upgrade zu verpassen, Fähigkeiten zu entwickeln, die weit jenseits der Norm liegen.

Das klingt gruselig.

Sehen Sie sich schon heute Viagra an, das auch gesunde Männer zur Steigerung ihrer sexuellen Fähigkeiten verwenden; oder Ritalin, das nicht mehr Konzentrationsmängel behebt, sondern als Lernhilfe genutzt wird. Unter israelischen Studenten gibt es ein regelrechtes Wettrüsten - wenn der Typ neben mir Ritalin benutzt, brauche ich es auch. Und damit beginnt ein Prozess, der den Abstand wachsen lässt zwischen jenen, die sich diese Form der Medizin - das Superritalin - leisten können, und jenen, die zu arm dafür sind. Und das wird für neue Formen der Medizin wie Gehirnimplantate umso mehr gelten.

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