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Umstrittene Autocomplete-Funktion:Autocomplete-Funktion ist manipulierbar

Auch scheint sich Google nicht überall damit herausreden zu können, man stelle nur dar, was andere suchten. Nach einem Bericht des Courthouse News Service soll ein französisches Gericht Google 2011 zu einer Strafe von 65.000 Dollar verurteilt haben, weil in Frankreich der Name des Versicherers Lyonnaise de Garantie in der Autovervollständigen-Suche mit dem französischen Wort für Betrüger, Escroc, verknüpft war. Neben der Geldstrafe musste Google dem Bericht zufolge auch den rufschädigenden Begriff aus der Suchfunktion entfernen. Die Strafe wurde bezahlt, Google ist derzeit in Berufung.

Hinzu kommt: Die Ergebnisse sind manipulierbar. Der Suchmaschinen-Experte Daniel Wette hat das ausprobiert. Der Kölner betreibt eine Marketing-Firma. Für einen Vortrag auf einem Branchenkongress hat er sich ausführlich mit Googles Autocomplete-Funktion beschäftigt. Wette sagt, die automatischen Suchvorschläge zu manipulieren, sei nicht schwer. Vor allem Firmen würden heute schon genau darauf achten, welche Begriffe bei Google im Zusammenhang mit ihrem Unternehmen angezeigt würden und im Zweifelsfall Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Manipulation der Autovervollständigung könne inzwischen jeder kaufen. Je häufiger nach einem Unternehmen gesucht werde, desto schwieriger und teurer werde es.

Negative Begriffe erhöhen Klickrate

Bei einem Test sei es ihm gelungen, die angezeigten Vorschläge mehrfach auszutauschen. Mit interessantem Ergebnis: Wurde der Ausgangssuchbegriff mit einem negativ konnotierten Wort kombiniert, lag die Klickrate bei durchschnittlich fünf Prozent. Wurde der Suchbegriff mit einer positiven Konnotation versehen, sank die Klickrate auf nahezu null Prozent. Wette schließt daraus, dass Googles Autovervollständigungs-Funktion vordergründig für negative Informationen wie ein Verstärker wirkt. Zu Ende gedacht, ergibt sich eine Art informationeller Zirkelschluss: Google stellt nicht nur dar, was Menschen suchen. Googles Darstellung dessen, was Menschen suchen, beeinflusst wiederum, was Menschen bei Google suchen. Allein schon die Entscheidung, jeweils vier Autovervollständigungen anzuzeigen, kann Fragen aufwerfen: Warum nicht nur zwei oder gar zehn?

Bettina Wulff hat mit ihrer Klage eine Debatte ins Rollen gebracht, an deren Ende die Frage stehen könnte, ob Google ähnlich wie einem Medienunternehmen eine redaktionelle Verantwortung zukommt. Auch wenn sie das gar nicht beabsichtigt hat, scheint schon jetzt ein Mythos entzaubert worden zu sein: Neutral und objektiv sind auch Googles Algorithmen nicht

Mitarbeit: Hans von der Hagen

© Süddeutsche.de/goro/rus
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