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Ulrich Kelber:"Ich verwende kein Whatsapp, weil ich das nicht verantworten kann"

Mit der Bundesregierung stimmen Sie als Datenschützer also nicht immer überein. Aber noch viel öfter ärgern Sie sich über Unternehmen. Welche Konzerne machen Ihnen im Moment die größten Sorgen?

Das sind natürlich Facebook und Google. Allein aufgrund ihrer Größe und der Zahl ihrer Nutzer. Wobei sie ja nicht nur Daten von Menschen sammeln, die sich dort anmelden, sondern ihre Fühler ins gesamte Netz ausstrecken. Insbesondere bei Facebook wird jede Woche über einen möglichen neuen Datenschutzverstoß gesprochen. Wir müssen aber auch bei Start-ups im Versicherungs-, Finanz- und Gesundheitsbereich sehr genau hingucken.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat kürzlich angekündigt, das Thema Privatsphäre zum neuen Markenkern von Facebook zu machen. Das müsste doch ganz in Ihrem Sinne sein?

Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Bislang lief es doch immer so: Wenn Facebook erwischt wurde, haben sie vielleicht ein bisschen was verändert und leise sorry gesagt. Und dann wurde kurze Zeit später ein noch größerer Hammer bekannt. Zuckerberg hat vor allem über Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gesprochen. Auch wenn das aus datenschutzrechtlicher Sicht grundsätzlich zu begrüßen ist, könnte die Verschlüsselung zu einer Form der Kundenbindung bis hin zur Kundenfesselung führen. Vor allem, wenn man dann noch weiß, dass Facebook die Chats von Whatsapp, Instagram und dem eigenen Messenger zusammenführen will. Da wird der Markt für die Konkurrenz schnell sehr klein.

Was hätten Sie sich denn von Zuckerberg gewünscht?

Er hat kaum darüber gesprochen, was Facebook selbst mit all den Nutzerdaten, Verkehrsdaten und Metadaten anstellt. Da hieß es dann bloß: Vielleicht müssen wir sie nicht ganz so lang aufbewahren und womöglich sollten wir uns manchmal Gedanken machen, ob wir sie gar nicht speichern. Das ist mir zu wenig. Also lieber Mark, beim nächsten Mal dann: "Wir werden aufhören, unsere Kunden auszuspionieren und gar keine Daten von Menschen sammeln, die kein Konto bei uns haben." Das wäre doch mal eine Ansage.

Sie haben erwähnt, dass Facebook eine gemeinsame technische Plattform für seine Dienste und Messenger entwickeln will. Dabei würden die Daten von Milliarden Menschen zusammengeführt. Lässt sich das überhaupt durchführen, ohne gegen geltendes Datenschutzrecht zu verstoßen?

Soweit wir das wissen, sind die Überlegungen in einem sehr frühen Stadium. Deswegen kann man das noch nicht beurteilen. Sicherlich wäre es danach noch leichter, plattformübergreifende Nutzerprofile anzulegen. Und der Lock-in-Effekt wäre noch extremer. Ich weiß aber, dass die zuständige irische Kollegin Facebook bereits um Informationen gebeten hat. Sie wird uns da auf dem Laufenden halten, und wir werden das kritisch begleiten.

Ihr Hamburger Kollege Johannes Caspar hat sich mehrfach mit Facebook unter anderem wegen Whatsapp angelegt. Er wirft dem Unternehmen "Irreführung" vor und verlangt, dass Nutzerdaten nicht mehr an Facebook weitergegeben werden. Facebook nimmt das nicht besonders ernst. Gibt es irgendeine Handhabe, um Whatsapp und Facebook an die Leine zu legen?

Zum Zeitpunkt von Caspars Anordnung lag keine gültige Einwilligung der Whatsapp- Nutzer vor. Facebooks Vorgehen war damit rechtswidrig. Nach dem neuen EU-Recht ist mittlerweile aber die irische Kollegin zuständig. Die muss jetzt einen Entwurf für ihre abschließende Beurteilung vorlegen. Als Reaktion sind theoretisch viele Maßnahmen möglich, von Anordnungen bis zu Geldbußen. Es ist auch denkbar, dass Facebook nachweisen muss, dass es die Daten wieder entflochten hat.

Whatsapp greift auch auf das Adressbuch zu und liest die Kontakte aus. Kann ich so einen Messenger im geschäftlichen Kontext legal nutzen?

Das geht schon. Aber sie brauchen die Einwilligung.

Von jedem Kontakt?

Von jeder einzelnen Person aus dem Adressbuch.

Whatsapp auf einem Smartphone mit beruflichen Kontakten legal zu nutzen, ist also schwierig bis unmöglich?

Sagen wir es so: Mein Rat wäre es, die berufliche und private Nutzung strikt zu trennen.

Können Sie Alternativen empfehlen?

Ich empfehle keine einzelnen Anwendungen. Ich habe mal gesagt, dass ich selbst auf meinen Geräten kein Whatsapp verwende. Das hat zu Kritik geführt. Ich wiederhole es hiermit aber gern, weil ich das einfach nicht verantworten kann. Stattdessen nutze ich mit unterschiedlichen Kontakten unterschiedliche Messenger, und das klappt im Alltag gut.

Datenschutz und Privatsphäre sind nicht besonders sexy. Wie wollen Sie versuchen, Menschen dafür zu interessieren?

Das tun sie doch bereits, ganz ohne mein Zutun: Zum einen sind die Leute bereits sensibler im Umgang mit Daten geworden. Telefonnummern weitergeben, Fotos in die Öffentlichkeit stellen, damit sind sie vorsichtiger. Zum anderen hat sich die Zahl der Eingaben bei den Datenschutz-Aufsichtsbehörden verdreifacht. Es gibt also ein deutlich größeres Bewusstsein. Allerdings muss auch nicht jedes Thema sexy sein. Die Menschen erwarten zurecht, dass die Unternehmen sich an Recht und Gesetz halten. Sie erwarten vom Staat, dass er Grundrechte schützt. Gut wäre es, wenn sie zusätzlich noch eine etwas höhere digitale Kompetenz entwickeln. Denn ganz ohne Selbstschutz geht es auch nicht.