Ubuntu-Smartphone von BQ Wisch und weg

Das Ubuntu-Smartphone von BQ

(Foto: dpa-tmn)

Wer seine Smartphone-Daten nicht in der Cloud von großen Firmen wie Google oder Apple speichern möchte, hatte bislang wenig Auswahl. Jetzt gibt es eine Alternative: ein Handy mit dem Linux-Betriebssystem Ubuntu. Doch ist es auch alltagstauglich?

Von Helmut Martin-Jung, Barcelona

Man muss sich da nichts vormachen: Für die meisten endet die Überlegung, ob ein Handy mit dem Betriebssystem Ubuntu vielleicht etwas für sie wäre, recht schnell. Dann zum Beispiel, wenn gefragt wird, ob es denn diese oder jene App auch für dieses Gerät gäbe. Die Antwort lautet nämlich in den allermeisten Fällen: nein. Oder: irgendwann vielleicht.

Der Cloud entkommen

Aber es gibt auch Menschen, denen es nicht passt, dass man bei großen Anbietern mittlerweile der Cloud kaum noch entkommt. Dass Einstellungen, Adressbücher, Musik, Fotos und so weiter in Rechenzentren der Anbieter gespeichert werden. Das ist bequem, dient als Datensicherung und macht Dinge möglich, wie etwa, den Daheimgebliebenen automatisch Urlaubsfotos zukommen zu lassen. Doch nicht jeder will das. Und hier kommt Ubuntu wieder ins Spiel. Das System verzichtet auf diesen Zwang, die Daten bleiben auf dem Handy und aus.

Aber wie alltagstauglich ist das System schon? Der spanische Hersteller BQ vertreibt seit kurzem eine Version seines Einsteiger-Geräts Aquaris 4.5 mit dem Betriebssystem aus der Linux-Community. Das Handy-Ubuntu ist im Vergleich zu Android wesentlich näher dran an den Linux-Versionen, die es bekanntlich auch für Computer oder Server-Rechner gibt. Für alle, die sich auskennen, eröffnet sich also ein weites Betätigungsfeld. Wer mit Recovery Reboot, read-only gemounteten Systempartitionen und so weiter eher weniger anfangen kann, sollte entweder eine Person kennen, die da durchblickt oder muss sich eben mit den Basisfunktionen zufrieden geben.

Für 170 Euro ein Einsteigergerät

Das Aquaris 4.5, das es in nahezu identischer Ausstattung übrigens auch mit Android gibt, ist mit seinem Preis von 170 Euro ein Einsteigergerät. Das merkt man auch ein bisschen, wenn man sich durch die für das Ubuntu-Handysystem typischen "Scopes" wischt. Sie erinnern ein wenig an Apps wie Flipboard, nur dass es nicht nur um News geht, sondern dass verschiedene Anwendungen auf jeweils einem Bildschirm zuammengefasst werden können. Eine Schnellstartleiste für Apps, die man häufig verwendet, lässt sich von der linken Längsseite des Bildschirms her mit einem Wisch anzeigen.

Überhaupt Wischen: Nie war es so wichtig wie bei Ubuntu auf dem Handy. Seitlich geht es von Scope zu Scope, von rechts werden geöffnete Apps eingeblendet. Ein Wisch von oben zeigt Benachrichtigungen an, ein Wisch von unten bringt die Einstellungen auf den Schirm. Bei unserem Testgerät, das wir auf dem Mobile World Congress ausprobiert haben, ruckelte es hin und wieder auf dem Weg von einem Bildschirm zum anderen. Mit seinen 960 mal 540 Bildpunkten ist der ohnehin kein Pixelmonster, LTE ist nicht vorgesehen. Auch die sonstige Ausstattung ist dem Preis entsprechend Mittelklasse, einzige Ausnahme: Der Hersteller hat zwei Slots für SIM-Karten eingebaut und auch einen für eine Micro-SD-Karte (bis 32 Gigabyte werden akzeptiert).

Viel Interesse aus Deutschland

Bisher verkauf BQ das Ubuntu-Handy nur per sogenanntem Flash-Sale. Wenn es wieder eine Charge gibt, kündigt das in Madrid beheimatete Unternehmen das auf seinem Twitter-Acount an. Verkaufszahlen nennt BQ zwar nicht, viel Interesse gebe es aber aus Deutschland, von woher ein Viertel aller Anfragen kommen. Man wolle aber weitermachen, betont bq-Mitgründer Rodrigo del Prado, es sei eben wichtig, dass es auch ein freies Handy-Betriebssystem gebe, dass von einer Community entwickelt werde.

Fazit: Ein Gerät, das für Linux-Kenner und Bastler sehr interessant ist. Für Normalnutzer kommt es nur dann in Frage, wenn die auf Apps keinen großen Wert legen, sich dafür aber nicht in die Cloud nötigen lassen wollen.