bedeckt München 31°

Typographie im Internet:Adieu Systemschriften

Im Internet herrscht ein Mangel an Schriftarten. Dem Medium fehlt es schlicht an technischen Möglichkeiten, typographische Neuerungen umzusetzen - bis jetzt.

Im Internet kündigt sich seit einigen Monaten ein Fortschritt des Mediums an, den man ihm kaum zutraut - ein ästhetischer. Denn man kann sich heute zwar Kinofilme online ansehen, aber die Zeitung auf dem Bildschirm in der Schrift lesen, wie sie das bedruckte Papier zeigt, das geht nicht. Gute Typographie ist im Internet rar.

Für Gutenberg haben sich Effizienz und Form, Technik und Ästhetik nicht ausgeschlossen. Das war einmal.

(Foto: Foto: Eberhard Wolf)

Weil die Produktionstechnik das Design bestimmt, verliert die Form zeitweilig mit jedem technischen Fortschritt - erst die Ingenieure, dann die Formgestalter. Nur Johannes Gutenberg entwickelte als ganzheitlicher Mittelaltermensch noch so viel Ehrgeiz, dass ihm die Form seiner Druckerzeugnisse ebenso wichtig war wie die effiziente Herstellung: Für seine Bibel machte er nicht nur 26 Kleinbuchstaben, sondern 63 in verschiedenen Breiten, um alle Zeilen auf gleiche Länge auszutreiben.

Sein Werk sollte der Schönheit der Handschriften, mit denen bislang Bücher in Klöstern geschrieben wurden, nicht nachstehen. Er goss insgesamt fast dreihundert bleierne Schriftzeichen, also auch diverse Großbuchstaben, über achtzig Ligaturen (Verschmelzungen von zwei und mehr Typen) und sogar fünf verschiedene Kommata.

Zahl der Ligaturen reduziert

Technische Neuerungen sind meist ökonomisch begründet - so sparten spätere Drucker und Schriftgießer die verschieden breiten Buchstaben ein, reduzierten die Zahl der Ligaturen und Abbreviaturen und brachten die Zeilen nunmehr durch Änderungen der Wortzwischenräume auf gleiche Länge. Typographisch wurde dabei nichts gewonnen, bis heute sieht man löchrige Buchseiten.

Der maschinelle Satz mit der Zeilenguss-Setzmaschine vergrößerte das typographische Problem, aber die Bücher wurden billiger und für jedermann zugänglich. Große Hoffnungen weckte das Fotosatzverfahren. Die Satzherstellung wurde noch stärker beschleunigt, und dem Typographen eröffneten sich neue Möglichkeiten - die nur kaum sinnvoll genutzt wurden, weil es wie zu allen Zeiten oft allein um den Herstellungspreis geht und man die Form darüber vernachlässigt.

Schon 1944 wird in Frankreich das erste Fotosatz-Patent angemeldet, auch der Schreibsatz, der Vorlagen für den Offsetdruck liefert, entsteht in den 1940er Jahren. In den sechziger Jahren verbreiten sich diese Verfahren zügig, aber Mitte der Achtziger löst das Desktop Publishing den Fotosatz ab. Bald konnte jeder auf seinem Computer digital Schrift setzen, eine Datei in die Druckerei schicken und drucken lassen.

Steigendes Interesse an digitalen Schriften

Langsam erholt sich nun die Typographie, denn die Eröffnung der Möglichkeiten hat auch mehr Menschen dazu gebracht, sich mit der Form von Gedrucktem zu befassen. Typographie hat an Beliebtheit gewonnen, junge Leute probieren sich im Entwurf digitaler Schriften und besuchen Kongresse über graphisches Design. Es gilt als chic, über Fonts (Schriften) zu plaudern. Heute gibt es herausragend gestaltete Drucksachen, wie es im Bleisatz technisch kaum möglich war.

Aber was ist im Internet los? Dem am stärksten wachsenden Medium, das wie kein anderes seine Nutzer erdumspannend verbindet, fehlt es an technischen Möglichkeiten, jene Schriften einzusetzen, die fast täglich irgendwo neu erscheinen. Was soeben in ein Weblog geschrieben wird, ist sofort weltweit lesbar.

Auf der nächsten Seite: Wie Schriften in Zukunft dargestellt werden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite