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Twitter-Gründer Jack Dorsey:Teilzeit-Retter in 140 Zeichen

Dorsey, interim CEO of Twitter and CEO of Square, goes for a walk on the first day of the annual Allen and Co. media conference in Sun Valley in this file photo

Twitter-Gründer Jack Dorsey steht jetzt wieder an der Spitze des Unternehmens - während er sich auch um den Bezahldienst Square kümmern muss.

(Foto: REUTERS)

Multimilliardär Jack Dorsey ist gleichzeitig Chef von Twitter und des Bezahldienstes Square. Kann das gutgehen? Oder führt das unweigerlich zur Katastrophe?

Auf 150 Metern findet mitten in San Francisco gerade eines der unterhaltsamsten Experimente der Technologie-Branche statt: Im Dachgeschoss von Market Street Nummer 1355 sitzt Jack Dorsey, Mitgründer und wiederernannter Chef von Twitter. Vormittags. Einen Block weiter in Market Street 1455 sitzt Jack Dorsey, Gründer und Chef des Bezahldienstes Square. Nachmittags.

Die eine Firma (Square) will Dorsey an die Börse bringen, die andere (Twitter) aus der Schusslinie der Wall Street nehmen. Halbtags. In der Branche werden gerade Wetten darüber abgeschlossen, ob das funktionieren kann oder die Welt in Zeitlupe erlebt, wie fehlgeleiteter Ehrgeiz zu einem unternehmerischem Unfall mit Totalschaden führt.

Dass sich der als ambitioniert geltende Dorsey beide Aufgaben zutraut, ist kein Wunder - immerhin hat sein Vorbild Steve Jobs mit Pixar und Apple ebenfalls zeitweise zwei Firmen gleichzeitig geführt.

Twitter steht wegen fehlender Profite unter Druck

Square gilt trotz geringer Gewinnmargen noch als vergleichsweise einfache Herausforderung: Die mit sechs Milliarden Dollar bewertete Firma hat ein intaktes Führungsteam und konzentriert sich darauf, zum Komplettservice für kleine Ladeninhaber zu werden. Dorsey wollte mit dem mobilen Kreditkartenleser ursprünglich den Handel revolutionieren; die Umsetzung der jetzigen, bodenständigeren Strategie überlasse der einst als Mikro-Manager gefürchtete Design-Spezialist deshalb gerne seinen Managern, heißt es.

Twitter wirkt als Echzeit-Pulsmesser des Weltgeschehens und "Erstgeborenes" von Dorseys Start-ups verlockender, steht allerdings wegen fehlender Profite unter dem Druck der Anleger und hat auch sonst mit heftigen Problemen zu kämpfen. In den vergangenen zwölf Monaten wechselte die Firma fast das komplette Management aus und erlebte einen Brain Drain von Talenten, der auf dem heiß umkämpften Arbeitsmarkt des Silicon Valley nur schwer verkraftbar ist.

Dorseys Vorgänger Dick Costolo wurde von der Belegschaft zwar geschätzt, galt aber als zögerlicher Entscheider und unfähig, belastbare Strukturen in einer Firma zu etablieren, die innerhalb von nur drei Jahren von 350 auf 3500 Mitarbeiter gewachsen ist.

Reifungsprozess eines Multimilliardärs?

Schon im Juli hat der damals noch interimistisch agierende Dorsey den ehemaligen Komiker Costolo recht unverblümt kritisiert und die stagnierende Zahl neuer Nutzer als "nicht hinnehmbar" bezeichnet; am Mittwoch legte er nach und warb auf der hauseigenen Entwickler-Konferenz um einen "Neustart der Beziehung" mit den externen Software-Schmieden. Die sollen mit neuen Diensten auf Twitter-Basis das Wachstum ankurbeln, wurden aber in der Vergangenheit häufiger ausgebremst, wenn ihre Ideen zu erfolgreich wurden. Dies seien "Verwirrungen" gewesen, für die sich seine Firma entschuldigen wolle, erklärte Dorsey.

Ob hinter solchen Distanzierungen der rücksichtslose und machtbesessene Jack Dorsey aufscheint, den US-Autor Nick Bilton in seiner Twitter-Biografie skizzierte, ist nicht gesagt. Befürworter sprechen von einem Reifungsprozess des Multimilliardärs, der jüngst 20 Prozent seiner Square-Anteile in eine Stiftung zur Unterstützung Benachteiligter überführen ließ.

Vergangene Woche entließ Dorsey - quasi als erste Amtshandlung nach seiner endgültigen Inthronisierung Anfang Oktober - 336 Twitter-Mitarbeiter. Zuvor hatte die Firma mit "Moments" eine Funktion eingeführt, die den Dienst auch für Nutzer zugänglicher machen soll, die das 140-Zeichen-Prinzip nicht verstanden haben. Der Mann von der Market Street nimmt seinen Job als Halbtags-Retter offensichtlich ernst: Er hat keine Zeit zu verlieren.

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