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TV-Hersteller Loewe:"Es ist ein Vorteil, wenn man in Deutschland sitzt"

Wie kann sich ein deutscher TV-Hersteller sich gegen die mächtige Konkurrenz aus Asien behaupten? Loewe setzt auf Grundlagenforschung, gutes Design - und spendiert seinen Mitarbeitern Abos von Bezahlsendern.

Helmut Martin-Jung

Das langgestreckte Verwaltungsgebäude aus den sechziger Jahren verströmt den nüchternen Charme seiner Entstehungszeit, und auch die Werkhallen nebenan lassen von außen nicht erahnen, dass hier ein Designobjekt nach dem anderen entsteht. Vor einigen Jahren hatte es zwar einen Architektenwettbewerb gegeben für ein neues Verwaltungsgebäude, das auch am Stammsitz in der Kleinstadt Kronach im Frankenwald die Firmenphilosophie hätte symbolisieren sollen. Doch dann gab es Wichtigeres zu tun, alles Geld floss in die Entwicklung der damals neuen Flachbildfernseher.

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Ein Aktionär der Loewe AG betrachtet auf der Hauptversammlung des Unternehmens LCD-Fernseher.

(Foto: dapd)

Kaum etwas könnte typischer sein für Loewe, den traditionsreichsten der deutschen Fernsehhersteller, der sich mit Konzentration aufs Wesentliche als einer der letzten erfolgreich gegen die mächtige Konkurrenz aus Asien stemmt. Wie das geht? Roland Bohl, der den Bereich Forschung und Entwicklung bei Loewe leitet, muss nicht lange überlegen: "Da ist zum einen der Faktor Mensch", sagt er, "die Identifikation mit der Firma und ihren Produkten. Wir leben damit, auch daheim."

Abos von Bezahlsendern und Kabelanbietern

Damit die Mitarbeiter die Fernseher im richtigen Leben ausprobieren können, spendiert ihnen der Arbeitgeber Abos von Bezahlsendern und Kabelanbietern, "aber pünktlich nach 35 Stunden Arbeit ab durch Schranke und tschüss", das gehe dann eben auch nicht, sagt Bohl.

Loewe unterhält außerdem Kooperationen mit Forschungseinrichtungen wie etwa dem Institut für Rundfunktechnik oder verschiedenen Fraunhofer-Instituten, aber auch europäischen Broadcastern. Das verschafft der Firma Vorteile im Wettbewerb, denn: Der europäische Markt, den Loewe vor allem bedient, ist in viele Einzelmärkte mit ihren jeweiligen technischen Eigenheiten zersplittert.

Bohl: "Da ist es ein Vorteil, wenn man in Deutschland sitzt." In Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen kann Loewe außerdem Herausforderungen in der Bild- und Tonverarbeitung angehen, für die man selber zu klein wäre: "Ich hätte hier nie die Chance, Algorithmen zu entwickeln", räumt Bohl ein.

Aufbauend auf solcher Grundlagenforschung die Technik weiterzuentwickeln, das sieht man bei Loewe als eine der größten eigenen Stärken. "Software, das ist die Kernkompetenz der Zukunft", ist sich auch Vorstandschef Oliver Seidl sicher, "das wird der führende Bereich sein."

Damit könne man sich vom Wettbewerb differenzieren. Loewe habe deshalb auch neue Mitarbeiter mit dieser Qualifikation eingestellt und zudem eine Außenstelle in Hannover eingerichtet - in der Nähe führender Universitäten aus diesem Fachgebiet. Im nächsten Jahr will Loewe ein neues Software-Konzept einführen, sagt Bohl, "der Aufwand ist enorm".

Den dritten Faktor sieht Bohl in der Kooperation mit den Zulieferern. Anders als Konkurrenten wie etwa Samsung, Sony oder LG ist Loewe kein gewaltiger Mischkonzern, der nahezu sämtliche Bauteile im Hause ordern und damit automatisch Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen kann. Stattdessen ist man als Abnehmer eher kleinerer Stückzahlen darauf angewiesen, dass die Lieferanten den Wert der Marke zu schätzen wissen - ein Hebel, der aber gut funktioniert, wie Bohl sagt: "Wir treiben die Hersteller zu besseren Leistungen und können so mit der Konkurrenz Schritt halten."

Die eigentliche Kunst aber ist, aus den Standard-Bauteilen, wie sie auch anderen Herstellern zur Verfügung stehen, mehr herauszuholen. Es ist beispielsweise kein Geheimnis, dass Loewe unter anderem LCD-Panels - das moderne Äquivalent zur Bildröhre - von Samsung einsetzt. Angesteuert werden diese von digitalen Signalprozessoren (DSP), die ungeheure Leistungen vollbringen müssen.

Der Datenstrom bei den hochwertigen Geräten, die zu den eigentlich gesendeten 50 oder 25 Bildern pro Sekunde noch jeweils bis zu sieben Zwischenbilder dazurechnen, liegt bei 18 Gigabit pro Sekunde - etwa die Hälfte aller Daten einer DVD, und dies alles in einer Sekunde. Dabei gibt es Hunderte Stellschrauben, die beeinflussen, wie ein DSP arbeitet - und damit, wie das Bild aussieht. Gerade in diesem Bereich leistet Loewe viel eigene Entwicklung. Dabei geht es unter anderem um Dinge wie Hintergrundbeleuchtung und Kontrast - entscheidende Faktoren dafür, wie das Bild vom Zuschauer am Ende wahrgenommen wird.

Gut und teuer

Hier zahlt es sich für Loewe aus, dass man sich von dem "irrsinnigen Preiskampf" (Bohl) in der Branche abgekoppelt hat. Schon seit Mitte der neunziger Jahre setzt der fränkische Hersteller auf das Premiumsegment - anders gesagt: auf gut und teuer. Ein Loewe-Gerät kostet gerne das Doppelte dessen, was die Konkurrenz aus Asien normalerweise verlangt.

Geräte mit dem Anspruch wie ihn Loewe erhebt, müssen aber auch im ausgeschalteten Zustand gut aussehen. Und das hat Tradition - bereits der 1985 vorgestellte Art 1 von Loewe schaffte es ins New Yorker Museum of Modern Art. Die Designabteilung im Haus versteht sich eher als Management, das zwischen freien Designern und der Technikabteilung vermittelt. Hauptpartner für die minimalistische Gestaltung, die für Loewe steht, ist Phoenix Design aus Stuttgart. Aber auch andere Büros werden eingebunden - "Wir sind da immer offen", sagt Pressesprecher Roland Raithel, "auch wenn wir eine eigene starke Designabteilung haben."

Man müsse, ergänzt Vorstandschef Seidl, "das etwas Besondere bieten". Das können dann auch schon mal Aufstell-Lösungen mit zimmerhohen Metallstangen oder mit Motorantrieb sein. Schaltet man den Fernseher ein, dreht der sich automatisch zum Betrachter hin. "Das ist wie eine Sitzheizung im Auto", scherzt Seidl, "man braucht sie nicht unbedingt, aber wenn man sie mal hatte, will man nicht mehr darauf verzichten."

Meist aber sind die Lösungen viel banaler, dafür eben auch praxisnäher. Als erster führte der Hersteller zum Beispiel eine Technik ein, mit der man Filme nicht bloß pausieren, sondern danach auch auf einem anderen Gerät im Haus zu Ende schauen kann. Oder noch banaler, eine Art "Wie bitte?"-Funktion: Weil Loewe-Fernseher die laufende Sendung ständig zwischenspeichern, kann man mit einem Tastendruck einfach 30 Sekunden zurückspringen.

© SZ vom 07.11.2011/mri
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