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Selfies und Likes:Wenn die Pose der eigentliche Coup ist

Touristen, die sich ein paar Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt anschauen?

(Foto: SAUL LOEB/AFP)

Der vermeintliche Staatsstreich des rechten Mobs im Kapitol diente auch - vielleicht vor allem - zur Bilderproduktion. So wird der Agitator zum Influencer.

Von Michael Moorstedt

Würde man es schaffen, all die gewaltbereiten Visagen auszublenden und dazu noch die rassistischen Sprüche auf den T-Shirts und auch die offen getragenen Waffen und... dann könnte der rechte Mob, der vergangene Woche das US-Kapitol stürmte, beinahe wie eine besonders muntere Reisegruppe aus der Provinz wirken, die nur mal eben die Hauptstadt besichtigt.

Während sie über die Marmorböden walzten und die Symbole der Macht verwüsteten, waren ihre Telefone jedenfalls stets gezückt und in die Höhe gereckt. Manch anderer trug sein Handy sicher gezurrt, mit der Kamera nach vorne gerichtet in militärischem Rüstzeug. So sind die Ereignisse vom letzten Mittwoch mit der Bildunterschrift "Sturm auf das Kapitol" nur unzureichend beschrieben. Der vermeintliche Staatsstreich diente auch und vielleicht vor allem zur Bilderproduktion. Die Resultate werden wohl in nicht allzu ferner Zukunft eine ganze Reihe von Ikonografie-Seminaren beschäftigen.

Bizarre Kostüme und dilettantische Inszenierung

Wo früher bei einem Putsch die neuen Flaggen des Umsturzes gehisst wurden, setzten sich die Trump-Anhänger vor den Kameras ihrer Smartphones in Szene und schossen Selfies. Die Pose ist der eigentliche Coup. Wozu sonst dienten die bizarren Kostüme und die dilettantische Inszenierung als für die Anfertigung neuer Memes? Es ist das alte Spiel von der Machtaneignung durch visuelle Inbesitznahme, nur in letzter Konsequenz und in einer bislang ungekannt hohen Gangart betrieben.

Freilich ist es heutzutage mit ein paar Bildern für das private Online-Album nicht getan. Manche der mutmaßlichen Umstürzler haben ihren Auftritt auch in Echtzeit ins Netz übertragen. Zum Beispiel auf der relativ unbekannten Streaming-Plattform Dlive. Die Plattform war ursprünglich mal dafür gedacht, Videospiele zu streamen, ist inzwischen aber wegen der kaum existenten Moderationsrichtlinien vor allem bei einer stramm rechten Zielgruppe beliebt.

Man kann sich die Videos noch immer ansehen. So zum Beispiel auf der Seite eines gewissen Tim Gionet, der unter dem Pseudonym Baked Alaska eine mäßige Popularität in einschlägigen Kreisen erreicht hat. Gionets Liveshow ist an Absurdität kaum zu überbieten. Im für die Streaming-Welt typischen überschwänglichen Duktus begrüßt er Zuschauer, die sich gerade neu reinschalten. Dabei redet er doch mehr mit sich selbst als mit dem Publikum. Zehntausende Menschen sahen via Internet zu, sie kommentierten und feuerten an, gaben Hinweise, wo genau sich die Tumulte abspielten und wohin er sich zu bewegen habe, um den Sicherheitskräften aus dem Weg zu gehen. Mehr als 16 000 Menschen sahen live zu.

Ein perfekt in sich geschlossener Feedback-Loop

Schätzungen zufolge nahm er knapp 2000 US-Dollar mit seinem Auftritt ein. So wird der Agitator zum Influencer, der vermeintliche Aktivismus ist immer auch Content, der dazu dient, die eigene Fan-Basis, die eigene Popularität zu erweitern und auch ein bisschen Profit zu erwirtschaften. "Doing it for the gram" lautet ein in der Internet-Kultur beliebter Spruch, der besagt, dass so gut wie jede Handlung auch deshalb geschieht, um die begehrten Likes und ein bisschen Aufmerksamkeit einzuheimsen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es sich hier nur um fehlgeleitete Menschen auf der verzweifelten Suche nach ein wenig Selbstbestätigung handelt. Der Mob vom Mittwoch wurde im Internet aktiviert, hat sich dort radikalisiert und logischerweise spielt er seine Machtfantasien auch wieder dorthin zurück. So leben die Trump-Anhänger ein Narrativ, das sich so gut wie ausschließlich online abspielt und das es sehr einfach macht, die Realität der Wahlniederlage auszublenden. Sie machen nach, was ihnen ihr Idol vorlebt.

Trump selbst sah man nach seiner Rede, die die Menge aufstachelte, im Backstage-Bereich. Er stand vor einem Bildschirm, auf dem die Geschehnisse vor dem Kapitol live übertragen wurden. Er ist sich wohl darüber im Klaren, was er da geschaffen hat. Es ist ein perfekt in sich geschlossener Feedback-Loop. Nach dem 20. Januar wird sich die Frage stellen, ob es wohl möglich ist, ihn zu durchbrechen.

© SZ/beg
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