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USA:"Woodstock" der Wütenden

Pro-Trump Riot in Washington DC Pro-Trump protesters trying to enter Capitol building. Rioters broke windows and breach

Tausende Aufrufe zu Gewalt am 6. Januar zirkulierten längst vorher im Internet: Protestierende vor dem Washingtoner Kapitol am Mittwoch.

(Foto: Lev Radin /imago images/Pacific Press Agenc)

Forderungen und Pläne eines "Sturms auf das Kapitol" geisterten schon Tage zuvor durch rechte Online-Netzwerke - nicht etwa in geschlossenen Gruppen, sondern öffentlich sichtbar.

Von Philipp Bovermann

Anders als seine Kollegen sei er ja noch nicht einmal ein besonders begnadeter Enthüllungsjournalist, schrieb Robert Evans vom Investigativnetzwerk Bellingcat am Donnerstag auf Twitter. Ins Internet gehen, die Adressen von Websites eintippen und lesen, das sei alles, was er tue. Er tat das auch in den Tagen vor den Ausschreitungen in Washington am Mittwoch. "Huch, Hunderte Leute schreiben, dass sie das Kapitol stürmen wollen? Vielleicht wollen die das Kapitol stürmen!" Das, so formuliert er es in dem Tweet, sei buchstäblich sein Gedankengang gewesen.

Seine Warnungen, publiziert am 5. Januar auf Bellingcat, wurden ebenso wenig gehört wie die anderer Menschen, die Einblick in die digitalen Netzwerke von Rechtsextremen und Verschwörungsgläubigen haben. Dabei waren die Aufrufe zur Gewalt leicht zu finden, über verschiedene Plattformen hinweg, zum Teil sind sie immer noch online. Man muss, wie Evans schreibt, einfach nur eine Adresse in seinen Internetbrowser tippen.

Militante Rechtsextreme in den USA sind so ohne Hemmung, dass sie Geheimhaltung unnötig finden

Bei den Online-Vorbereitungen für den versuchten Angriff auf den Reichstag, der Ende August im Umfeld von Protesten gegen die Corona-Maßnahmen stattfand, war das anders. In den Kanälen von Rechtsextremen und Vertretern der Reichsbürger-Szene wurde damals Berichten zufolge vorab ein "Sturm auf den Reichstag" angekündigt. Dabei soll es sich aber überwiegend um geschlossene Chatgruppen abseits der Öffentlichkeit gehandelt haben, meist auf dem Nachrichtendienst Telegram. Diejenigen, die das Feuer schürten, wussten offenbar, dass sie aufpassen mussten, vor welchem Publikum sie solche Pläne verbreiten können und wo besser nicht.

In den USA scheint es solche Hemmungen in den militanten Teilen der rechtsextremen Szene und von Pro-Trump-Anhängern nicht mehr zu geben. Die US-Organisation Advance Democracy fand laut einem Bericht beinahe 1500 Tweets mit Bezug auf den 6. Januar, die Gewaltbegriffe enthielten. Während der Angriff lief, gingen im Sekundentakt neue Tweets mit den zuvor etablierten Hashtags #StopTheSteal ("Beendet den Diebstahl") und #HoldTheLinePatriots ("Haltet die Stellung, Patrioten") ein. Auch auf Tiktok zirkulierten laut Advance Democracy Videos mit Reichweiten zwischen 1900 und 279 000 Aufrufen, die zu Gewalt und Rebellion am 6. Januar aufriefen. Darunter seien Ermutigungen gewesen, sich über die Restriktionen des Bundesstaates hinwegzusetzen und bewaffnet zu den Protesten zu erscheinen. Die Facebook-Gruppe "Red State Recession" hat laut USA Today die Adressen von "Feinden" veröffentlicht, auch von Kongressabgeordnete. Die Gruppe wurde inzwischen gelöscht.

Ein Nutzer schrieb, er erwarte "Krieg", man werde "Verräter" töten

Im Verlauf des Sommers, seit Facebook und Twitter konsequenter gegen Hassrede vorgehen, sind Teile der Szene auf andere Plattformen abgewandert. Etwa auf Parler und Gab, wo sie nicht fürchten müssen, "zensiert" zu werden. Nirgendwo aber ist die Stimmung so aufgeheizt wie auf TheDonald.win. Die Plattform war ursprünglich Teil des Forums Reddit, wurde dann aber wegen wiederholter Verstöße dort gesperrt - und unter neuer Adresse wiedereröffnet. Laut Advance Democracy sollen mehr als 80 Prozent der Top-Posts am 6. Januar, dem Tag des Angriffs auf das Kapitol, Forderungen nach Gewalt in einem der obersten fünf Kommentare enthalten haben.

Schon am 2. Januar warnte TheDailyBeast, dass auf TheDonald.win Pläne diskutiert würden, in Behördengebäude einzubrechen und Polizisten zu attackieren, sofern diese sich zwischen die Trump-Anhänger und den Kongress stellen sollten. Ein Nutzer habe geschrieben, dass er am 6. Januar "buchstäblich Krieg" erwarte. Man werde die Büros des Kapitols stürmen und alle "Verräter physisch entfernen oder sogar töten". Am 5. Januar wird in einem Thread diskutiert, wer bei der Erstürmung des Kapitols dabei wäre - und ob man für eine solche Aktion nun die Erlaubnis des Präsidenten brauche oder nicht. "Schwert und Flagge in der Hand - und wie ich verdammt noch mal dabei wäre", schreibt einer.

Im Netz können auch Handys zu Waffen werden

Einige der Angreifer erweckten den Eindruck, sich auf einen militärischen Einsatz vorbereitet zu haben. Ein Mann wurde fotografiert, der neben einer Handfeuerwaffe am Gürtel auch Kabelbinder mit sich herumtrug, wie sie etwa bei Polizeioperationen oder Geiselnahmen als Fesseln verwendet werden. Andere waren damit beschäftigt, Selfies zu posten. In einem Krieg um die symbolische Deutungshoheit im Netz sind auch Handykameras Waffen.

Ein Foto der Besetzung des Kapitols feiert die Community von TheDonald.win als "unser Woodstock". Sie zählt in Beiträgen bereits die Tage herunter: zwölf Tage noch bis zur Amtseinführung von Joe Biden. Dann wird es, so verspricht ein Nutzer, wieder "wild".

© SZ
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