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Technologie:Wenn Touchscreens töten

The U.S. Navy guided-missile destroyer USS John S. McCain is seen after a collision, in Singapore waters

Am 21. August 2017 stieß der US-Zerstörer mit einem Tanker zusammen. Schuld war offenbar auch ein Touchscreen.

(Foto: REUTERS)

Blinder Fortschrittsglaube wurde zehn US-Seeleuten zum Verhängnis. Nur weil sich eine Technologie in einem Bereich durchgesetzt hat, muss man sie nicht überall einbauen.

Die Situation auf der USS John S. McCain muss furchtbar gewesen sein im August vor zwei Jahren. Die übermüdete Mannschaft tat alles, was sie konnte, doch der Zerstörer reagierte einfach nicht so, wie die Steuerleute an ihren Pulten eigentlich wollten. Und plötzlich drehte das Schiff nach Backbord - links - ab, schnitt den riesigen Tanker Alnic CM. Beim Zusammenstoß mit dem wesentlich größeren Schiff drang Wasser ein, zehn Seeleute ertranken. In ihrem Untersuchungsbericht hat die für Transportsicherheit zuständige Behörde, das National Transportation Safety Board (NTSB), eine Reihe von Gründen für den Unfall identifiziert.

Ein 9000-Tonnen-Zerstörer ist keine Dating-App

Als der wichtigste aber kristallisierte sich ein Bedienelement heraus, das doch eigentlich als Musterbeispiel für intuitive Steuerung gilt: der Touchscreen. Jene berührungsempfindliche Bildschirmoberfläche also, die vor allem mit Smartphones und Tablets enorme Verbreitung gefunden hat. Nicht nur dieser Vorfall zeigt: Erfindungen, die für einen Bereich gut funktionieren, eignen sich keineswegs immer auch für einen anderen. Besonders wenn es um die Sicherheit geht, tut man oft gut daran, beim Bewährten zu bleiben.

Es ist eben etwas anderes, ob man sich durch eine Dating-App auf dem Smartphone wischt oder einen 9000-Tonnen-Zerstörer über die Weltmeere steuern soll. Im Fall der McCain führte die unklare Benutzeroberfläche und fehlendes haptisches Feedback dazu, dass die Teams auf der Brücke unsicher waren, wer gerade welche der zwei Schiffsschrauben kontrollierte. Die Navy will daraus nun die Konsequenzen ziehen und wieder Knöpfe und Hebel einbauen, bei denen spürbar ist, ob eine Funktion ausgelöst wurde oder nicht.

Berührungsempfindliche Bildschirme haben aber längst auch in der Industrie Einzug gehalten. So komplex wie manche Anlagen heute sind, wäre das mit einem herkömmlichen Bedienpult nur schwer abzubilden. Zudem: Ändert sich an der Anlage etwas, müsste auch das Pult umgebaut werden, am Touchscreen reicht stattdessen ein Software-Update. Für die Qualität der Software gelten dann aber auch besonders strenge Anforderungen. Das, was etwa das PC-Betriebssystem Windows derzeit anbietet, würde dabei durchfallen. Zu vieles ist noch immer der alten Welt von Tastatur und Maus verhaftet, eignet sich also nicht gut dazu, mit dem Finger oder einem Stift bedient zu werden.

Auch in Autos werden zunehmend Touchscreens verbaut. Die Industrie ist dabei in der Zwickmühle, denn den Kunden geht es ein bisschen wie jenen Kleinkindern, die verzweifelt versuchen, am Fernseher herumzuwischen. Sie erwarten, dass sich auch die Autobildschirme ähnlich verhalten wie ihre Smartphones und Tablets - wozu sind sonst Bildschirme da? Doch um etwa einen Sender im Autoradio zu suchen, eignet sich der gute alte Drehknopf besser, mit ihm verstellt man auch schneller die Temperatur der Klimaanlage. Besser als ausschließlich auf den Touchscreen zu setzen ist es daher, eine Kombination aus beidem anzubieten - so wie das manche Hersteller auch machen.

Denn je nach Art des Berührungsbildschirms gibt es eine Reihe von Nachteilen. Gerade bei kleineren Schirmen verdeckt die tippende Hand oft, was man eigentlich auswählen soll, die Bedienung ist umständlicher und dauert länger - im Auto ist das ein Sicherheitsrisiko, weil es die Fahrer ablenkt. Längere Eingaben wie etwa die der Adresse ins Navi verbieten sich daher von selbst, dafür sollte man kurz anhalten.

Je nachdem, aus welchem Winkel der Blick auf den Schirm fällt, kommt es auch zu Fehlbedienungen, besonders dann, wenn die virtuellen Knöpfe und Regler nicht gut an die Bedienung auf einem Touchscreen angepasst sind. Die Schirme müssen zudem anders angebracht werden als herkömmliche. Am besten ist es, das haben Untersuchungen von Ergonomieexperten ergeben, wenn sie in einem ziemlich flachen Winkel vor einem liegen, nicht aber wie ein normaler Monitor angebracht sind. Dann nämlich steigt die Belastung für die Arme stark an, so als säße man so weit vom Schreibtisch weg, dass man gerade die Maus erreichen würde.

Auch wenn eine Technik modern ist und sich wie im Falle der Touchscreens bei Handys und Tablets durchgesetzt hat, muss das nicht für alles andere gelten, das gelenkt, geregelt und gesteuert werden muss. Mit einem Problem kämpfen übrigens alle Berührungsbildschirme: Wie der Name schon sagt, muss man sie berühren. Deshalb sieht man bei Präsentationen neuer Touchscreen-Geräte auch immer fleißige Helfer mit Mikrofasertüchern. Ihr Job: Die Spuren der Finger abwischen.

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