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Online-Kommunikation:Digitales Lebewohl

Tablets auf Stativen, bereitgestellt in einem US-Krankenhaus für Anverwandte, um in Corona-Zeiten Abschied zu nehmen von ihren Liebsten. Das Foto ging auf Twitter viral.

(Foto: Twitter@roto_tudor)

Corona verändert unseren Umgang mit Tod und Trauer. Um von Sterbenden Abschied zu nehmen und die Hinterbliebenen zu trösten, bietet die Online-Kommunikation viele Möglichkeiten. Pietät ist schließlich keine analoge Haltung. Oder?

Von Michael Moorstedt

Trost ist schwer zu finden in diesen Tagen. Auch Angela Merkel hatte wenig zu bieten, als sie sich am Silvesterabend an die Nation wandte. "Wir dürfen als Gesellschaft nicht vergessen, wie viele einen geliebten Menschen verloren haben, ohne ihm in den letzten Stunden nah sein zu können", sagte die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache.

Wie alle anderen Aspekte der Gesellschaft verändert die Corona-Krise auch unseren Umgang mit Trauer und Verlust. Wie überall sonst sind sie von Distanz geprägt. Politiker fordern, noch während das Virus wütet, ein Denkmal, ja einen Staatsakt, für die Opfer und die Überlebenden. Wie man all das Leid auch nur annähernd angemessen darstellen und würdigen könnte, sagen sie jedoch nicht. Die alten Rituale sind nicht mehr möglich. In einer geschlossenen Aussegnungshalle zu sitzen und die Hinterbliebenen zum Trost zu umarmen, ist heutzutage schwer vorstellbar. Unerhört scheint das, und trotzdem ist es nicht verhandelbar.

Es gilt also, neue Wege des Abschieds zu finden. So wie auf dem einen Foto, das vor einiger Zeit auf Twitter viral ging. Es zeigte einen Abstellraum in einem US-Krankenhaus. Darin lagerten Dutzende von Tablets, sorgsam auf Stative montiert. Die Geräte stehen dort auf Abruf, so dass auch jeder Mensch die Chance hat, Lebewohl zu sagen. Die Reaktionen auf das Bild waren heftig. Ist es vielleicht sogar schon vermessen, überhaupt erst nachzufragen, inwieweit Technik beim letzten Abschied helfen kann? In den Köpfen vieler Menschen existiert noch immer der Gedanke, dass Online-Kommunikation aus irgendeinem Grund a priori weniger wert sei als das unmittelbar vis-à-vis gesprochene Wort. Weil doch zumindest die letzten Sätze und Gedanken, die man an die Trauernden richtet, wahr und echt zu sein haben.

Wie verträgt sich die gefühlte Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit des Mediums Internet mit aufrichtiger Anteilnahme? Ist Pietät eine analoge Haltung? Oder liegt das Unwohlsein nur an der Neuartigkeit - mit den groben Regeln einer Videokonferenz waren die Menschen auch vor der Pandemie schon vertraut. An den Gedanken, dass nun auch Videotrauerfeiern nötig geworden sind, müssen sie sich erst gewöhnen.

Wer den Code per Smartphone einscannt, bekommt ein Best-of aus dem Leben des Verstorbenen

Dabei ist es ja nicht so, als hätte der digitale Fortschritt noch nicht in die letzten Angelegenheiten Einzug gehalten. Smarte Tech-Firmen haben schon längst erkannt, dass auch der Tod und die Trauer "gehackt" werden können. Vom juristisch bindenden Videotestament bis hin zum Grabstein mit QR-Muster ist vieles vorstellbar. Wer den Code per Smartphone einscannt, bekommt prompt ein Best-of aus dem Leben des Verstorbenen angezeigt.

Es geht natürlich auch weniger bombastisch. "Nicht vergessen, nicht nur eine Zahl", heißt es etwa auf www.covid.memorial. Die Seite ist ein simples Album, auf dem die Nutzer ihre Trauer kundtun können. Es ist eine Liste, die kein Ende zu nehmen scheint. Mit jedem Klick auf den "Mehr laden"-Knopf erscheinen weitere Schicksale, sieht man Menschen, die es nicht geschafft haben. Die Website covituary.org wirkt dagegen beinahe wie ein gängiges soziales Netzwerk. Mit dem Unterschied, dass hier nur die Profile von Corona-Opfern online sind. Man kann sich durchklicken, sieht eloquente Nachrufe oder nur grobe Stichwörter, ausführliche biografische Daten oder nur ein einzelnes Foto mit schwarzem Rahmen, so wie es aus analogen Zeiten bekannt ist.

Ist das noch Anteilnahme oder schon Voyeurismus? Wenn das permanente Abstandsgebot des letzten Jahres eines bewirkt haben sollte, dann hoffentlich auch, dass physische Distanz nicht gleichbedeutend mit einer Empathiebarriere sein muss. Immerhin machen die Online-Gedenkstätten das Ausmaß der Katastrophe besser deutlich als die nüchternen Zahlen, die die kommunalen Gesundheitsämter jeden Tag verkünden. Und diese Art der Verarbeitung ist auf jeden Fall auch persönlicher, als auf irgendeinem öffentlichen Platz einen Marmorblock aufzustellen.

© SZ/C.D.
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