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US-Wahl:Teenager am Tiktok-Lagerfeuer

ILLUSTRATIVE - The app of the social media platform TikTok. Photo: Rob Engelaar / Hollandse Hoogte PUBLICATIONxINxGERxSU

Viele junge Menschen nutzten Tiktok, um sich über die US-Wahl auszutauschen.

(Foto: Hollandse Hoogte/Imagi Images)

Das soziale Netzwerk wird oft als unpolitische Quatsch-Plattform abgetan. Doch bei der US-Wahl ermöglichte es vielen jungen Nutzern, sich auf ihre Weise mit politischen Themen auseinanderzusetzen.

Von Valentin Dornis

Das komplexe Wahlsystem der USA erklären zu müssen, ist eigentlich kein Anlass für freudvolle Tänze. Auf Tiktok aber ist vieles anders. Und so kann man dieser Tage als Mensch, der noch im vergangenen Jahrtausend geboren wurde, erstaunt darauf blicken, was da in dem sozialen Video-Netzwerk los ist, das der noch amtierende US-Präsident Donald Trump vor ein paar Monaten noch zerschlagen wollte. Denn zur Präsidentschaftswahl in den USA erklären auf Tiktok jugendliche Nutzer tanzend das Wahlsystem, produzierten Comedy-Sketche zu den Zwischenergebnissen und singen tragische Karaoke-Lieder über die Wahlmännerverteilung.

Tiktok ist eine Tochterfirma des chinesischen Internet-Konzerns Bytedance und das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Welt. Es ist vor allem bei Jugendlichen sehr beliebt und bekannt für kurze, oft banal-bunte Videoschnipsel. Es wird deshalb gern als unpolitische Quatsch-Plattform abgetan. Doch in diesem Jahr voller politischer Spannungen in den USA zeigt sich, dass es auch anders kann. Mit seinen verspielten, auf Interaktion ausgelegten Mechanismen kann es offensichtlich einer jungen, digitalen Generation den medialen Einstieg in das Politische ermöglichen. Für viele Tiktok-Nutzer in den USA ist es die erste Wahl, die sie bewusst mitverfolgen. Und sie nutzen dafür eben nicht nur klassische Medien, sondern vor allem auch Tiktok.

Schon bei den "Black Lives Matter"-Protesten im Frühsommer erreichten virale politische Videos, die in verschiedensten Nuancen von sehr ernst bis zurückhaltend-humorvoll mit dem Thema Rassismus umgingen, Millionen Menschen. Bei der US-Wahl verstärkte sich dieser Effekt noch einmal. Um den Wahltermin herum häuften sich die Beiträge, in denen es um das knappe Rennen um das Präsidentenamt ging.

Dabei ist Tiktok, anders als zum Beispiel Twitter, eigentlich nicht das optimale Medium für Echtzeit-Austausch. Zwar hat es wie jedes der großen sozialen Netzwerke auch längst eine Livestream-Funktion, die besonders in der Wahlnacht von großen Influencern auch intensiv genutzt wurde. Doch die typischen Videos, die 15 bis 60 Sekunden lang sein können, werden nicht nach Aktualität sortiert, sondern per Algorithmus verteilt.

Der Vorteil ist: Man braucht keine große Anhängerschaft, um im politischen Diskurs gehört zu werden, weil theoretisch jedes Video über den Algorithmus sehr viele Menschen erreichen kann. Der Nachteil ist, dass sehr undurchsichtig bleibt, nach welchen Kriterien Videos auf Tiktok algorithmisch sortiert werden. Das führt zu einer besonderen Dynamik: Ist etwas erst einmal erfolgreich, versuchen viele andere Nutzer, auch von dem großen Interesse daran zu profitieren. So entstehen Wellen von bestimmten Inhalte-Typen, die durch das Netzwerk wogen.

Bei der US-Wahl waren das zum Beispiel verzweifelt-ironische Videos darüber, welches Outfit und welche Snacks man am besten für das befürchtete landesweite Chaos nach der Wahl vorbereiten sollte. In der Wahlnacht folgten viele Ad-hoc-Analysen und Erklärvideos zu den Ergebnissen und dem weiteren Wahlprozess. Und in den vergangenen Tagen, als die Welt gebannt auf die minutiös veröffentlichten Auszählungsfortschritte in den letzten verbliebenen Bundesstaaten blickte, wurde Nevada zum Meme: Weil die Auszählung der Stimmen dort so lange dauerte, bastelten die Nutzer lustige Videos, in denen Nevada und die dortigen Wahlhelfer als niedliche Faultiere, als genussvolle Briefumschlag-Fetischisten oder als Kinder dargestellt werden, die sich beim Sportfest unter ungeduldigem Applaus als letzte ins Ziel schleppen.

Forscher der TU München haben im Sommer untersucht, wie Tiktok-Nutzer vor der US-Wahl über das Thema kommunizierten. Eine zentrale Erkenntnis: Tiktok-Nutzer verbreiten und kommentieren nicht nur Inhalte, sie werden viel stärker als auf anderen Plattformen selbst zum Teil des Inhalts. Der absolute Fokus auf den einzelnen Nutzer macht ihn selbst zum Anbieter politischer Medieninhalte.

Das funktioniert auf Tiktok besonders gut, weil die jungen Nutzerinnen eine Bild- und Humorsprache teilen, mit der sie über geografische und politische Grenzen hinweg kommunizieren können. Das lustige Tanz-Video kriegt dann zwar noch eine politische Nachricht angeheftet, bleibt aber trotzdem ein typisches Tiktok-Video.

Auch wegen dieser geteilten Codes der Nutzerinnen und Nutzer hat die Plattform für viele junge US-Amerikaner bei dieser Wahl die Lagerfeuer-Funktion übernommen, die das klassische Fernsehen vielleicht noch für ihre Eltern hat. Sorgen vor möglichen gewalttätigen Protesten und Einschätzungen zu den neuen Auszählungsergebnissen aus Georgia teilen die Nutzer nicht mehr nur mit der eigenen Familie im Wohnzimmer, sondern potenziell mit Millionen anderen jungen Menschen, die gerade über das ganze Land verteilt dasselbe Thema umtreibt.

Die Republikanische und die Demokratische Partei hielten sich mit Wahlwerbung auf Tiktok sehr zurück. Schließlich gibt es weltweit intensive Diskussionen über den möglichen chinesischen Einfluss auf die App. Doch die Wahl war auch ohne große Parteikampagnen sehr präsent - einerseits durch normale Nutzer, andererseits auch durch junge Parteianhänger, die sich zu "Hype Houses" genannten Kollektiven zusammenschlossen, um gemeinsam ihren Videos zu mehr Reichweite zu verhelfen. Wie auf anderen Plattformen machten dabei auch hin und wieder Falschinformationen die Runde - ein Problem, mit dem alle sozialen Netzwerke bei dieser Wahl zu kämpfen hatten.

In Deutschland sind Parteien auf Tiktok kaum präsent

Interessant wird sein, ob ein ähnlicher Tiktok-Lagerfeuer-Effekt wie in den USA im kommenden Jahr auch bei der deutschen Bundestagswahl eintritt. Auch hierzulande wächst das Netzwerk sehr schnell, mehr als zehn Millionen Nutzer soll es bereits haben, die meisten davon sehr jung. Bisher sind die politischen Parteien und Institutionen auf Tiktok noch sehr wenig präsent, und dort aktive prominente Politiker wie der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil oder Digital-Staatssekretärin Dorothee Bär (CSU) erreichen mit ihren Videos bisher nur vergleichsweise wenige Nutzer.

Die wahrscheinlichere Entwicklung ist deshalb, dass einzelne politische Interessengruppen die Abwesenheit der anderen zu ihrem Vorteil nutzen können. Zuletzt tauchten etwa diverse Accounts auf, die mit staatlich-offiziell wirkendem Erscheinungsbild AfD-nahe Inhalte verbreiteten, unter anderem mit dem Namen "@btw2021" - also der Abkürzung für die kommende Bundestagswahl, samt dem offiziellen Logo mit drei Kreuzen in Landesfarben. Wer dahintersteckt, ist noch unklar. Zu politischen Themen sind es ansonsten zum Beispiel junge Klimaaktivsten, die sich auf Tiktok für ihre Themen einsetzen.

Unabhängig davon, welche Themen die deutschsprachigen Inhalte auf der Plattform dominieren: Der Entwicklung in die USA zeigt jedenfalls, dass das Netzwerk auch hierzulande nicht unterschätzt werden sollte, wenn es um die politische Sozialisation junger Menschen geht.

© SZ
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