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Video-App:Einblick in Tiktoks dunkle Seite

Tiktok gibt sich transparent: In einem Bericht legt das Unternehmen offen, welche und wie viele Videos gelöscht wurden.

(Foto: Kiichiro Sato/AP)

Die Video-App Tiktok beanstandet mehr als 20 000 Kinderpornografie-Videos. Der neue Transparenzbericht deckt auch Mobbing und Betrugsmaschen auf.

Von Jannis Brühl

Mobbing, Missbrauch, Gewalt: Der Transparenzbericht von Tiktok gibt einen Einblick in die dunklen Seiten der Video-App. In dem Dokument fasst das Unternehmen zusammen, welche und wie viele Videos im zweiten Halbjahr 2020 gelöscht wurden. Auf Tiktok verbreiten vor allem Teenager Videos mit Tänzen und kleinen Sketchen. Insgesamt wurden dem Bericht zufolge mehr als 89 Millionen Videos aus der ganzen Welt entfernt - weniger als ein Prozent aller hochgeladenen Inhalte, so Tiktok. 2020 waren nur 49 Millionen Videos gelöscht worden. Drei Millionen Videos wurden wieder eingestellt, nachdem Nutzer erfolgreich Einspruch eingelegt hatten.

Die Zahlen zu Darstellungen von Kindesmissbrauch im Bericht beziehen sich aufs ganze Jahr 2020: 22 692 Mal meldete das Unternehmen entsprechende Videos an das Nationale Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder (NCMEC) in den USA. Das NCMEC verwaltet den größten "Giftschrank" solcher Darstellungen, mit dem ihre Verbreitung weltweit bekämpft werden soll. Dazu erhalten sie in der sogenannten Datenbank einen elektronischen Fingerabdruck. Findet die Software PhotoDNA, die Tiktok und andere Netzwerke nutzen, eine weitere Kopie mit diesem Fingerabdruck, löscht die Software diese automatisch.

2019 hatte Tiktok nur 596 Darstellungen von Kindesmissbrauch gemeldet. Dass die Zahl der Fälle so sehr gestiegen ist, liegt am Einsatz automatisierter Technik wie PhotoDNA und am starken Wachstum der App. Diese hat mittlerweile fast 700 Millionen Nutzer und gilt als ernsthafter Konkurrent von Facebook und Youtube. Die ganz großen Netzwerke wie Facebook melden jedes Jahr allerdings Millionen Darstellungen von Kindesmissbrauch - deutlich mehr als Tiktok.

Neben dem "Schutz Minderjähriger" (36 Prozent) machen hohe Anteile an der Zahl der gelöschten Videos Tiktok zufolge auch die Kategorien "Nacktheit Erwachsener" (20,5 Prozent) sowie "Rechtswidrige Handlungen und regulierte Waren" (17,9) aus, worunter Betrugsversuche oder Drogenhandel fallen. Es folgen "Gewalt und Grausamkeit" (8,1) und "Belästigung und Mobbing" (6,6). Zu Fällen aus Deutschland gibt der Bericht nur spärlich Auskunft. 70 Mal fragten Justizbehörden nach den Daten hinter einem Nutzerkonto, um die Person zu finden. Dabei ging es insgesamt um 103 Nutzerkonten, davon wurde nur eines nach der Anfrage einer deutschen Behörde entfernt.

Der Bericht bezieht sich auf Fälle, in denen Tiktok-Mitglieder gegen die Nutzungsbedingungen des Unternehmens verstoßen haben. In Deutschland nach dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz gemeldete Straftaten wie Volksverhetzung oder Beleidigung muss das Unternehmen in einem separaten Bericht veröffentlichen. Das hat es Anfang des Monats auch umgesetzt.

Der Bericht soll ein Signal des guten Willens sein

Die aktuelle Aufstellung zu Verstößen gegen Nutzungsbedingungen zeigt, wie stark sich Tiktok auf Software verlässt, die automatisiert Inhalte löscht. Mehr als 90 Prozent der gelöschten Videos wurden demnach entfernt, bevor Nutzer sie meldeten.

Der Bericht soll auch ein Signal des guten Willens an Politiker und Regulatoren sein, die Tiktok als undurchsichtige "Black Box" kritisch beäugen. Sie dürfte auch die Tatsache interessieren, dass ein Land im Bericht fehlt: China. Das Dokument gibt also keine Auskunft, ob der chinesische Staat Anfragen an das Unternehmen stellte. Denn Tiktok ist in China gar nicht erhältlich, dort gibt es nur die Schwester-App Douyin. Tiktoks Mutterkonzern Bytedance sitzt allerdings in Peking.

US-Politiker verdächtigen das Unternehmen, seine Algorithmen Inhalte herausfiltern zu lassen, die nicht im Sinne der chinesischen Staatsführung sind und Nutzer bespitzeln. Klare Belege dafür gibt es aber nicht. Der ehemalige US-Präsident Donald Trump zwang Bytedance einen Teil-Verkauf von Tiktok an den US-Konzern Oracle auf. Sein demokratischer Nachfolger Joe Biden lässt den Deal derzeit prüfen.

© SZ
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