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Telefonate in der Öffentlichkeit:Warum Handy-Schwätzer die Deutschen nerven

Wir benutzen Smartphones in der U-Bahn und stellen unseren Laptop im Café vor uns auf: Doch die mobile Dauernutzung digitaler Geräte ist nicht in allen Gesellschaften akzeptiert: Eine Studie zeigt, was in Deutschland und anderen Ländern toleriert wird - und warum man in Spanien nicht überall sein Handy zücken sollte.

Der Anruf in der S-Bahn kommt überraschend. "Wir müssen reden", sagt die Partnerin am anderen Ende, ohne überhaupt zu fragen, ob es gerade passend wäre. Und so bekommen die anderen Fahrgäste brühwarm mit, was bei den beiden alles so falsch lief.

Handy-Kultur weltweit

Mini-Bank und Scheidungsgrund

Nahezu jeder hat das schon erlebt: Beziehungsstreitigkeiten, Finanzprobleme oder auch nur der alltägliche Bürokram - "Frau Müller, könnten Sie mir noch . . ." Dass andere mithören, ja mithören müssen, dass sie Tische im Café blockieren, dass sie unkommunikativ sind, weil sie bloß noch in ihre Smartphones, Tablets oder Laptops starren - viele scheint das nicht zu stören. Oder sind Handys, Laptops und andere mobile Geräte mittlerweile dermaßen ins Alltagsleben eingedrungen, dass man sie einfach hinnimmt?

Intel, weltgrößter Hersteller von Computerchips, wollte das genau wissen. Was, so wurden 12.000 Menschen in 16 Ländern Europas, im Nahen Osten und in Südafrika gefragt, geht ihnen am meisten auf die Nerven, wenn mobile Geräte im Alltagsleben verwendet werden?

Dabei zeigte sich nicht bloß, dass der alte Spruch "Andre Länder, andre Sitten" auch im digitalen Zeitalter gilt. Die Menschen schätzen ihr Benehmen auch völlig anders ein, als es tatsächlich auf ihre Mitmenschen wirkt. So gaben in der Befragung nur ein Prozent der Deutschen zu, dass sie es beim Verwenden mobiler Geräte manchmal am guten Benehmen fehlen lassen. Auch die Briten und Bürger vieler anderer Länder sehen sich ähnlich gesittet.

Niederländer mögen keine Quassler

Fragt man aber andersherum, ergeben sich ganz andere Einschätzungen: Genau ein Drittel der Befragten in Deutschland halten die Manieren vieler Mobilgeräte-Nutzer für schlecht. Die Deutschen stört es dabei am meisten, wenn Handynutzer in der Öffentlichkeit ungeniert laut quasseln oder laute und nervende Klingeltöne verwenden (57 Prozent). Noch mehr stört das die Holländer (79 Prozent). In Ägypten oder auch in Schweden sehen darin dagegen weit weniger Menschen ein Problem.

In vielen Ländern rangiert ein Verstoß gegen die Mobil-Etikette ganz oben: SMS-Schreiben am Steuer halten zwei Drittel aller Befragten für eine echte Unsitte. Die gerade in Südafrika allerdings auch oft zu beobachten ist: 57 Prozent der Südafrikaner geben zu, dass sie das schon einmal gemacht haben, in Deutschland sind es nur 31 Prozent; nur die Niederländer sind da noch zurückhaltender. Zurückhaltung zeigen die Holländer auch bei anderen mobilen Unsitten: Nur drei Prozent haben jemals in einer öffentlichen Toilette laut telefoniert.

In Ländern wie Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder auch in Spanien ist dies der Befragung zufolge dagegen an der Tagesordnung. Zwischen 16 und 18 Prozent der Teilnehmer räumen ein, dass sie das gelegentlich tun.

Lieber ohne Partner als ohne Smartphone

Mobile Geräte dienen vielen auch als Uhr und Wecker, doch ob man sie im Schlafzimmer auch verwendet, um zu telefonieren, Kurznachrichten zu schreiben oder im Internet zu surfen, ist je nach Land sehr verschieden.

Giuseppe Castellano uses his AT&T iPhone in the subway at West 14th Street and 8th Avenue in New York

Telefonieren in der U-Bahn (hier in New York) ist bereits an einigen Orten möglich - doch brauchen wir das überhaupt?

(Foto: Reuters)

Die Niederländer geben dabei seltsamerweise ihre Zurückhaltung auf und verwenden Handy, Laptop oder Tablet PC im Bett fast genauso oft wie Nutzer in Frankreich oder Italien (47 bis 55 Prozent). Hier sind die Deutschen und die Briten am zahmsten, nur ein knappes Drittel der Befragten bekennt sich dazu.

Die Studie zeige, sagt Intel-Manager Christian Lamprechter, dass sich ein gesellschaftlicher Konsens, wie mit mobilen Geräten umzugehen sei, erst noch entwickeln müsse. In einigen Ländern, zum Beispiel in der Türkei, in Südafrika, Tschechien und Frankreich, wünschen sich zwei Drittel der Befragten oder mehr, dass der Staat Gesetze erlässt, die regeln, was mit mobilen Geräten erlaubt ist und was nicht.

Am meisten genervt von schlechtem Benehmen mit Handy und Co. fühlen sich mit Abstand die Südafrikaner, gefolgt von Spanien. In der Türkei, in Rumänien und Polen, aber auch in den reichen Ländern Deutschland und Holland empfinden es um die zwei Drittel der Befragten als störend, dass mobile Geräte vielen Besitzern als Statussymbole dienen, mit denen diese Aufmerksamkeit erregen möchten.

Kein Smartphone am Esstisch

Vielen ist ihr Mobilgerät sogar so wichtig, dass sie lieber auf andere Dinge verzichten würden als darauf: Immerhin neun Prozent gaben an, lieber eine Woche ohne den Partner leben zu können als ohne ihr mobiles Gerät. Schokolade oder andere Süßigkeiten könnten sogar 52 Prozent der Befragten leichter entbehren.

Nur in einem Punkt sind sich fast alle Länder einig: Beim Essen haben Handys und Laptops nichts verloren. Am schlimmsten finden das die Franzosen und Italiener. Einzig und allein die Tschechen halten noch weniger davon, solche Geräte im Bett zu benutzen.

Spanien mögen keine Handy-Zücker

Dass man dagegen im Café mal eben schnell das Smartphone zückt, oder während des Fernsehens, ist dagegen in den meisten Ländern kaum mehr ein Grund sich aufzuregen, bloß in Spanien wird das der Studie zufolge nicht so gerne gesehen.

Der Intel-Konzern, der ja eigentlich bloß die Innereien für Computer und für mobile Geräte herstellt, erhofft sich von Studien wie diesen unter anderem Trends zu erkennen, die für Entwicklung neuer Geräte eine Rolle spielen.

Bei Chips für Smartphones und Tablets hat der Gigant aus dem Silicon Valley bisher noch keine überzeugenden Lösungen präsentieren können. Man arbeitet allerdings daran, die Recheneinheiten, die solche Geräte antreiben, kleiner, stromsparender und dabei dennoch leistungsfähig zu konstruieren.