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Teenager und das Internet:Wie die digitale Revolution unser Gehirn evolutioniert

sueddeutsche.de: In Ihrem Buch schreiben Sie von einer "Evolution" unseres Gehirns. Wie meinen Sie das?

Small: Jede Stimulation unseres Gehirns ändert die Vernetzung. Wir haben Hirnströme von Internet-Neulingen und erfahrenen Internetnutzern gemessen, während sie im Netz unterwegs waren. Das Ergebnis: Bei Internet-Neulingen wurden ungefähr die Teile des Gehirns aktiviert, die sie auch beim Lesen nutzen. Bei erfahrenen Nutzern hingegen maßen wir eine fast doppelt so hohe Aktivität.

sueddeutsche.de: Und diese Nutzung digitaler Medien wird sich mittelfristig in unserer Hirnstruktur wiederspiegeln?

Small: Ja, aber Evolution ist eine Frage von Generationen. Nach Darwin bedeutet Evolution, sich besser an die Umgebung anzupassen. Aus der Anthropologie wissen wir, dass der Stirnlappen mit der Komplexität der menschlichen Umgebung und den notwendigen menschlichen Fähigkeiten gewachsen ist - zum Beispiel hat die Erfindung von Handwerkzeugen dafür gesorgt, dass sich Sprache und zielgerichtetes Handeln weiterentwickelt haben. Und natürlich, so argumentieren meine Frau und ich in unserem Buch, verändern die neuen Technologien unsere Umwelt gerade nicht nur in einem extremen Maße, sondern auch in einer rasenden Geschwindigkeit. Und so passen sich die Schaltkreise unserer Gehirne eben der Verwendung dieser neuen Technologien an. Wir sind an einem weiteren Meilenstein der Evolutionsgeschichte unseres Gehirns angelangt.

sueddeutsche.de: Könnte diese Evolution auf Kosten unserer Gedächtnisleistung gehen? Wir lagern immer mehr Informationen ins Internet aus.

Small: Das ist richtig, wir prägen uns Informationen nicht mehr in der traditionellen Weise ein, sondern wir lernen, wo wir diese Informationen am besten finden. Um an Ihre Telefonnummer zu kommen, muss sich sie nicht auswendig lernen; um den richtigen Weg zu finden, muss ich nur mein GPS-System benutzen können. Das biologische Gedächtnis wird schwächer, doch das kann auch eine Chance sein - ältere Menschen mit Gedächtnisproblemen profitieren beispielsweise von einer Auslagerung.

sueddeutsche.de: Wie sollen wir mit der neuen Technik Ihrer Meinung nach umgehen?

Small: Wir brauchen eine Balance zwischen Online- und Offline-Zeit, und damit meine ich nicht nur Jugendliche, sondern auch die digitalen Migranten, die nicht mit dem Netz aufgewachsen sind. Technik ist eine wunderbae Sache, aber nicht alle Menschen können mit ihr umgehen. Für Eltern bedeutet das: Grenzen setzen. Meine Frau und ich haben zwei Teenager-Kinder - während der Mahlzeiten sind technische Geräte absolut tabu, damit wir uns unterhalten können.