Technologie CES-Bilanz: Halt mich fest, kleiner Roboter

Der Service-Roboter Cruzr in Aktion.

(Foto: AP)

Ungelenke Haushaltshelfer, sündhaft teure Haarbürsten und die nützlichste Fernbedienung der Welt: Was wir auf der Elektronikmesse CES dieses Jahr kennengelernt haben.

Von Johannes Kuhn, Las Vegas

Am Sonntag geht die 50. CES in Las Vegas zu Ende. Was war auf der weltgrößten Elektronikmesse los, welche Trends sollte man sich merken, welche vergessen?

Neues und echt Neues

Die CES ist manchmal alter Wein in neuen Schläuchen, respektive: Bekannte Produkte mit minimalen Änderungen in Funktion und Design. Ausnahmen gab es auch dieses Jahr. Razors Project Valerie ist der erste Gaming-Laptop mit drei Bildschirmen. Asus stellte mit dem ZenFOne AR das erste Smartphone vor, das Googles AR- und VR-Technologien unterstützt. HTC lässt Nutzer seines VR-Systems Vive nun mit Hilfe eines kleinen Aufsatzes Gegenstände wie Baseball- oder Tennisschläger in die virtuelle Realität "importieren".

Anderswo lassen sich Langfrist-Trends erkennen: Das aktuelle Fernseh-Schisma verläuft zwischen OLED und klassischem LED. LG, Panasonic, Philips und jetzt auch Sony setzen auf OLED-Displays, Samsung steigt in die QLED-Technik ein, in der Nanokristalle aus Halbleiter-Materialien das Licht absorbieren und in verstärkter Form wieder abgeben. Das soll bessere Kontraste ermöglichen.

Der Automobil-Bereich bewegt sich - von Entertainment-Systemen und Assistenten bis zum autonomen Fahren - immer weiter in die Hoheitsgebiete der Technologie-Branche. Oder umgekehrt. Hinter allen "smarten" und vernetzten Geräten steht nach einigen IoT-Malheuren drängender denn je die Frage: Wie sicher sind Privatsphäre und gesammelte Daten?

Amazons Alexa ist die große Gewinnerin

Amazon hält sich auf der CES zurück und ist doch wieder in aller Munde: Vom Kühlschrank über das Auto bis hin zum Mini-Roboter taucht die virtuelle Assistentin Alexa in immer mehr Geräten und Gerätekategorien auf. Die sprachgesteuerte Software kann inzwischen mehr als 6000 Tätigkeiten veranlassen, von der Aktualisierung der Einkaufsliste bis zur Bedienung von Elektro-Geräten. Der Tech-Analyst Ben Thompson schreibt zurecht, dass Amazon letztlich das erste erfolgreiche Betriebssystem für das vernetzte Zuhause gebaut hat.

AI und das Schlangenöl

Alexas künstliche Intelligenz (AI) hat ihre Fähigkeiten bereits bewiesen. Auf der CES allerdings herrscht der Eindruck, dass "AI" der neue Sticker ist, der schlicht auf alle Produkte geklebt wird, um sie besser verkaufen zu können. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die lernende Software aber als rudimentär und ohne großen Einfluss darauf, was das Gerät dann wirklich tut. Es lohnt sich immer, eine Checkliste dabei zu haben, um unseriöse AI ("snakeoil AI") zu erkennen.

Dieser Dienst-Roboter mit Namen "Wavebot" soll Auskünfte geben. Aber nicht für die meisten Messebesucher, denn seine Sprachsoftware kann nur Englisch.

(Foto: REUTERS)

Roboter - Fiktion und Realität

Warum sind Roboter noch nicht so toll, wie es uns Science Fiction versprochen hat? Antwort A: Mein Guter, Sie gucken zu viel Westworld. Antwort B: "Roboter sind ein Kompromissgeschäft, du kannst nicht alles machen." Diesen Satz sagte Mike Beebe vom Roboterhersteller Mayfield Robotics. Wer filigrane Bewegungen möchte, macht den Roboter schwerer. Wer ihm alle denkbaren Sensoren einbauen möchte, treibt die Preise in fünfstellige Bereiche.

Auf der CES zu sehen: Rollende Zeitgenossen, die Kunden in Geschäften Auskunft darüber geben, wo sich das gesuchte Produkt befindet. Und kleine Stand-Roboter, die einige Dialoge, aber letztlich nur eine einzige Funktion beherrschen (Rezepte suchen, das Smart Home ansteuern).

Chinas Präsenz

Dem jungen Mann aus China bleibt nichts erspart: Umgeben von Virtual-Reality-Brillen und Hoverboards in allen Farben betreut er den Stand seiner Firma aus Shenzhen. Jetzt kommen auch noch zwei freundliche Amerikaner mit einer Bitte: Könne er sich nicht für ein Foto auf dieses Kettcar mit Hoverboard-Antrieb setzen?

Macht er natürlich, am Nachbarstand (Produkte: Hoverboards, Kabel und VR-Brillen aus Shenzhen) wird freundlich gelächelt. Die CES ist inzwischen eine Veranstaltung mit starkem chinesischen Einschlag. Eine Firma hat den Bierbrau-Topf "smart" gemacht, eine andere den Fotos aus ihrer Fabrik Goldrahmen verpasst. Wie Museumsschinken hängen hier die Bilder von Mitarbeitern mit Mundschutz, die Smartphones zusammenbauen.

Allerdings sind Wegwerf-Produkte und Niedriglohn-Herstellung nur noch ein Randphänomen: Aus der Technologie-Werkbank China sind Elektronik-Marken wie Skyworth, Haier, ZTE, Huawei oder Xiaomi hervorgegangen, die längst dabei sind, Weltmärkte zu erobern. Bei der neuen Generation vernetzter Hardware - von der zentral gesteuerten Küche bis zum Bett, das Lebensfunktionen von Senioren misst - sind die Chinesen groß dabei.

Frankreichs großes Hallo

Fast so präsent wie die Chinesen, zumindest gefühlt: französische Start-ups. Deutschlands Nachbar arbeitet schon seit einiger Zeit daran, einen prominenten Platz auf der Landkarte der innovationsfreundlichen Länder zu erobern. Auf der CES waren zahlreiche Firmen mit eigenem Stand vertreten, unterstützt durch Unternehmerverbände und Regierung. Egal, wie viel davon PR ist: Ein offensiveres Bekenntnis zur Digitalisierung würde auch dem Wirtschaftsstandort Deutschland gut tun.

Eines der vielversprechendsten Produkte wurde ebenfalls von einem französischen Unternehmen gezeigt: Die Touchscreen-Fernbedienung der Firma Sevenhugs, mit der sich automatisch das Gerät steuern lässt, auf das der Benutzer gerade zeigt - unabhängig davon, unter welchem Heim-Betriebssystem es läuft (der Trick: drei an den Wänden angebrachte Sensoren erkennen, wohin die Fernbedienung zeigt). Eine kleine Apple-Delegation ließ sich die "Smart Remote" unter großem Interesse erklären.

Schein, Sein und Hype

Die größte Attraktion der CES war ein Stand, der wie eine Kirmes aussah: Das Londoner Unternehmen Kino.mo ließ mit seinen Hologramm-Projektoren bunte Buchstaben und Gesichter von Prominenten dreidimensional in der Luft erscheinen. Die Menschenmassen kamen und sahen die Zukunft zum Greifen nah, auch wenn die Hologramme eben nicht auf Berührungen reagieren können. Sie dürften nur die nächste Attraktion auf dem Club-Dancefloor sein. "Diese Typen werden gekauft werden, nur wegen der Show", raunte ein Zuschauer mit bewunderndem Kopfschütteln.

Das in Medien am häufigsten erwähnte Gadget ist die 189 Dollar teure Haarbürste von L'Oreal/Withings, die brüchige Haare und beginnenden Haarausfall erkennen soll. Die Hauptrolle in der alljährlichen Kategorie "kuriose Gadgets" hätten sich auch die Macher der "SmartyPans" gewünscht, einer Pfanne mit Sensoren, die "Chefs und Gesundheitsberater mit Heimköchen in Verbindung bringt". Dann als Konsument doch lieber auf den "Laundroid" warten, eine mächtige Maschine zum Wäschefalten, die angeblich sogar Kleiderstücke Familienmitgliedern zuordnen kann. Natürlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz.

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