Süddeutsche Zeitung

Technik:Googles neue Hardware-Offensive

Der Konzern präsentiert Smartphones, Router, Streamingtechnik und "Home", den lauschenden Lautsprecher für zuhause. Schafft Google es diesmal, mehr als nur Werbung zu verkaufen?

Von Helmut Martin-Jung

Das Ding, so groß wie eine Büchse Pfirsiche, könnte auch ein hübsch gestalteter kleiner Luftbefeuchter sein oder ein simpler Funklautsprecher.

Aber es ist viel mehr.

Googles neues Produkt "Home" ist, genau wie Amazons Gerät "Echo", eine Schnittstelle zu einer großen Vielfalt an Medien und Dienstleistungen. Ja, es steht, glaubt man Marktforschern und Analysten, für eine wichtige Art und Weise, wie die vernetzte und computerisierte Menschheit mit der Elektronik um sie herum künftig interagieren wird. Und es könnte ein Milliardengeschäft werden.

Es ist aber nicht das einzige neue Gerät von Google. Der Konzern stellt außerdem einen Internet-Router für zu Hause vor sowie neue Zusatzgeräte für Musik- und Video-Streaming und zwei neue Smartphones. Dahinter steht eine neue Strategie des Konzerns für seine Hardware.

Bei Google verantwortlich dafür ist Mario Queiroz. "Die Verpackung, die Markengestaltung ist sehr ähnlich", sagt er der SZ. Ziel sei es, die Bemühungen seines Arbeitgebers bei künstlicher Intelligenz über verschiedene Produkte konsistent zum Kunden zu bringen. "Das muss zugeschnitten sein auf das jeweilige Produkt", sagt er. Home könne eben nur mit Sprache gesteuert werden, ein Smartphone dagegen auch mit Eingaben auf dem Bildschirm. Die durchwegs konkurrenzfähigen, aber günstigen Geräte sollen also eine Art Brücke sein zu den Diensten Googles, das mit Werbung in seinen Angeboten den bei Weitem größten Teil seiner Einnahmen erzielt. Je einfacher die Menschen diese Angebote nutzen können, desto mehr Geld verdient Google mit Werbung.

Das interessanteste der neuen Geräte ist Home. Man steuert es, ohne Tasten zu drücken oder Befehle einzutippen. Der Zylinder hat weder Bildschirm noch eine Tastatur, Befehle oder Fragen nimmt er per Spracherkennung über Mikrofone auf und quittiert sie mit akustischen Rückmeldungen. Auf mündlichen Befehl hin dimmt er das Licht herunter, schaltet die Heizung höher, spielt ein Youtube-Video auf dem Fernseher ab. Er weiß, wie schlimm der morgendliche Stau auf dem Weg zur Arbeit ist, wann der geplante Flug abhebt und wann Tante Frieda Geburtstag hat. Und er weiß noch tausend Sachen mehr - man muss ihn bloß danach fragen.

Wenn es um Hardware ging, war Google bis vor Kurzem wenig erfolgreich. Das erste eigene Smartphone, 2010 angekündigt als "Superphone", war ein kommerzieller Flop. Die teuer eingekaufte Handy-Sparte von Motorola hat man mit Milliardenverlust wieder abgestoßen an Lenovo. Außerdem hatte Google Probleme damit, den Service für seine Geräte zu organisieren.

Es dürfte Jahre dauern, bis die Menschen sich an die Geräte gewöhnen

An der Entwicklung des Superphones war zwar auch Queiroz beteiligt, doch er revanchierte sich mit einem Produkt, das Google in die erste Reihe der Hardware-Hersteller beförderte: In der Chromecast-Reihe, kleinen Zusatzgeräten für Fernseher oder Musikanlagen, schuf Google unter seiner Leitung erschwingliche kleine Zusatzgeräte, mit denen sich Videos und Musik sehr einfach vom Smartphone oder aus dem Netz auf Fernseher oder Musikanlagen übertragen lassen. Den Marktforschern des Instituts IHS zufolge hat Google im ersten Quartal dieses Jahres mehr Geräte verkauft als Apple, das mit Apple TV ein Konkurrenzprodukt anbietet.

Und nun also der lauschende Lautsprecher, der auf das Codewort "OK, Google" Informationen liefert und Funktionen des smarten Hauses steuert. Die Marktforscher von Gartner sehen in dieser neuen Gerätegattung ein großes Potenzial. Bis 2020, also in gut drei Jahren, werden ihrer Voraussage nach schon mehr als 2,1 Milliarden Dollar mit solchen Geräten umgesetzt werden; 2015 waren es noch 360 Millionen.

Googles "Home" ist ein Angriff auf Amazon

Bisher ist nur Amazon mit seinem smarten Lautsprecher Echo auf diesem Gebiet aktiv gewesen. Er ist seit Kurzem auch in Deutschland verfügbar, wird aber nur in limitierter Stückzahl verkauft. Google Home kommt zunächst nur in den USA auf den Markt und soll erst 2017 auch in Deutschland zu haben sein.

Es verwundert nicht, dass Gerüchten zufolge auch Apple an einem ähnlichen Gerät arbeitet - schließlich hat man mit der smarten Assistenz-Technologie Siri den wichtigsten Bestandteil bereits im Haus. Außerdem ist Apple auch bei Geräten für das vernetzte Heim aktiv.

Gartner gibt aber zu, dass es einige Zeit dauern werde, bis sich die Menschen daran gewöhnen würden, dass bei ihnen zu Hause ein Gerät stehe, das ständig mitlauscht, um bei seinem Codewort dann aktiv zu werden. Das Vertrauen in den Datenschutz des jeweiligen Anbieters sei dabei sehr wichtig. Google-Mann Queiroz betont daher, dass Home auch einen Knopf habe, um die Lauschfunktion ganz abzuschalten. Außerdem sei Googles virtueller Assistent an ein Google-Konto geknüpft und wisse eben das, was der Nutzer ihn in diesem Konto wissen lasse.

Welche Daten wohin fließen, das werden viele auch bei Googles Internet-Routern wissen wollen, denn diese wollen sich durch eine Reihe schlauer Funktionen vom Wettbewerb abheben. "Wenn sie beispielsweise mit einem Tablet durchs Haus gehen und einen Film schauen, gibt der Router automatisch dort mehr Durchsatz frei, wo er benötigt wird", sagt Queiroz. Googles Router, von denen man mehrere im Haus platzieren kann, bauen untereinander ein eigenes Netz auf, das zwar nicht erfasst, welche Inhalte darüber fließen, wohl aber, wo gerade viel Power verlangt wird und wo die Daten eher gemächlich tröpfeln.

Viel Leistung, das wird ein weiteres Google-Produkt der Internet-Leitung abverlangen. Denn Chromecast Ultra ist für das neue besonders hoch auflösende UHD-Fernsehen ausgelegt. Außerdem unterstützt es die Standards HDR und Dolby Vision, mit denen Bilder besonders lebhaft auf den Bildschirm gebracht werden sollen. Mit 79 Euro Verkaufspreis ist das TV-Zusatzgerät außerdem sehr günstig.

Das gilt auch für die neue VR-Halterung von Google. In die Brille können Smartphones eingesteckt werden. Durch die gewählten Materialien soll sie leichter und bequemer sein als Modelle der Konkurrenz. Zunächst werden nur die neuen Pixel-Smartphones von Googles damit funktionieren, künftig aber soll es auch kompatible Modelle anderer Hersteller dafür geben.

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Quelle:
SZ vom 05.10.2016
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