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Tech-Aktivist Maciej Ceglowski:Dieser Mann entzaubert das Silicon Valley

Mit trockenem Witz demontiert Tech-Aktivist Maciej Ceglowski auf der Republica die Firmenchefs von Amazon, Tesla, Facebook und Co. Aber auch für Europa hat er Ratschläge.

Maciej Ceglowski auf der Republica in Berlin

(Foto: re:publica/Gregor Fischer / CC BY-SA 2.0)

Der Tech-Aktivist Maciej Ceglowski spricht auf der Republica über Tech-Millionäre, die vor allem im Silicon Valley sitzen. In seinem 30-minütigen Vortrag reiht er einen klugen und lustigen Gedanken an den nächsten und legt Satz für Satz dar, welche Macht von den Firmen in Kalifornien ausgeht. Von Firmen, die größtenteils unreguliert vor sich hintüfteln dürfen.

All das ist nicht neu, doch wenn Ceglowski es sagt, ist es wenigstens amüsant. Zwischen all den trockenen Witzen hämmert Ceglowski mit seinen Worten unaufhörlich auf die Mythen ein, die die Konzerne aus dem Valley gerne über sich selbst verbreiten.

Für Techfirmen sollten Regeln gelten wie für Kleinkinder

"Ihr dürft erst dann mit den neuen Spielsachen spielen, wenn ihr das Chaos aufräumt, das ihr angerichtet habt." Diesen Satz müssten die Konzernchefs der Tech-Firmen öfter hören, ähnlich wie ein Kleinkind von seinen Eltern. Denn im Silicon Valley ersetze man tatsächlich existierende Probleme mit einer künstlichen Variante davon.

Ceglowski hat 2009 den Bookmarking-Dienst Pinboard gegründet, mit dem Nutzer einfach Seiten im Netz speichern und mit anderen teilen können. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat er die Webseite Techsolidarity.org ins Leben gerufen. Das erklärte Ziel ist es, Mitarbeiter in Tech-Firmen besser mit ihrer Nachbarschaft zu vernetzen, zum Beispiel über persönliche und monatliche Treffen. Für US-Bürger, die sich unter Trump dazu entscheiden, Demonstrationen zu organisieren, hat Techsolidarity eine Anleitung verfasst, wie diese Demonstranten ihre digitale Kommunikation absichern können.

"Es wird debattiert, wie man dem Planeten Mars ein erdähnliches Klima verpassen könnte anstatt darüber, wie die Erde wieder ein erdähnliches Klima bekommt", sagt Ceglowski und bezieht sich dabei auf die Weltall-Projekte von Tesla-Chef Elon Musk und Amazon-Chef Jeff Bezos. Auch wenn er sich darüber freuen würde, sollten Musk und Bezos ins All geschossen werden, sei er sich nicht sicher, ob es die Kosten rechtfertige, die dafür aufgebracht werden müssten.

Ohnehin seien die zwei Lieblingsprojekte aus dem Valley das Leben im All und die Forschung an der Unsterblichkeit. Das ist der Mythos, an den man glaube und für den man sich selbst in der Rolle des Heilsbringers sehe. Google verbrate vier Milliarden Dollar im Jahr für sogenannte "Moonshot"-Projekte, die ihre Weltfremdheit bereits im Namen trügen.

Kein Fan vom Tod

Ceglowski sagt, er selbst sei kein Fan des Sterbens. Ihm missfalle die zeitliche Verbindlichkeit und die Dauer. "Ein paar der Menschen, die ich sehr geliebt habe, sind gestorben und das hat unsere Beziehungen belastet." Doch zugleich sei er nicht überzeugt, dass eine Zivilisation, die nicht einmal das Problem des männlichen Haarausfalls in den Griff bekomme, es mit dem Sensenmann aufnehmen könne.

Doch all diese Sprüche leitet Ceglowski mit der Beobachtung ein, dass das Geld für diese Projekte von irgendwoher kommen müsse - und dass vier von fünf Konzernen, die sich das Internet in der westlichen Welt aufteilen, sich für die Ausspähung ihrer Nutzer entschieden hätten. Die Geschäftsmodelle von Google, Facebook, Amazon und Microsoft bestehen darin, Informationen über ihre Kunden zu sammeln und daraus Umsatz zu generieren, sagt Ceglowski und bekommt dafür viel Applaus.

Von den CEOs dieser Konzerne erhofft Ceglowski sich wenig - ein Beispiel, das er bringt, ist der Einreisestopp, den Donald Trump einführen wollte. Viele Menschen hatten dagegen protestiert. Bei Einreisenden in die USA aus mehrheitlich muslimischen Ländern war unklar, ob sie bei ihrer Einreise durch die Behörden festgesetzt oder zurückgeschickt werden würden. Kurz: Es war ein Moment der Krise.

Safety-Check wurde nicht aktiviert

Diesen nutzt Facebook zum Beispiel, um die Funktion Safety-Check zu aktivieren, über die Mitglieder des sozialen Netzwerks mitteilen können, dass bei ihnen alles okay ist. Die Funktion wurde nicht aktiviert. (Mark Zuckerberg hat sich aber später in einem langen Post gegen den Einreisebann ausgesprochen.)

Mehr Hoffnung setzt Maciej Ceglowski stattdessen in Mitarbeiter dieser Tech-Firmen. Diese seien weniger an Wohlwollen aus dem Weißen Haus gebunden. Sie seien gut ausgebildet, teuer und hätten viele Optionen. Diese zu verlieren, könnte für die Konzerne zum Problem werden. Es sind auch diese Menschen, an die sich die Tipps von Techsolidarity richten.

"Mentalität des Kolonialismus"

Ceglowski sagt, dass die Software der Tech-Konzerne das Leben von Milliarden Menschen beeinflusse. Im besten Fall hätten die Programmierer gute Absichten, aber wenig Lebenserfahrung. Im schlechtesten Fall entscheiden sie das Leben dieser Menschen nach intransparenten Prinzipien.

"Es ist die Mentalität des Kolonialismus. Menschen, die sehr weit weg leben, treffen Entscheidungen über unser Leben, ohne zu wissen, wie wir leben", sagt Ceglowski. Genau dagegen haben sich die (späteren) USA bei der Boston Tea Party 1773 gewehrt. Nun, da US-Firmen an der Macht seien, revanchiere man sich.

An die Zuschauer in Berlin hat Ceglowski eine klare Botschaft: "Reguliert uns", sagt er und spielt damit auch auf die Safe-Harbor-Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes von 2015 an. Europa müsse eine Antwort auf die Frage finden, wie mit den Daten umgegangen werden soll, ob sie also verkauft und weitergereicht werden dürfen. Nein, sagt Ceglowski. Ja, sagte die EU-Kommission, die im Juli 2016 ankündigte, dass das Nachfolgeabkommen zu Safe Harbor, Privacy Shield, in Kraft trete. Es gibt also noch viel zu tun.

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