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Teamviewer:Dieses schwäbische Start-up ist eine Milliarde Dollar wert

Andreas König

Er ist seit etwa einem Jahr dabei: Teamviewer-Chef Andreas König muss jetzt zeigen, dass das Geschäft auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann.

(Foto: TeamViewer)
  • Das schwäbische Unternehmen Teamviewer wird als eines von drei deutschen Softwareunternehmen mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet.
  • Die Fernwartungssoftware "Made in Germany" hat es geschafft, globaler Standard zu werden.

Von Caspar Busse und Max Hägler

"Unicorn" ist das englische Wort für Einhorn, jenes Fabelwesen aus antiken Sagen, eine Mischung zwischen Pferd und Ziege mit einem Horn auf der Stirn. Das Einhorn gilt als besonders schnell, stark und wild. In der Hightech-Szene werden heute besonders hoffnungsvolle Start-up-Unternehmen als "Unicorns" bezeichnet, junge Betriebe, die bereits einen Wert von mehr als einer Milliarde Dollar haben. Fabelwesen sind diese Unternehmen nicht, zumindest nicht in den USA.

Das US-Magazin Fortune veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Unicorn-Liste mit mehr als 170 solcher Firmen. Mit dabei sind so bekannte Namen wie der Mitfahrdienst Uber, der Messaging-Dienst Snapchat, die Vermietbörse AirBnB oder die Internet-Plattform Pinterest, die meisten haben ihren Sitz im Silicon Valley oder irgendwo in Asien.

Schwäbische Provinz, globaler Standard

In Europa oder gar in Deutschland sind diese speziellen Unicorns aber ziemlich selten. Eines davon findet man in der schwäbischen Provinz, in der Märklin-Stadt Göppingen. Es ist die Softwarefirma Teamviewer, die Ende 2014 vom britischen Finanzinvestor Permira zum Preis von gut einer Milliarde Dollar, umgerechnet damals 870 Millionen Euro, übernommen wurde. "Wir sind eines der ganz wenigen jungen Hightech-Unternehmen in Europa mit einer solchen Bewertung", sagt Firmenchef Andreas König, 50.

König ist erst seit einem knappen Jahr bei Teamviewer. Der gebürtige Österreicher, der in Zürich Maschinenbau studierte, hat bei mehreren amerikanischen Hightech-Unternehmen und im Vorstand des Schweizer Telekomkonzerns Swisscom gearbeitet. Über einen Umweg kam er in Kontakt mit dem neuen Teamviewer-Eigner Permira, König wurde der Job als Firmenchef angeboten. Von dem Unternehmen hatte er damals keine Ahnung, musste sich erst kundig machen - und war beeindruckt. "Als mir die Unterlagen zugeschickt wurden, bin ich angesichts der starken Zahlen fast umgefallen", erzählt er heute im Rückblick.

Die Software verbindet pro Minute 35 Millionen Geräte

Teamviewer ist bisher im Verborgenen erfolgreich gewachsen, vor allem mit einem Produkt: Die Schwaben stellen eine Fernwartungssoftware her. Mit ihrer Hilfe kann sich ein Techniker, ein Kollege oder ein Freund auf den Computer oder das Smartphone schalten, Probleme beheben oder Daten austauschen, man kann gemeinsam an Dokumenten arbeiten oder eine Konferenz abhalten.

Mehr als eine Milliarde Mal ist die Software, die es in 30 verschiedenen Sprachen gibt, inzwischen weltweit heruntergeladen worden. Bis zu einer Million Lizenzen werden derzeit pro Tag vergeben. Etwa 200 Millionen aktive Nutzer gibt es, 35 Millionen Geräte weltweit sind in jeder Minute per Teamviewer verbunden. "Bei diesen Zahlen bleibt vielen, auch in der Softwarebranche, der Mund offen stehen", sagt König.

Privatpersonen können Teamviewer kostenlos nutzen

Der Vertrieb läuft über ein sogenanntes Freemium-Modell: Die Grundversion ist für Privatpersonen kostenlos, professionelle Nutzer müssen zahlen. An diesem Modell will König festhalten, er glaubt an den viralen Effekt: Kunden, die privat mit Teamviewer arbeiten und zufrieden sind, würden den Dienst auch beruflich nutzen. So kann sich das Unternehmen hohe Marketingausgaben sparen.

Es werde dabei laufend geprüft, ob ein Firmenkunde missbräuchlich die Gratis-Version nutzt. "Das ist wie in Flensburg", sagt König, "die Kunden sammeln bei Missbrauch Punkte. Wenn sie zu viele haben, werden sie am Ende geblockt. Aber wir sind dabei großzügig." In Europa, besonders in Deutschland und in der Schweiz, seien die Kunden am ehrlichsten, die größten Probleme gebe es in Korea, Indien und China.

"Das ist eine richtige schwäbische Geschichte"

"Wir sind Marktführer. Unsere Software ist globaler Standard. Wir haben die Chance, als einer der ganz wenigen allein groß zu werden", sagt König. Umsatzzahlen will er nicht nennen, nach Informationen aus Unternehmenskreisen aber sollen in diesem Jahr 200 Millionen Euro erwirtschaftet werden, überwiegend außerhalb Europas. Die Firma beschäftigt 600 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte davon in der Hauptverwaltung in Göppingen. Daneben gibt es Standorte in München, in London, in Australien, in den USA und sogar eine Entwicklungsfirma in Armenien. Dort sind Entwicklungsingenieure tätig, die an neuen Produkten forschen.

Das Unternehmen wurde 2005 gegründet. "Das ist eine richtige schwäbische Geschichte", sagt König. Die Mitarbeiter einer kleinen Softwarefirma mussten zur Präsentation der Produkte immer zu ihren Kunden reisen. Firmeninhaber Tilo Rossmanith war das zu aufwendig, deswegen suchte er nach anderen Wegen, etwa die Präsentation aus der Ferne. Eine Karlsruher Firma bot Produkte dafür an, die waren dem schwäbischen Mittelständler aber zu teuer. Also ließ er selbst eine Software entwickeln, Teamviewer war geboren. Rossmanith stieg später aus und verkaufte an die Firma GFI Software. Die Zahlen gingen durch die Decke. Ende 2014 kam Permira, übernahm 100 Prozent der Anteile.

"Etwas wirklich einfach machen, dazu braucht es verdammt viel Know-how."

Das Geheimnis sei, eine leicht zu bedienende Softwarelösung anzubieten, so König: "Etwas wirklich einfach machen, so einfach wie Schuhe binden, dazu braucht es verdammt viel Know-how." Permira - der Investor war in Deutschland bislang an Schwergewichten wie Pro Sieben Sat 1 oder Hugo Boss beteiligt - setzt große Hoffnungen in die Firma.

Teamviewer sei ein Beispiel für die Strategie, Technologiefirmen mit großem Wachstumspotenzial zu finden und diese gemeinsam mit dem Management zu Weltmarktführern auszubauen, sagt Jörg Rockenhäuser, Deutschland-Chef von Permira. Er fügt an: "Es gibt nur drei Softwarefirmen mit einer Milliardenbewertung in Deutschland, Teamviewer ist eine davon."

Etwa 90 Prozent der größten US-Unternehmen nutzen bereits Software von Teamviewer. "Wir laufen auf jedem Betriebssystem", sagt König. Zudem seien die Verbindungen vom Sender zum Empfänger verschlüsselt und sicher, sie werden über rund 700 eigene Router weltweit abgewickelt. "Keiner, nicht mal die NSA, kann uns hacken", verspricht der Firmenchef. Dabei würden auch der Sitz in Deutschland und die strengen Datenschutzregeln helfen. "Wir arbeiten immer unter deutschem Recht, wir sind ein deutsches Unternehmen", betont König. "Made in Germany", das schreibe man jetzt dazu.

Das Internet der Dinge soll das Wachstum befeuern

Aber König will mehr, will die Abhängigkeit von einem Produkt verringern. Er setzt auf das Internet der Dinge, auf die Vernetzung der Maschinen mithilfe von Teamviewer. Schon heute gebe es etwa Hersteller von Schneekanonen, die ihre Maschinen per Teamviewer vernetzen.

"In zwei Jahren ist das Geschäft mit der weltweiten Vernetzung von Maschinen größer als alles, was wir heute machen", verspricht König: "Da ist nur die Fantasie der limitierende Faktor." Zudem will er stärker in den USA investieren, schon jetzt ist das Land der größte Markt. Den Ausbau will König aus eigener Kraft finanzieren. Denn Teamviewer erwirtschaftet, anders als viele andere Start-ups in der Internetbranche, Gewinne. Die operative Marge liegt laut Unternehmenskreisen bei 60 Prozent.

Fantasie, das ist es, was König für sein Unternehmen braucht. Denn Permira will irgendwann wieder aussteigen, am besten mit einem hohen Gewinn. Ob der Investor sich über einen Verkauf oder einen Börsengang verabschiedet, sei offen. "Es gibt viele Möglichkeiten", so König. Finanzinvestoren halten Engagements zwischen fünf und sieben Jahren. Da bleibt noch Zeit für das Einhorn, sich zu entwickeln.

© SZ vom 12.04.2016/mor
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