PewDiePie gegen T-Series Youtube hat eine neue Nummer eins

Das Musiklabel T-Series veröffentlicht auf Youtube täglich mehrere Musikvideos aus Bollywood-Filmen und -Serien. Der Hauptaccount des Unternehmens ist der meistabonnierte Kanal der Plattform.

(Foto: Youtube T-Series / Screenshot Caspar von Au)
  • Das indische Musiklabel T-Series ist der Youtube-Kanal mit den meisten Abonnenten.
  • Zuvor war fast sechs Jahre am Stück der Schwede Felix "PewDiePie" Kjellberg der König der Youtuber.
  • PewDiePies Fans hatten mit allen möglichen Mitteln versucht, ihn an der Spitze zu halten - zum Teil auch mit fragwürdigen.
  • In Indien wächst die Zahl der Internetnutzer rasend schnell. Das prägt das gesamte Netz.
Von Caspar von Au

Es hatte sich angedeutet, eigentlich schon vor einem Jahr. Und doch war es den Fans des Schweden Felix Kjellberg immer wieder gelungen, Menschen (und mutmaßlich auch Bots) zu mobilisieren, die Kjellbergs Youtube-Kanal "PewDiePie" abonnierten. Doch jetzt ist Kjellberg von der Spitze der Videoplattform verdrängt worden - vieles spricht dafür, dass der Wechsel auf Platz eins von Dauer sein dürfte.

Die neue Nummer eins auf Youtube heißt T-Series: Hinter dem Account steht ein indisches Musiklabel. Seit Donnerstagmorgen hat das Unternehmen mehr Abonnenten als Kjellberg. Seit Ende Februar hatte T-Series den Schweden schon mehrmals überholt, doch jedes Mal schlug die "9-Year-Old-Army", wie PewDiePie seine Fans nennt, zurück und brachte den Schweden wieder in Führung. Beide Kanäle haben aktuell etwa 91,3 Millionen Fans. Zum ersten Mal liegen die Inder seit über einem halben Tag in Front. Selbst wenn Pewdiepie-Fans es in den nächsten Stunden, wenn Indien schläft, wieder schaffen werden: Der Kampf dürfte verloren sein.

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T-Series ist das größte Musiklabel in Indien. Sein Youtube-Kanal ist voll von Musikvideos aus Bollywood-Filmen und -Serien, eine Handvoll neue kommen jeden Tag hinzu. Die allermeisten Lieder sind indische Popschnulzen, wie man sie dem Klischee entsprechend von Bollywoodproduktionen erwartet. In den Videos geht es um Liebe, Schmerz und natürlich ums Tanzen. Nach Videoaufrufen (der für Werbegelder eigentlich relevanten Zahl) liegt T-Series schon seit Anfang 2017 vor PewDiePie, ist also bereits mit deutlichem Vorsprung der meistgesehene Kanal der Welt. An der Zahl der Abonnenten lässt sich vor allem das Prestige eines Kanals bemessen.

Der demografische Wandel wird das Internet verändern

Seit dem 15. August 2013 war Kjellberg, 29, fast sechs Jahre lang "der König der Youtuber". Bekannt geworden ist der Schwede ursprünglich durch seine Let's-Play-Videos, also Clips, die ihn beim Computerspielen zeigen. Mittlerweile beschränkt sich Kjellberg vorrangig darauf, Memes und andere Internetfundstücke, die ihm seine Fans zuschicken, vor der Kamera zu kommentieren. Kjellberg ist für seinen anstößigen Humor und gelegentliche Grenzüberschreitungen bekannt (und bei vielen genau deshalb beliebt). In den vergangenen Jahren war er mehrmals öffentlich kritisiert worden, zum Beispiel, als er zwei indische junge Männer dazu brachte, im Zuge einer Challenge ein Schild in die Kamera zu halten, auf dem "Tod allen Juden" zu lesen war. In der massiven Kritik, die in der Folge auf ihn niederging, sah PewDiePie eine Medienkampagne. Die Aktion habe Tabubrüche thematisieren wollen, sagte Kjellberg.

Seine Fanbase haben derartige Entgleisungen nie gestört. PewDiePie gilt ihnen als Verteidiger der bedingungslosen Meinungsfreiheit im Netz, was ihm auch immer wieder Applaus von rechts eingebracht hat. Zuletzt wurde das bei dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch deutlich. Der rechtsextreme Attentäter, der 50 Muslime tötete und sich dabei selbst filmte, fand in seinem Livestream noch Zeit, die Zeilen "Abonniert Pewdiepie" darin unterzubringen. Kjellberg zeigte sich auf Twitter bestürzt: "Es widert mich an, dass diese Person meinen Namen in den Mund nimmt", schrieb er und zog sich daraufhin einige Tage von allen sozialen Kanälen zurück. Ein signifikanter Anstieg an Abo-Zahlen war nach dem Anschlag allerdings auch nicht festzustellen.

Doch PewDiePie gilt nicht nur als Verteidiger der unbedingten Meinungsfreiheit, er steht in den Augen seiner Fans auch noch für Youtubes ursprüngliches Motto "broadcast yourself". Auch wenn er mit seinen Videos laut Forbes allein 2018 rund 15,5 Millionen US-Dollar verdient haben soll, von seinen Unterstützern wird er weiter als unabhängiger Einzelkämpfer wahrgenommen. T-Series dagegen symbolisiert für sie für Kommerz und steht stellvertretend für andere Großkonzerne, die den kleinen Youtubern das freie Netz streitig machen.

T-Series repräsentiert aber auch Indiens Vormarsch im Internet. Mehr als 560 Millionen Inder und Inderinnen sind online, das Land hat die zweitmeisten Nutzer hinter China (dort ist Youtube aufgrund der staatlichen Zensur allerdings nicht zugänglich). Dementsprechend richtet sich auch die Unterhaltungsindustrie neu aus. Dieser demografische Wandel dürfte das Gesicht des Internets langfristig verändern. Einige PewDiePie-Fans haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder zu rassistischen Kommentaren hinreißen lassen. Der Youtube-Star selbst hat sich allerdings davon distanziert.

Ransomware zwingt Opfer zum Pewdiepie-Abo

Dass sich das Rennen zwischen T-Series und PewDiePie so lange hingezogen hat, liegt zum Teil auch an einigen wahnwitzigen - und teilweise illegalen - Aktionen von Kjellbergs Unterstützern. Ende November manipulierte ein Hacker 50 000 Drucker und ließ sie einen Werbeflyer für PewDiePie drucken. Der Youtuber Justin Roberts behauptete, für eine Million US-Dollar zeitweise eine Werbetafel am Times Square in New York gemietet zu haben. Sein Youtube-Kollege "MrBeast" warb während des Superbowls in den USA vor einem Millionenpublikum für PewDiePie. Er und seine Freunde hatten entsprechende T-Shirts drucken lassen und Plätze direkt hinter den Torstangen ergattert. Auch Tesla-Chef Elon Musk half mit. Er moderierte sogar den Teil eines Videos von Kjellberg, um seine Unterstützung zu signalisieren. Der jüngste und kurioseste Fall: Am Dienstag berichteten mehrere Medien von gleich zwei Ransomwares, die im Netz aufgetaucht waren. Anders als bei gewöhnlicher Erpressersoftware fordern die Hacker diesmal nicht Bitcoin, sondern ein Pewdiepie-Abo von ihren Opfern.

Von dem absurden Kopf-an-Kopf-Rennen, das nach mehr als einem halben Jahr entschieden ist, profitieren nicht nur T-Series und PewDiePie. Auf Dutzenden Youtube-Kanälen konnte und kann man rund um die Uhr live verfolgen, wie der Vorsprung des Schweden auf das Musiklabel schrumpfte und wieder anstieg (beziehungsweise mittlerweile umgekehrt). Die Betreiber dieser Kanäle schalteten Werbung oder kassierten Spenden von anderen Nutzern. Nun müssen sie sich ein neues Geschäftsmodell überlegen. Aber wer weiß, vielleicht schlägt PewDiePie - beziehungsweise dessen Fan-Armee - nochmal zurück.

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