Süddeutsche Zeitung

Swatting:Wie schwer bewaffnete Polizisten auf Unschuldige gehetzt werden

Beim "Swatting" rufen US-Bürger die Polizei und behaupten, einen Mord begangen zu haben. Dann beginnt der Großeinsatz bei ahnungslosen Opfern.

Von Hakan Tanriverdi, Austin

Jeder im Saal ist ein potenzielles Opfer von Swatting, dieses unheilvollen Trends. Es sei ganz einfach, sagt Sergeant Ben Finley. Er müsse nur bei der örtlichen Polizei anrufen und vorlügen, dass in diesem Raum auf der Technik-Messe South by Southwest in Austin gerade geschossen werde. Kurze Zeit später wäre ein Spezialeinsatzkommando mit gezogenen Waffen hier, um "die Gefahr zu neutralisieren". Finley spricht aus Erfahrung. Er jagt "Swatter" - jene Spaßvögel, die ahnungslosen Menschen Swat-Teams (die Abkürzung steht für Special Weapons and Tactics) auf den Hals hetzen.

Ein Anruf reicht, und die schwerbewaffneten Polizisten werden geschickt, um ein Haus zu stürmen. Sie brechen die Tür auf, bereit, zu feuern. Schließlich rechnen sie damit, einem "active shooter" zu begegnen, einer Person, die Menschen mit dem Tod bedroht oder schon getötet hat.

Beim Swatting geben anonyme Anrufer bei der Polizei eine fremde Adresse an. Die Horror-Geschichte, die sie den Beamten erzählen, ist gelogen. Die Polizisten werden in die Wohnung einer unschuldigen Person geschickt. Die Motive der Täter sind unterschiedlich. Mal ist die Aktion als Scherz gemeint, aber oft sollen die Opfer eingeschüchtert, erpresst und terrorisiert werden.

Swatting ist ein amerikanisches Phänomen. Swat-Teams sind vergleichbar mit Spezialeinsatzkommandos in Deutschland, nur deutlich präsenter, selbst in kleineren Städten. Nach Angaben des Kriminologen Peter Kraska waren im Jahr 2007 in 80 Prozent aller Orte mit einer Bevölkerung zwischen 25 000 und 50 000 Menschen solche Teams im Einsatz (Studie als PDF).

Sergeant Finley vom Johns Creek Police Department in der Nähe von Atlanta jagt jene, die diese Teams missbrauchen - um anderen Angst einzujagen.

In Austin spricht der Ermittler über seine Erfahrungen. Mehrere Polizisten sind im Saal, beim Einlass werden Taschen durchsucht. Einige der Personen, die heute hier sprechen, wurden mehrfach mit dem Tode bedroht und hatten Swat-Teams in ihren Wohnungen.

1000 Stunden Arbeit, um einen 16-Jährigen zu fassen

In einem Fall gelang es dem Polizisten, einen 16-jährigen Jungen zu überführen. Er wurde des Swattings in 46 Fällen schuldig gesprochen und zu 18 Monaten Haft verurteilt. 1000 Stunden Arbeitszeit gingen für den Fall drauf, erzählte Finley der New York Times. Es sei schwer, Swatter festzunehmen, sagt er in Austin. Zum einen liege das an den technischen Vorkehrungen wie VPNs (Dienste, die den Netzverkehr verschlüsseln und über Umwege weiterleiten) und anderen anonymisierenden Diensten. Zum anderen wüssten Beamte oft nicht Bescheid über das Phänomen. Das Wort Swatting kennen sie noch gar nicht, wenn sie grundlos eine Wohnung oder ein Haus stürmten, sagt Finley.

Er selbst lernte das Wort im Januar 2014 kennen, "an einem Dienstagnachmittag um 16:30 und entsprechendem Rush-Hour-Verkehr", erzählt er mit starkem Südstaaten-Akzent. Ein Mann rief bei der Polizei an und behauptet, in einer reicheren Gegend der Stadt zwei Mädchen und eine Frau erschossen zu haben. "Der Familienvater war zu der Zeit in einem Flugzeug, die Mutter auf der anderen Seite der Stadt", sagt Finley.

Der Anruf führt zu einem Großeinsatz. Die Lokalpresse erfährt davon, kurze Zeit später zeigen alle TV-Sender Livebilder, gefilmt aus einem Hubschrauber. "Stellen Sie sich vor, diese Mutter zu sein - und in den Nachrichten zu erfahren, dass Ihre Kinder umgebracht wurden." Finley ist da, als die Mutter ihre Kinder umarmen kann, nachdem sie sich durch die Absperrungen gekämpft hat. "Obwohl sie wusste, dass ihren Kindern nichts passiert ist, konnte man in ihren Augen sehen, wie viel Angst sie hatte. Stellen Sie sich dieses Trauma vor." Der Vater erfuhr ebenfalls in den Nachrichten vom vermeintlichen Tod seiner Familie, nachdem er den Flugmodus seines Smartphones ausgeschaltet hatte.

Morddrohungen, Nacktfotos und Swatting

Nach diesem Fall bekam Finley den Auftrag, sich um Swatting-Fälle zu kümmern. Lange wusste er nichts von den technischen Möglichkeiten, die Täter nutzen. Über VPNs - Dienste, die den Netzverkehr verschlüsseln und über Umwege weiterleiten - sagte Finley der New York Times: "Bei diesen Dingen wird einem schwindelig." Er hat wenig übrig für Anonymität und Smartphone-Apps, die Anrufe über ein fremdes Land leiten und die Stimme verzerren. Seiner Erfahrung nach endeten die meisten dieser Anrufe mit dem Großeinsatz eines Swat-Teams.

Die amerikanische Polizei ist in Teilen militarisiert. Die Teams sind mit Waffen ausgerüstet, mit denen sie in den Krieg ziehen könnten. Es sind diese Ausstattung und das entsprechende Training, die von Swattern ausgenutzt wird. In vermeintlichen Notfällen entscheidet sich die Polizei eher für das Großaufgebot - Kräfte abziehen geht später ja immer noch.

Die Ermittlungen gegen Swatter würden auch dadurch erschwert, dass oft mehrere Bundesstaaten betroffen seien, manchmal unterschiedliche Länder. Die Täter profitieren von der rechtlichen Unsicherheit. Die Beamten müssten lernen, die Täter dennoch zu verfolgen und Erkenntnisse zwischen den Behörden zu tauschen. Finley zufolge müssen diese Informationen sehr spezifisch sein: "Wie hat der Täter sich sein Opfer ausgesucht? Haben sie miteinander geredet? Handelt es sich um eine Gaming-Seite?" Solche Fragen stellt Finley Kollegen, wenn er bei den Ermittlungen hilft.

Viele der Swatting-Anrufe finden im Umfeld von Twitch statt, einem Streamingdienst für Videospiele. Der 16-jährige, den Finley überführen konnte, suchte gezielt Frauen aus, die auf Twitch aktiv waren. Er drohte ihnen mit Mord, postete ihre Adresse im Netz, gelangte an Nacktfotos - und schickte Swat-Teams zu ihnen.

In den USA gebe es auf Bundesebene kein Gesetz, das gezielt Swatting bestrafe, sagt Katherine Clark, die für die Demokraten im US-Kongress sitzt. Nun sitzt sie neben Finley auf der Bühne und erzählt, dass sie dagegen einen Gesetzentwurf eingereicht hat. Kurz darauf stehen Polizisten vor ihrer Tür. Sie wurde geswattet.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2906481
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/jab/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.