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IT-Sicherheit:Angriff auf die Supercomputer

Der Hochleistungs-Computer Supermuc-NG in Garching.

(Foto: Leibniz-Rechenzentrum Garching)

Mehr als 10 Hochleistungs-Rechenzentren wurden gehackt, darunter das in Garching. Sie werden für die Forschungen an Covid-19-Therapien genutzt, doch die Betroffenen vermuten andere Motive hinter den Übergriffen.

Dieter Kranzlmüller kann sich nicht erklären, was der Hacker wollte. "Jemand ist eingedrungen und hat das System manipuliert. Wir wissen aber nicht genau, was er gemacht hat", sagt der Leiter des Leibniz-Rechenzentrums in Garching bei München. Dort steht der Hochleistungs-Rechner SuperMUC-NG. Kranzlmüllers Team musste ihn diese Woche vom Internet nehmen, nachdem sich ein Hacker Zugriff auf das System verschafft hatte. Das Dezernat Cybercrime im Bayerischen Landeskriminalamt ermittelt.

Der Fall erschüttert die Forschergemeinde, die für ihre Untersuchungen auf die teuren Maschinen angewiesen ist. Sie ist international verstreut, kann nun aber nicht mehr online auf die Computer zugreifen. Neben Garching sind Kranzlmüller zufolge mehr als zehn Hochleistungs-Rechenzentren in verschiedenen Ländern betroffen, darunter die in Freiburg, Stuttgart und Jülich. Ein "ernstes Problem quer durch die akademische Gemeinschaft", nennen es die Verantwortlichen des Superrechners Archer in Edinburgh.

Hochleistungs-Computer sind nicht mit PCs oder normalen Rechenzentren vergleichbar. Ihre Rechenkraft liegt um mehrere Größenordnungen höher. Sie können Hunderte Quadratmeter belegen und werden vor allem für aufwendige Simulationen eingesetzt, an denen herkömmliche Rechner scheitern. Dazu zählen Berechnungen von Wetterlagen oder Molekülen. Deshalb sind Supercomputer in der Pharmaforschung beliebt, um etwa herauszufinden, wie Medikamente mit Zellen interagieren. Das soll Forschern teure und langwierige Labortests ersparen.

Ob der oder die Hacker größeren Schaden angerichtet haben, ist unklar. Aus den sogenannten Logfiles, die Aktivitäten auf den Computern erfassen, sei nicht ersichtlich, dass größere Datenmengen abgeflossen seien, sagt Kranzlmüller. Ein Problem ist der Hack trotzdem. "Die Maschinen arbeiten weiter, aber sind von der Außenwelt abgeschnitten." Aus der Ferne könnten Forscher nicht mehr auf sie zugreifen, was ihre Projekte zum Stillstand bringen kann.

Denn die überschaubare Zahl der Hochleistungs-Rechenzentren kooperiert eng. Sie stellen Forschern aus der ganzen Welt auf Antrag Rechenleistung zur Verfügung. Wer zum Beispiel erste Simulationen auf einem Hochleistungs-Computer in Edinburgh berechnet hat, kann die Ergebnisse auf der etwas anders gebauten Maschine in Garching überprüfen.

Dass die Rechenzentren international so eng kooperieren, wurde ihnen in diesem Fall zum Verhängnis. "Offensichtlich hat er es geschafft, von Zentrum zu Zentrum zu springen, in dem er bestimmte Benutzerkonten gekapert hat", sagt Kranzlmüller über den Hacker. Diese Zugänge sollten gut geschützt sein. Wer aber einmal Zugang hat, kann sich im Netzwerk bewegen und auf mehr als einen der Supercomputer zugreifen. Kranzlmüller sagt: "Wir machen eben offene Wissenschaft. Deshalb ist es auch schwierig zu verstehen, was der Hacker bei uns wollte."

Auch bei der Suche nach Medikamenten gegen Covid-19 setzen einige Forscher ihre Hoffnungen in die Maschinen. In mehreren Hochleistungs-Rechenzentren rechnen sie derzeit in Abermillionen Varianten durch, wie verschiedenste Wirkstoffe das Andocken des Virus an menschliche Zellen verhindern und es so unschädlich machen könnten. Auch in Garching liefen solche Covid-19-Simulationen.

Das FBI warnte in dieser Woche, chinesische Hacker könnten sich in die Forschung nach Therapien gegen Covid-19 einhacken. Doch Kranzlmüller sagt: "Ich würde wetten, dass es nichts mit Corona zu tun hat." Die Daten seien für Angreifer ohnehin nutzlos. "Das versteht nur der Wissenschaftler, der die Simulation macht. Und hinterher publiziert er seine Ergebnisse ja ohnehin." Zudem hatten die Angriffe dem Spiegel zufolge schon Anfang Januar begonnen, also bevor Covid-19 zur Pandemie wurde.

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