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Suchmaschinen-Streit:Ohne Google geht nichts

Auch ein Bündnis mit Verlagen würde nicht helfen: Microsoft kann an der Marktmacht von Google wenig ändern

Thorsten Riedl

Am Kiosk in bester Innenstadtlage gibt es alle erdenklichen Zeitungen. Jeder darf einen Blick auf Schlagzeile und Vorspann werfen. Kostenlos. Der Kioskbetreiber verdient an Werbeplakaten in seinem Laden. Die Zeitungsverlage selbst bekommen nur Geld über Anzeigen in ihren Heften. Je mehr Leser reinschauen, umso höher aber auch ihre Werbeerlöse.

Google besitzt eine monopolartige Marktposition

(Foto: Foto: AP)

Am Rande der Stadt gibt es noch einen Laden. Da wird jeder Verlag schon für die Auslage seiner Waren am Umsatz beteiligt. Es kommt aber viel weniger Kundschaft vorbei. Welchen Kiosk also wählen? Dieses Bild beschreibt das Dilemma, vor denen Verlage gerade im Internet stehen: Marktführer Google, mit "Innenstadtlage" im Netz, oder Herausforderer Microsoft - bei wem sind die eigenen Titel am besten aufgehoben?

Rupert Murdoch hat in dieser Woche die Entscheidung vorbereitet für die mehr als 150 Zeitungen und Zeitschriften seines Medienkonzerns, der News Corp. Der 78-Jährige fühlt sich vom Suchmaschinenbetreiber Google um den Lohn seiner Arbeit gebracht: Beim Google-Dienst News darf jeder gratis in die Murdoch-Presse schauen, dabei verdient Google an Online-Werbung im Umfeld. Bei Murdoch bleibt "nur" hängen, was er mit Annoncen auf eigenen Webseiten verdient.

Deshalb verhandelt der Medienmogul mit Microsoft, wo er bei der Microsoft-Suchmaschine Bing bereits an den Erlösen der Trefferliste beteiligt wäre. Dieses Geschäft ist gefährlich - allein für News Corp. Google schadet der Verlust der Murdoch-Presse nicht, Microsoft kann nur gewinnen. Beide haben ein Geschäftsmodell, das im Netz funktioniert. Das fehlt den Verlagen bislang.

Ist Google wirklich bedroht?

Wie verletzlich ist Google? Wenn Murdoch dem Suchmaschinenprimus künftig die Verwertung der Inhalte von 150 Titeln verwehrt, darunter das Wall Street Journal und die Londoner Times, klingt das bedrohlich. Man muss sich aber die Abhängigkeiten klarmachen: Die Verlage profitieren von Google. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Besucher auf deutschen Nachrichtenseiten zum Beispiel kommt via Google.

Wenn die Verlage die Suchmaschine aussperren, sinkt deren Reichweite dramatisch. Umgekehrt lebt Google nicht von Verlagen. Kerngeschäft des elf Jahre alten Konzerns bleibt das Auffinden von allen möglichen Webseiten - und an Anzeigen auf den Trefferseiten verdient Google am meisten. Hierzulande stehen nicht mal Online-Annoncen bei Google News.

Wenn sich nun aber alle Verlage der Welt vereinen würden? Unwahrscheinlich, dass dies gelingt, denn 25000 unterschiedliche Nachrichtenquellen finden sich aktuell bei Google. Zum geplanten Geschäft von Murdoch und Microsoft beispielsweise wirft die US-Version von Google News 600 verschiedene Fundstellen aus. 600-mal dieselbe Nachricht, nur von anderen Berichterstattern. Dabei ist ausgerechnet der Zugang zur Webseite der Financial Times beschränkt, bei der die Nachricht zuerst stand.

"Schluss mit gratis, jetzt wird kassiert"

Die Sperre bei dem englischen Wirtschaftsblatt ist aber ganz egal: Beim Online-Portal des Nachrichtensenders CNN gibt es nämlich den Artikel der Financial Times, im Original, leicht zu finden über Google News. Wer verdient also in diesem Beispiel? Google und CNN über Werbung auf ihren Webseiten - und kein Cent bleibt bei der Financial Times hängen.

"Schluss mit gratis, jetzt wird kassiert", lautet eine Schlagzeile - von 2002. In dem sieben Jahre alten Artikel geht es darum, wie der Gratiskultur im Netz zu begegnen ist. Das ist kein Zufall, denn damals brachen in der Wirtschaftskrise die Werbeumsätze weg, genau wie heute. Eine Lösung wurde seinerzeit nicht gefunden, denn im Aufschwung wenig später konnten Unternehmen und Verlage wieder ausreichend Werbeeinnahmen im Internet verbuchen.

Dieses Mal wird es nicht anders laufen. Ein Vehikel wie Google, das Reichweite im Netz schafft, wird in guten Zeiten wieder beliebter sein. Vielleicht mit einem Rivalen namens Microsoft. Dass der Abschluss mit Murdoch das Softwarehaus zu einem gefährlicheren Konkurrenten für den Google-Konzern mit seiner teils monopolartigen Marktposition macht, ist das einzig Positive an dem geplanten Geschäft.

© SZ vom 25.11.2009/joku
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