Streit in der Online-Enzyklopädie Sex, Intrigen und Wikipedia

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales in der Kritik: Hat er zweideutige Zeichnungen junger Mädchen gelöscht, um der Kontroverse mit dem konservativen US-Sender Fox News auszuweichen?

Von Johannes Kuhn

In Laufe der nächsten Tage will sich Wikipedia ein neues Gesicht geben: Eine bessere Navigation, ein neues Logo, einfachere Editierfunktionen. Doch den Autoren der Online-Enzyklopädie ist derzeit kaum zum Feiern zumute: Ausgerechnet Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales hat mit einer umstrittenen Löschaktion den Zorn der Community auf sich gezogen.

Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales: Editierrechte zurückgegeben

(Foto: Foto: Reuters)

Alles begann mit einer Anzeige, die beim FBI Anfang April eingegangen sein soll. Wikipedia, so der Vorwurf, "verbreite wissentlich Kinderpornographie". Konkret seien in der freien Datenbank Wikimedia Commons entsprechende Zeichnungen zu finden, sowohl in der Kategorie "Pädophilie", als auch in der Kategorie "Lolicon". Lolicon ist ein japanischer Begriff, der Manga-Zeichnungen von jungen Mädchen in erotischen Posen bezeichnet.

Nun kam dieser Vorwurf nicht von irgendeinem Menschen, sondern von Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger, der diesen auch in einer Nachricht über die Wiki-Mailingliste verbreitete. Der promovierte Philosoph hat sich bereits vor Jahren aus dem Wikipedia-Umfeld zurückgezogen. Er und Wales gelten als schwer zerstritten, da beide die Urheberschaft der Wiki-Idee für sich beanspruchen.

Nachdem die Wikimedia-Administratoren zuerst keine Reaktion auf die Anschuldigungen zeigten, wuchs der Druck durch einen Artikel auf der Internetseite des konservativen US-Fernsehsenders Fox News. In diesem befragten die Reporter Unternehmen, die hohe Beträge für die Wikipedia-Mutterorganisation Wikimedia Foundation gespendet hatten, ob sie sich "des Ausmaßes dargestellter Sexinhalte" auf den Wikimedia-Seiten bewusst seien.

Wenig später begannen die Administratoren der Seite damit, Hunderte Bilder mit erotischen Motiven zu löschen. Wales hatte sich im Vorfeld dafür ausgesprochen, Bilder "mit wenig oder keinem erzieherischen Gehalt, die nur lüsternen Interessen dienen", zu entfernen - und beteiligte sich aktiv an der Aktion. "Wir waren kurz davor, in sämtlichen Medien beschuldigt zu werden, harte Pornographie zu verbreiten und nichts dagegen zu tun", begründete er die Aktion in einer E-Mail.

Petition gegen den Wiki-Guru

Da dies jedoch ohne Rückfrage geschah, sah sich Wales schnell der Kritik von mehr als 300 freiwilligen Wikimedia-Mitarbeitern ausgesetzt. In einer Petition forderten sie mehr Zurückhaltung des Wikipedia-Gründers Als Reaktion gab Wales einige seiner Editier-Privilegien für die Seite zurück. Inzwischen ist ein Teil der Bilder wieder online zu finden.

Kontroversen über den Kurs von Wikipedia schwelen bereits seit Monaten: In Deutschland hatte es innerhalb der Autorengemeinschaft heftige Debatten über die Relevanz bestimmter Einträge gegeben. Dabei geht es auch darum, wer letztlich die Entscheidungen über Löschungen trifft.

Auch in den USA dürfte der jetzige Streit noch nicht ausgestanden sein: Am Montag legte Foxnews.com mit einem weiteren Artikel nach. Dort heißt es: "Wikipedia läuft ungefiltert in die Klassenzimmer von öffentlichen Schulen im ganzen Land ein. Wenn Schüler nach dokumentierten Fällen von Kindesmissbrauch suchen und auf den Link klicken, würden sie bei Zeichnungen nackter Kinder landen, die sexuelle Akte ausüben."

Das FBI betrachtet die Angelegenheit Medienberichten zufolge offenbar gelassener: Die Behörde habe bislang keine Ermittlungen eingeleitet, heißt es.