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CO2-Emissionen:Das nächste Video besser über Glasfaser streamen

FILE PHOTO: The Netflix logo is pictured on a television in this illustration photograph taken in Encinitas California

Videostreaming muss nicht klimaschädlich sein.

(Foto: Mike Blake/REUTERS)

Wie klimaschädlich sind Videostreaming-Dienste wie Netflix und Co.? Eine Studie des Umweltministeriums kommt zum Ergebnis, dass es auf das Netz ankommt.

Von Mirjam Hauck

Ist Videostreaming das neue Fliegen? Verursachen Netflix und Co. mehr schädliche CO2-Emmissionen als der Auto- oder der Flugverkehr? Das seien Fragen, die sich viele Internetnutzerinnen und -nutzer stellen, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Donnerstag in Berlin. Um diese beantworten zu können, haben ihr Umweltministerium und das Umweltbundesamt nun zusammen mit dem Ökoinstitut und der Fraunhofer- Gesellschaft eine Studie vorgelegt, die sich mit neuen Daten diesem Problem widmet. Sie hat untersucht, wie sich Videostreaming auf den CO2-Ausstoß und damit auf das Klima auswirkt.

"Deutschland hat in den vergangenen Monaten in der Pandemie einen Digitalisierungsschub erlebt", sagte Umweltministerin Svenja Schulze bei der Vorstellung der Studie, und das werde weitergehen. So habe die Nutzung von Streamingdiensten im März im Vergleich zum Februar um rund 30 Prozent zugelegt. Videoinhalte machen mittlerweile 80 Prozent des Datenverkehrs in Telekommunikationsnetzen aus. Der Verzicht etwa auf Fahrten zum Arbeitsplatz oder Flüge zu Konferenzen sei zwar aus Sicht des Klimaschutzes positiv, der Klimaeffekt der Digitalisierung müsse aber weiter erforscht und mit Zahlen belegt werden. Denn nur mit einer guten Datenlage könne man sehen, wo die Einsparpozenziale liegen, mit denen sich dann wiederum die Klimabilanz verbessern lässt.

Die Studie nennt auch konkrete Einsparpotenziale: So sei entscheidend, über welches Netz Menschen streamen. Eine wichtige Rolle spiele auch, wie energieeffizient die Rechenzentren sind, die die Anbieter der Videos für ihr Angebot nutzen.

Klimafreundliches Glasfasernetz

Am effizientesten und damit am klimafreundlichsten ist demnach die Übertragung über das Glasfasernetz. Werde ein Stream in HD-Qualität darüber geleitet, verursache er CO2-Emissionen in Höhe von zwei Gramm pro Stunde. Beim Breitbandanschluss über Kupferkabel (VDSL) seien dies mit etwa vier Gramm schon doppelt so viel. Das moderne, eben erst startende 5G-Mobilfunknetz liege bei fünf Gramm die Stunde, das derzeit gängige 4G-Mobilfunknetz bei rund 13 Gramm. Das rund 20 Jahre alte, aber immer noch genutzte UMTS- oder 3G-Netz bringe es auf immense 90 Gramm CO2-Ausstoß pro Stunde Videostreaming.

Wer also zu Hause über Wlan ins Glasfasenetz geht und sich dort am Laptop How to Sell Drugs Online (Fast) auf Netflix oder Oktoberfest 1900 in der ARD-Mediathek ansschaut, verhält sich um einen Faktor von fast 50 umweltfreundlicher, als wenn er sich die Serien unterwegs auf dem Handy im 3G-Netz anschaut. Das neue 5G-Mobilfunknetz ist immerhin 20-mal klimaschonender als der Vorvorgänger.

Zwischen den untersuchten Rechenzentren gibt es der Studie zufolge große Unterschiede. Die Bandbreite beim Ausstoß von CO2-Emissionen liege zwischen 105 Kilogramm und 153 Kilogramm pro Terabyte Speicherkapazität pro Jahr. Wenn ein Rechenzentrum nicht ausgelastet oder Gebäudetechnik veraltet sei, sei der Energieverbrauch deutlich höher als bei den effizienten Anlagen, erklärte die Umweltministerin.

Diese Ergebnisse zeigten nun, was die Politik tun könne, zum Beispiel mehr öffentliche Wlan-Hotspots einrichten. Zudem sei ein schnellerer Breitbandausbau mit Glasfaser wichtig, und das ältere 3G-Mobilnetz solle möglichst schnell durch moderne Verbindungen wie 5G ersetzt werden.

Umweltsiegel für Rechenzentren

Auch brauche es ein Umweltsiegel oder einen Nachhaltigkeitsausweis für Rechenzentren, sagte Schulze. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, sagte bei der Vorstellung, dafür müssten vier Indikatoren berücksichtigt werden: Rohstoffbedarf, Menge der Treibhausemissionen, Energiebedarf und Wasserverbrauch eines Rechenzentrums.

Unternehmen könnten mit mehr Datensparsamkeit dazu beitragen, die Klimabilanz zu verbessern: Webseitenbetreiber und Anbieter von Streaming- und Videodiensten sollten alle Videostreams auf ihren Seite so einstellen, dass die Autoplay-Funktion standardmäßig deaktiviert ist.

Besser Sprachtelefonie

Schlecht seien auch Anreize wie Flatrates oder Datenpakete für Musik- oder Videostreaming in Mobilfunktarifen. Sie führen zu höherem Datenkonsum, auch weil die Nutzerinnen und Nutzer dann vermehrt Videolelefonie über Messengerdienste verwenden statt der normalen Sprachtelefonie. Das koste zusätzliche Bandbreite und Energie. Laut Studie betrage der Unterschied zwischen Videotelefonie und Sprachtelefonie eindeutige 300 Megabyte statt 60 Megbyte pro Stunde. Werde dafür dann auch noch ein altes 3G-Netz genutzt, habe das einen erheblichen CO2-Fußabdruck zur Folge.

Denn auch die Bürgerinnen und Bürger könnten durch ihr Verhalten den Energieverbrauch senken und die Netze entlasten. Wer daheim über Glasfaser oder VDSL streame, könne dies mit gutem Klimagewissen tun. Noch besser sei aber, Filme, Serien oder Videos in einer geringen Auflösung anzuschauen. Denn auch die Auflösung beeinflusst den CO-Ausstoß.

So benötigt eine Übertragung in Ultra-HD-Auflösung auf einem Fernseher verglichen mit HD-Qualität die zehnfache Datenmenge, nämlich 7000 Megabyte statt 700 Megabyte pro Stunde. Auf Mobilgeräten mit vergleichsweise kleinem Display ist der Qualitätsunterschied für das menschliche Auge ohnehin kaum wahrnehmbar. "Streaming - das geht auch klimafreundlich. Es muss nicht das neue Fliegen werden", sagte Schulze.

© SZ
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