Streaming-Dienste Hauptsache bequem

Musik hören, egal wo, egal welche: Immer mehr Nutzer schließen Streaming-Abos ab, weil sie bequem sind.

(Foto: REUTERS)

Mehr und mehr Menschen schließen Abos für digitale Unterhaltungsdienste ab, statt Musik oder Videos zu kaufen. Die Freiheit von starren Sendezeiten und festgelegten Geräten erkaufen sie sich aber mit einer neuen Abhängigkeit.

Ein Kommentar von Lutz Knappmann

Am Ende bleibt vom Gefühl der großen digitalen Freiheit im Unterhaltungsgeschäft vor allem eines: größtmögliche Bequemlichkeit. Die Bequemlichkeit, immer und überall Zugriff zu haben auf die Lieblingsmusik, die Lieblingsfilme.

Mehr und mehr Menschen nutzen sogenannte Streaming-Dienste im Internet. Anbieter also, von denen sie sich Songs und Videos auf Computer oder Smartphones spielen lassen, wann und wo es ihnen gefällt. Digitale Unterhaltung auf Abruf, gegen eine monatliche Abo-Gebühr. Es ist der nächste logische Schritt in der Digitalisierung der Unterhaltungsindustrie.

Schnelle Internetanschlüsse und drahtlose Onlinezugänge sind mittlerweile so weit verbreitet, dass die Nutzer beinahe von überall her Zugriff auf Portale wie Spotify, Napster oder andere haben. Warum also sollten sie Musik oder Videos noch auf ihren Geräten speichern? Bezahlt wird nicht mehr für den einzelnen Song oder einen Film - sondern für die Verfügbarkeit eines möglichst üppigen Titel-Angebots.

Die großen Digitalkonzerne entern den Markt

Das ist überaus bequem: große Auswahl, geringer Suchaufwand. Alles passt zusammen. Ein Zugang, der auf allen Geräten des Nutzers funktioniert, der überall das gleiche Angebot bereithält und alles miteinander synchronisiert. Ein optimales Nutzungserlebnis - das allerdings umso angenehmer wird, je mächtiger der Anbieter ist. Je mehr Kontrolle er darüber hat, wie alle Puzzleteile, wie Technik und Inhalte zusammenpassen.

Im Streaming-Markt lässt sich die Entwicklung beobachten. Immer klarer zeichnet sich ab: Ein paar große Anbieter werden ihn am Ende unter sich aufteilen. Vermutlich gerade jene Digitalkonzerne, die manchem Nutzer angesichts ihrer Marktmacht eigentlich längst suspekt sind.

Eine Auswahl von Meldungen der vergangenen Tage: Der dominierende Onlinehändler Amazon startet in den USA einen Musik-Streamingdienst für die zahlenden Kunden seines "Prime"-Vorteilsclubs. Der iPhone-Erfinder Apple übernimmt das Unternehmen Beats, das nicht nur modische Kopfhörer fertigt, sondern auch einen Musik-Abrufdienst betreibt. Das in den USA bereits sehr erfolgreiche Videoportal Netflix kündigt für Ende 2014 den Marktstart in Deutschland an.

Sony zeigt, wie sich mit der Playstation 4 auch Filme und Musik auf den Bildschirm bringen lassen. Der Deutsche Medienkonzern Pro Sieben Sat 1 verschmilzt sein Musikportal Ampya mit dem eines französischen Wettbewerbers. Und so weiter. Die großen Digitalkonzerne stoßen damit eine Konsolidierung des Angebots an. Das müssen sie auch. Apples Portal iTunes etwa, das den Markt für Musik-Downloads bislang dominiert, verzeichnet seit Mitte 2012 sinkende Abrufzahlen - nicht zuletzt, weil immer mehr Kunden lieber auf Streaming-Angebote zurückgreifen.

Einfache Nutzbarkeit und ein großes Angebot - dafür zahlen die Nutzer

Dabei war es Apple, das nach der Jahrtausendwende den von Musikpiraterie gebeutelten Plattenkonzernen überhaupt erst bewies, dass Nutzer sehr wohl bereit sind, für Musik im Netz Geld zu bezahlen. Wenn sie nur komfortabel verfügbar und einfach zu nutzen ist. Und, mindestens genauso wichtig, wenn das Angebot groß genug ist, damit die zahlende Kundschaft auch wirklich findet, was sie sucht.

Wie schnell sich der Markt drehen kann, zeigt der erfolgreichste Streaming-Dienst, das 2008 gegründete schwedische Portal Spotify. Gerade erst vermeldete das Unternehmen seinen zehnmillionsten zahlenden Abonnenten. In Skandinavien entfallen mittlerweile mehr als zwei Drittel des Musikgeschäfts auf Abo-Modelle, wie sie Spotify anbietet.

Der Druck auf die etablierten Download-Anbieter wie Apple und Amazon wächst also. Es geht darum, wer am Ende den umfangreichsten Katalog an Musiktiteln, Filmen, Serien für Abo-Modelle angesammelt hat, wer die meisten Musiklabels und Studios unter Vertrag hat - und den Nutzern das kompletteste Paket aus Inhalt und Technik anbietet.

Die Musiker selbst verdienen bei Streaming-Diensten weniger

Die Verhandlungen dazu laufen längst. Und sie sind kompliziert, denn vor allem die Musiker freut der Streaming-Trend nicht allzu sehr. Während beim kommerziellen Download digitaler Alben immerhin noch ein paar Euro bei ihnen hängen bleiben, fallen die Summen bei Streaming-Diensten viel geringer aus: Pro Abruf eines Songs bleiben häufig nur kleine Cent-Bruchteile übrig.

Die Nutzer aber kümmert's wenig. Sie schätzen die permanente Verfügbarkeit von Unterhaltungsangeboten. Und bereitwillig erkaufen sie sich die ersehnte Freiheit von festen Sendezeiten, starren Empfangsgeräten und physischen Tonträgern mit der Bereitschaft, sich langfristig für einen großen, gar dominierenden Anbieter zu entscheiden. Es muss eben bequem sein.