Straßenkunst für Instagram Du warst nicht in Los Angeles, wenn du hier kein Foto gemacht hast

Wandbilder wie die Engelsflügel ...

(Foto: www.smilesfromabroad.at)

Wer junge Leute anlocken will, braucht Instagram-taugliche Straßenkunst. Deshalb malen sich manche Städte wild an.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die Liebeswand in Culver City. Die Herzchentreppe in Silver Lake. Die Engelsflügel in Venice Beach. Und natürlich diese rosarote Mauer in West Hollywood. Die junge Besucherin aus Deutschland hat spezifische Wünsche für ihren Aufenthalt in Los Angeles. Hollywood-Zeichen und Walk of Fame lösen Augenrollen und Gähnen aus - völlig zu Recht, das eine sind riesige Stahl-Buchstaben auf einem Hügel und das andere eine Straße mit Sternen darauf. Und überhaupt: Eine Sehenswürdigkeit ist heutzutage nur dann sehenswürdig, wenn sie einen fotografierfähigen Rahmen für ein Selbstporträt bietet - wie etwa die Brooklyn Bridge in New York oder der Eiffelturm in Paris.

Es ist das Hobby und bisweilen auch der Beruf junger Menschen, sich beim Spaßhaben zu fotografieren - das scheint noch wichtiger zu sein als das Spaßhaben selbst. Zahlreiche Unternehmen haben das in ihre strategischen Planungen einbezogen und erkannt, dass es gar nicht mal mehr so lohnenswert ist, eine Filiale in der Nähe einer Kathedrale, eines Museums oder einer Straße mit Sternen darauf zu eröffnen. Auch die sündteuren Einkaufsmeilen mit den unbezahlbaren Mieten wie etwa der Rodeo Drive in Los Angeles oder die Theatinerstraße in München haben viel von ihrem Zauber verloren, weil ein Foto vom Geschäft eines Designers nun wirklich nicht besonders originell ist.

Wer junge Leute anlocken will, der braucht Selfie-taugliche Straßenkunst.

Wie das funktioniert, das lässt sich derzeit in Los Angeles beobachten. Auf der Melrose Avenue in West Hollywood etwa, wo es diese vielen wunderbaren kleinen Geschäfte gibt, von denen es heißt, dass sie in Zeiten von Online-Shopping und Gentrifizierung bald aussterben würden. Tun sie aber nicht, im Gegenteil: Sie erleben eine Renaissance, und das liegt vor allem an dieser herrlich pinkfarbenen Wand am Geschäft des britischen Designers Paul Smith. Es ist, ja wirklich, nur eine rosarote Wand, mehr nicht - aber die bietet einen derart fantastischen Hintergrund, dass Millennials behaupten, was Ältere über die Bar Whisky-a-Go-Go oder den Plattenladen von Tower Records sagen: Du warst nicht wirklich in Los Angeles, wenn Du nicht dort warst.

... oder der Turnschuh in Los Angeles werden immer zahlreicher.

(Foto: Ashim D'Silva)

An der Melrose Avenue regelt ein Ordner das Fotoshooting

Es ist derart viel los an einem Mittwochnachmittag im Oktober, dass ein Sicherheitsbeamter den Ablauf des Fotoshootings regeln muss. Er dirigiert die Besucher mit der Gelassenheit eines Verkehrspolizisten, kennt aber freilich ihre Wünsche. "Wenn die Sonne wandert, dann verändert sich das Licht an der Wand drastisch", sagt er - zehn wartende Fotografinnen nicken eifrig. Sie wollen noch schnell drankommen, bevor die Sonne untergeht und das Pink an der Wand dunkler und damit nicht mehr kontrastreich genug ist. Der Ordner schätzt, dass etwa ein Viertel aller Besucher auch ins Geschäft geht.

Kunstprojekt "Web 0.0"

Besser als das Internet: ein Dorf in Italien

Ortswechsel: "Die Engelsflügel von Colette Miller sind mittlerweile ein Wahrzeichen von Los Angeles", sagt die Besucherin aus Deutschland, die sich vor dem Fototermin in Venice Beach erst einmal im Hipster-Restaurant "The Butcher's Daughter" gestärkt und danach die kleinen Klamottenläden auf dem Abbot Kinney Boulevard besucht hat: "Ich habe mich ausschließlich auf Instagram und Blogs über das Viertel und sehenswerte Motive informiert. Wenn ich schon hier bin, dann kann ich auch in einem hippen Restaurant frühstücken und gucken, welche schnuckeligen Läden es sonst so gibt." Weitere Ziele in Venice Beach: die 10 000 Buddhas von Amanda Giacomini und die blutenden Herzen von James Goldcrown.

Künstler bekommen bis zu 20 000 Dollar für ein Wandbild

Es entsteht gerade eine interessante und doch auch fragwürdige Symbiose aus Straßenkunst und Kapitalismus in Los Angeles. Miller malte die ersten Engelsflügel vor fünf Jahren an eine Mauer im Arts District im Stadtzentrum. Das war damals nicht erlaubt, die Fotos ihres Kunstwerks allerdings verbreiteten sich rasend über soziale Netzwerke, weil sich viele Leute selbst als Engel fotografierten. Ein Jahr später hob der Stadtrat das Verbot von Wandgemälden auf - unter der Auflage, dass es keine kommerzielle Malereien geben dürfe.

Manche Motive sind auch andernorts zu sehen, etwa die blutenden Herzen ...

(Foto: Jon Tyson)

Plötzlich waren die Kunstwerke nicht mehr nur unter der von den Red Hot Chili Peppers im Lied "Under the Bridge" besungene Brücke im McArthur Park oder an den wegen der Verfolgungsjagd im Film "Terminator 2" weltbekannten Betonwänden des Los Angeles River zu bestaunen, sondern an Hauswänden, Restaurants und Geschäften. Die Inhaber stellen dabei nicht nur ihre Häuser als Leinwände zur Verfügung, sie bezahlen den Künstlern auch bis zu 20 000 Dollar für ein Gemälde.

"Mir ist durchaus bewusst, dass die Leute mit meiner Kunst Geld verdienen wollen", sagt Miller, die mittlerweile mehr als 200 Engelsflügel an Wände auf der ganzen Welt angebracht hat - während der Unruhen im mexikanischen Juarez etwa als Zeichen des Friedens.

Dem moralischen Dilemma, dass Wandmalereien der Graffiti-Szene entspringen und deshalb anarchisch und kapitalismuskritisch sein sollen und nun häufig als Lockmittel für Kunden dienen, begegnet Miller so: "Das Ziel meiner Flügel ist, dass möglichst viele Leute erkennen, dass wir alle Engel auf Erden sein können. Ich finde es arrogant, wenn ein Künstler glaubt, dass seine Botschaft so grandios ist, dass er sie ohne Erlaubnis anbringen darf und dass sein Gemälde alles überdauern wird."

Ein Kunstwerk an einem Hotel in Koreatown ist zehn Stockwerke hoch

Der Straßenkünstler Shepard Fairey wurde mit dem Hope-Poster von Barack Obama weltberühmt, vor drei Jahren wurde er beauftragt, am Line Hotel in Koreatown ein zehn Stockwerke hohes Kunstwerk anzubringen. "Die Leute machen Fotos und stellen sie bei Instagram ein", sagt Manager Gabriel Ratner über den Friedensbaum, der explizit installiert worden ist, um Leute in die Gegend zu locken: "Dadurch kommen immer mehr Leute für Fotos zu uns - und danach trinken sie einen Kaffee oder einen Cocktail in der Lobby."

Es lässt sich freilich darüber streiten, ob die Malereien ein schrecklich ironischer Ausläufer der Gentrifizierung sind oder eine kreative Strategie, eben jene Gentrifizierung zu verhindern und Künstlern sowohl eine Plattform als auch ein Einkommen zu bieten. Fest steht nur, dass da in Los Angeles gerade eine neue Form von Tourismus entsteht und dass Buchstaben auf einem Hügel und eine Straße mit Sternen darauf nicht mehr reichen, Leute anzulocken. Das dürfte in anderen Städten auch passieren. Wer sehenswürdig bleiben will, der braucht neue Sehenswürdigkeiten für eine neue Generation.

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