Start-ups im Gaza-Streifen:Start-ups bauen unter den Blicken der Hamas

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Hier tüfteln sie an neuen Apps oder Computerspielen, hier bauen sie an einer besseren Zukunft. Zu den regelmäßigen Workshops reisen Experten aus den USA oder Europa an. Auf der Einladungsliste für solche Veranstaltungen stehen mittlerweile 2500 Namen. Vor allem aber vermitteln Ryan Sturgill und sein Team Kontakte zu Ideen- und auch Geldgebern und sie ermöglichen etwas, was für fast jeden im Gazastreifen zu den kühnsten Träumen zählt: Reisen ins Ausland.

Rana Alqrenawi ist 27 Jahre alt, sie hat einen Uni-Abschluss als Computer-Ingenieurin. Mithilfe der Sky Geeks hat sie zum ersten Mal im Leben den Gazastreifen verlassen können. In Schweden hat sie ein Praktikum absolviert, in Marokko war sie schon geschäftlich unterwegs, im Auftrag von Microsoft. In einem Team von fünf Leuten hat sie für einen marokkanischen Kunden des amerikanischen IT-Riesen eine App entwickelt, dafür ein monatliches Gehalt bezogen und im Februar pünktlich abgeliefert. "Microsoft war sehr zufrieden", sagt sie.

Ziel: in Gaza international wettbewerbsfähig sein

Nun hofft sie auf weitere Aufträge, nebenher macht sie noch einen Master in Wirtschaft und außerdem will sie ihr eigenes Start-up-Unternehmen namens Genius Soft voranbringen, "Schritt für Schritt". Vor vier Jahren schon hat sie es gegründet, spezialisiert auf Software-Entwicklung für Firmen und die Vernetzung und Auswertung von Forschungsergebnissen. "Es hat keinen Zweck, bei einem eigenen Unternehmen nur an Gaza zu denken", sagt sie. "Das ist viel zu klein hier, man muss auch international wettbewerbsfähig sein."

Als bislang größte Erfolgsgeschichte bei den Gaza Sky Geeks gilt ein Start-up namens Baskalet. "Auf Arabisch heißt das Fahrrad", sagt Mohammed Almadhoun, einer der Firmengründer. "Das haben wir als Kinder geliebt, aber heute brauchen die Kinder eher Smartphones." Deshalb entwickelt Baskalet nun Spiele fürs Handy - und sie sollen anders sein als alle anderen. "Anfangs haben wir Sachen gemacht, die wie eine Kopie von bekannten Spielen aussahen, aber jetzt wollen wir unseren eigenen Stil kreieren", sagt der 28-Jährige, der für Baskalet einen andern Job gekündigt hat. "Volles Risiko", meint Almadhoun.

Per App Regeln des Ramadan lernen

Für ihr Unternehmen haben sie einen gewaltigen Markt in den Blick genommen: 300 Millionen Menschen in der arabischen Welt. "Wir bringen die arabische Kultur in unsere Spiele", sagt er, "davon hat doch sonst keiner Ahnung." So wurde zum Beispiel das "Ramadan-Game" entwickelt, bei dem es darum geht, spielerisch den verschiedenen Auflagen des Fastenmonats gerecht zu werden. In einem anderen Spiel dreht sich alles darum, die strengen Regeln in einem Restaurant in Saudi-Arabien zu erfüllen, wo zum Beispiel Männer getrennt von Familien sitzen müssen und auch sonst einige Regeln einzuhalten sind. "Da sind lustige Dinge drin", meint Almadhoun. Einen saudi-arabischen Partner haben sie bereits gewinnen können. Das Ziel sind 100 000 Downloads.

Bei den Gaza Sky Geeks gewähren sie den jungen Unternehmern die Ruhe und das Umfeld, ihre Ideen zu entwickeln. Reibungslos geht das nicht immer. Zum einen klagt Ryan Sturgill über knappe Kassen. "350 000 Dollar ist unser Jahresbudget, ideal wäre das Doppelte", sagt er. Zudem muss immer auch die herrschende Hamas im Blick gehalten werden, der jeder westliche Einfluss generell suspekt ist. "Wir sind da sensibel", meint er - und weist auf die neuen Büroräume hin, die überall verglast sind und so transparent, dass sich nirgends ein Mann und eine Frau zu einem privaten Start-up verabreden könnten.

Verbindungen sollen hier allein zur Außenwelt geschaffen werden, und da haben die Sky Geeks schon manches bewirkt, meint Sturgill: "Zu uns können die jungen Leute aus Gaza kommen und ihre Träume Wirklichkeit werden lassen."

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