Start-ups im Gaza-Streifen:Die Geeks von Gaza

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Gaza Sky Geeks Entrepreneurs Create A Tech Hub  In One Of The World's Toughest PlacesGaza Sky Geeks Entrepreneurs Create A Tech Hub  In One Of The World's Toughest Places

Die Sky Geeks bieten nicht nur Wlan und damit Zugang zur Welt, sondern auch ruhige Räume zum Arbeiten.

(Foto: Shawn Baldwin/Bloomberg)

Mitten im blockierten Land basteln sie an palästinensischer IT. Von Bedingungen wie im nahen Tel Aviv können sie nur träumen.

Von Peter Münch, Gaza-Stadt

Was wichtig ist, steht an der Wand: "Unterschätze nicht meinen Willen und mein Können", heißt es über dem Eingang in bunten Lettern. Gegenüber ist der Spruch "Arbeite wie der Boss" überpinselt - "Sei der Boss" heißt es nun. Gestrichen ist auch "Denke wie ein Mann", geblieben ist nur: "Denke".

Graffiti mit frohen Sinn- und Unsinnssprüchen zieren das gesamte Büro, junge Leute sitzen locker vor ihren Laptops, und wer will, kann auf dem Sofa in der Ecke in Schräglage der neuesten Idee nachhängen. Treffpunkt für alle ist natürlich die Kaffeeküche mit dem Schrank voller Süßigkeiten. Ganz klar, hier brütet die Start-up-Szene am nächsten großen Ding, so cool und kreativ wie überall auf der Welt. Der Unterschied zum Rest der Welt ist allerdings, dass hier draußen die Eselskarren vorüberziehen und ringsherum noch die Trümmer vom jüngsten Krieg liegen.

Das ist der Stand der Dinge bei den "Gaza Sky Geeks", wo die nerdigen Himmelsstürmer von ganz weit unten starten und sicher auch die Not erfinderisch macht.

Luftlinie sind es von diesem Büro aus gerade einmal 60 Kilometer bis nach Tel Aviv, wo die Hightech-Industrie längst schon eine Heimstatt gefunden hat. Zwischen der Szene in Israel und der im Gazastreifen aber steht eine Betonmauer, die radikal die erste Welt von der dritten oder vielleicht sogar vierten trennt. Der durch Israel und Ägypten komplett abgeriegelte palästinensische Küstenstreifen mit knapp zwei Millionen Einwohnern zählt zu den ärmsten und rückständigsten Gebieten auf dem gesamten Globus. Doch auch hier gibt es große Träume und schlaue Ideen. Und es gibt die Gaza Sky Geeks als "Bastion der Hoffnung und Normalität".

"IT ist das einzige, was nicht von Grenzen abhängt."

Ryan Sturgill sagt das so, der bei den Sky Geeks als Programmdirektor amtiert und ein verglastes Büro bewohnt. Er kommt aus den USA, den Job in Gaza hat er vor neun Monaten übernommen, "einzigartig" nennt er das Projekt. "Durch die Blockade des Gazastreifens ist es sehr schwer, hier ein Geschäft aufzuziehen, es kommt ja nichts rein und nichts raus an Gütern", sagt er. "IT ist das einzige, was nicht von Grenzen abhängt." Über das Internet also lässt sich jede noch so hohe Mauer überwinden, Ideen können importiert und Lösungen exportiert werden. Dies ist die Geschäftsgrundlage für die Sky Geeks.

Die Organisation wurde von der amerikanischen Hilfsorganisation Mercy Corps ins Leben gerufen und von Google mit einem Startkapital von 900 000 Dollar ausgestattet. Damit hilft sie jungen Firmen - indem sie Kontakte vermittelt, Workshops und Arbeitsräume bietet. Zu den Partnern zählt inzwischen auch das Auslandsbüro der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung in Ramallah.

Die Resonanz ist riesig, und ein Wunder ist das nicht. Denn der Gazastreifen verfügt bei aller Armut und einer Arbeitslosenquote von offiziell 45 Prozent über viele gut ausgebildete junge Leute. Jedes Jahr verlassen allein 2000 Technik-Studenten die hiesigen Universitäten - mit Diplom und fast ohne Chance auf einen Job. Bei den Sky Geeks werden für sie Wege in die Welt bereitet. Hier gibt es Schreibtische mit Internet-Anschlüssen, die allen offenstehen. 50 bis 60 junge Leute - Männer wie Frauen - nutzen das jeden Tag und loggen sich in die verschiedenen Wlan-Netze ein, die "Inspiration" heißen, "Leidenschaft" oder "Innovation".

Start-ups bauen unter den Blicken der Hamas

Hier tüfteln sie an neuen Apps oder Computerspielen, hier bauen sie an einer besseren Zukunft. Zu den regelmäßigen Workshops reisen Experten aus den USA oder Europa an. Auf der Einladungsliste für solche Veranstaltungen stehen mittlerweile 2500 Namen. Vor allem aber vermitteln Ryan Sturgill und sein Team Kontakte zu Ideen- und auch Geldgebern und sie ermöglichen etwas, was für fast jeden im Gazastreifen zu den kühnsten Träumen zählt: Reisen ins Ausland.

Rana Alqrenawi ist 27 Jahre alt, sie hat einen Uni-Abschluss als Computer-Ingenieurin. Mithilfe der Sky Geeks hat sie zum ersten Mal im Leben den Gazastreifen verlassen können. In Schweden hat sie ein Praktikum absolviert, in Marokko war sie schon geschäftlich unterwegs, im Auftrag von Microsoft. In einem Team von fünf Leuten hat sie für einen marokkanischen Kunden des amerikanischen IT-Riesen eine App entwickelt, dafür ein monatliches Gehalt bezogen und im Februar pünktlich abgeliefert. "Microsoft war sehr zufrieden", sagt sie.

Ziel: in Gaza international wettbewerbsfähig sein

Nun hofft sie auf weitere Aufträge, nebenher macht sie noch einen Master in Wirtschaft und außerdem will sie ihr eigenes Start-up-Unternehmen namens Genius Soft voranbringen, "Schritt für Schritt". Vor vier Jahren schon hat sie es gegründet, spezialisiert auf Software-Entwicklung für Firmen und die Vernetzung und Auswertung von Forschungsergebnissen. "Es hat keinen Zweck, bei einem eigenen Unternehmen nur an Gaza zu denken", sagt sie. "Das ist viel zu klein hier, man muss auch international wettbewerbsfähig sein."

Als bislang größte Erfolgsgeschichte bei den Gaza Sky Geeks gilt ein Start-up namens Baskalet. "Auf Arabisch heißt das Fahrrad", sagt Mohammed Almadhoun, einer der Firmengründer. "Das haben wir als Kinder geliebt, aber heute brauchen die Kinder eher Smartphones." Deshalb entwickelt Baskalet nun Spiele fürs Handy - und sie sollen anders sein als alle anderen. "Anfangs haben wir Sachen gemacht, die wie eine Kopie von bekannten Spielen aussahen, aber jetzt wollen wir unseren eigenen Stil kreieren", sagt der 28-Jährige, der für Baskalet einen andern Job gekündigt hat. "Volles Risiko", meint Almadhoun.

Per App Regeln des Ramadan lernen

Für ihr Unternehmen haben sie einen gewaltigen Markt in den Blick genommen: 300 Millionen Menschen in der arabischen Welt. "Wir bringen die arabische Kultur in unsere Spiele", sagt er, "davon hat doch sonst keiner Ahnung." So wurde zum Beispiel das "Ramadan-Game" entwickelt, bei dem es darum geht, spielerisch den verschiedenen Auflagen des Fastenmonats gerecht zu werden. In einem anderen Spiel dreht sich alles darum, die strengen Regeln in einem Restaurant in Saudi-Arabien zu erfüllen, wo zum Beispiel Männer getrennt von Familien sitzen müssen und auch sonst einige Regeln einzuhalten sind. "Da sind lustige Dinge drin", meint Almadhoun. Einen saudi-arabischen Partner haben sie bereits gewinnen können. Das Ziel sind 100 000 Downloads.

Bei den Gaza Sky Geeks gewähren sie den jungen Unternehmern die Ruhe und das Umfeld, ihre Ideen zu entwickeln. Reibungslos geht das nicht immer. Zum einen klagt Ryan Sturgill über knappe Kassen. "350 000 Dollar ist unser Jahresbudget, ideal wäre das Doppelte", sagt er. Zudem muss immer auch die herrschende Hamas im Blick gehalten werden, der jeder westliche Einfluss generell suspekt ist. "Wir sind da sensibel", meint er - und weist auf die neuen Büroräume hin, die überall verglast sind und so transparent, dass sich nirgends ein Mann und eine Frau zu einem privaten Start-up verabreden könnten.

Verbindungen sollen hier allein zur Außenwelt geschaffen werden, und da haben die Sky Geeks schon manches bewirkt, meint Sturgill: "Zu uns können die jungen Leute aus Gaza kommen und ihre Träume Wirklichkeit werden lassen."

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