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Spotify:"Der letzte verzweifelte Furz eines sterbenden Körpers"

Spotify

Spotify lässt viele Musiker verzweifeln.

(Foto: dpa)

Erfolgreiche Künstler bei Spotify haben jetzt absurde Namen wie "Relaxing Music Therapy" oder "Air Conditioner Sound". Dahinter stecken keine Musik-Genies, sondern Geschäftemacher.

Von Michael Moorstedt

Thom Yorke, Exzentriker von Weltrang und Sänger der Band Radiohead, hat die Beziehung von Spotify und der Musikindustrie auf den Punkt gebracht: Das Streaming-Portal sei "der letzte verzweifelte Furz eines sterbenden Körpers". Oje, woher kommt nur all die Wut?

Vielleicht durch Meinungen wie die von Spotify-CEO Daniel Ek: Künstler könnten nicht alle drei, vier Jahre mal Musik aufnehmen und denken, dass das ausreicht, sagte Ek. Masse statt Klasse lautet also die Ansage von ganz oben. Wer in der Aufmerksamkeitsökonomie des Internets Erfolg haben wolle, müsse "einen kontinuierlichen Dialog mit den Fans führen".

Unabhängig von solchen aalglatten Formeln aus dem Handbuch für Tech-Oligarchen hat Spotify das Verhältnis der Menschen zur Musik fundamental gewandelt. Das Album als Format und das Arrangement von Songs als eigene Ausdrucksform ist bereits eine längst vergessene Kunstform. Immer mehr Nutzer suchen nicht mehr nach einem bestimmten Lied oder Interpreten, sondern nach einem Gefühl oder dem passenden Soundtrack für diese oder jene Situation, egal ob es Schlafmangel, ein Kindergeburtstag oder ein kurz bevorstehender Nervenzusammenbruch ist. Das Kunstwerk ist von seinem Urheber entkoppelt.

Hinter den obskuren Namen der neuen Künstler stehen geschickte Geschäftsleute

Und so sprießen gerade Woche für Woche zahlreiche neue Künstler mit obskuren Namen wie "Relaxing Music Therapy", "Stress Relief", "Deluxe Music for Elevators" oder gar "Air Conditioner Sound" aus dem Boden. Manche dieser "Bands" haben monatlich mehr als eine halbe Million Hörer. Hinter den Namen stehen keine hoffnungsvollen jungen Musiker, die auf den Durchbruch warten, sondern geschickte, skrupellose Geschäftsleute. Genau wie es eine eigene Industrie gibt, die nichts anderes tut, als dafür zu sorgen, dass die Inhalte ihrer Kunden in den Ergebnislisten der Suchmaschinen ganz oben landen, wird das gleiche Prinzip auch in anderen Ökosystemen angewandt. Die Musikindustrie macht da keine Ausnahme.

Um das Geschäftsmodell zu verstehen, hilft ein Blick hinter die Kulissen: Pro angehörtem Stream bezahlt Spotify den Künstlern im Schnitt ungefähr ein Drittel US-Cent Tantiemen. Nur Popstars erster Güte, deren Songs unverhältnismäßig oft abgespielt werden, erhalten dementsprechend mehr. Wenn ein Song ausreichend oft abgespielt wird, läppert sich trotzdem einiges zusammen. Der Titel namens Airplane Noise von Relaxing Music Therapy hat etwa bereits mehr als zehn Millionen Aufrufe, wirft also schon knapp 30 000 Dollar ab. In der Rechnung der Sound-Spammer muss man also nur genügend Befindlichkeiten abdecken und dafür sorgen, dass genügend Menschen die eigenen Produktionen anhören, um ein mehr als komfortables Auskommen zu haben. Der sonst so hochgelobte Algorithmus von Spotify, der vermeintlich den Hörergeschmack in kürzester Zeit durchschaut und entsprechende Songs liefert, versagt in diesem Fall.

Nach eigenen Angaben werden jeden Tag mehrere Zehntausend neue Songs in die Spotify-Diskothek hinzugefügt, in seiner Gänze umfasst der Katalog mehr als 50 Millionen Lieder. Doch in einer Umgebung, die ausschließlich auf Wachstum ausgelegt ist, ist maximale Sichtbarkeit das einzige Relevanz- und Qualitätskriterium. Nicht mehr große Gefühle, ewige Wahrheiten und das menschliche Befinden an sich stehen am Anfang des kreativen Prozesses, sondern nur noch Metadaten und die Häufigkeit von Suchbegriffen.

Für Pop-Puristen klingt all das selbstverständlich empörend. Doch es ist gar nicht so leicht, das Geschäft mit den Künstlern aus der Konserve zu verdammen. Immerhin verhalten sie sich keineswegs illegal. Im Gegenteil, sie haben die neuen Naturgesetze des Musik-Business verinnerlicht und konsequent umgesetzt. Es wird angeboten, was nachgefragt wird. Schade ist es trotzdem.

© SZ vom 12.10.2020

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