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Spiele-Betriebssystem "SteamOS":Valve greift Microsoft und Sony an

Eine Szene wie in "Poltergeist": SteamOS soll den Nutzer und dessen Katze auch im Wohnzimmer in seinen Bann ziehen.

(Foto: Screenshot: Steam/Valve)

Es geht um die Vorherrschaft im Wohnzimmer: Der Spielehersteller Valve kündigt mit "SteamOS" ein eigenes Betriebssystem an. Damit sollen PC-Spiele auch auf dem Fernseher laufen. Für die Konsolenhersteller könnte daraus ein gefährlicher Konkurrent erwachsen - auch weil Valve das Vertrauen der Spieler genießt.

Das Bild erinnert ein bisschen an den Horrorfilm "Poltergeist". In einer berühmten Szene sitzt ein Kind nachts im Wohnzimmer, eine Silhouette, die gebannt in das Licht des rauschenden Fernsehbildschirms starrt.

Bei Valve ist aus dem kleinen Mädchen eine Katze geworden, aus dem Wohnzimmer ein futuristischer Raum. Es sind jetzt fünf Bildschirme, die das Zimmer in ein violettes Licht tauchen. Die Spielefirma, bekannt für PC-Egoshooter wie "Counterstrike" und "Half-Life" und die Puzzlespiel-Reihe "Portal", bewirbt mit diesem Bild ein neues Betriebssystem speziell für Computerspiele, das den Spieler im Wohnzimmer ebenso in seinen Bann ziehen soll wie der Poltergeist im Fernseher.

"SteamOS" ist eine Version des Open-Source-Betriebssystems Linux. Optimiert für den Spielebetrieb soll es aus der PC-Hardware, auf der es installiert ist, mehr Leistung herausholen als dies beispielsweise mit Microsoft Windows möglich ist. Benannt ist "SteamOS" nach Valves Verkaufsplattform für Download-Spiele namens "Steam" und der englischen Kurzbezeichnung "OS" für Betriebssystem, operating system.

Angriff auf die Branchengrößen

Doch dieses System ist nur ein Element einer dreiteiligen Strategie, um den PC als Spielgerät ins Wohnzimmer zu bringen - und damit Spielekonsolen-Hersteller wie Sony und Microsoft in Bedrängnis zu bringen. Am Mittwoch soll ein zweiter Teil der Wohnzimmer-Strategie verkündet werden, voraussichtlich am Freitag dann das dritte und vorerst letzte Element.

Valve, dank des Erfolgs von Steam selbst mit beachtlicher Marktmacht ausgestattet, bläst also zum Angriff auf die Großen der Branche. Auf Sony, die zum Verkaufsstart der Playstation 3 noch zuließen, dass auf der Konsole Linux installiert werden konnte, ehe sie dieses Feature schließlich per Software-Update entfernten. Das hat einige Nutzer verärgert, die sich einen Linux-PC im Wohnzimmer gewünscht haben. Auf Microsoft, die bereits die erste Xbox als PC-nahe Konsole vermarkteten. Auf dem PC ist Windows seit jeher konkurrenzlos, wenn es darum geht, ein Betriebssystem für PC-Spiele bereitzustellen.

Bis jetzt. Bisher hat die Branche Linux weitgehend ignoriert, auch weil es schwierig war, das Funktionieren auf den verschiedenen erhältlichen Linux-Distributionen zu gewährleisten. Eine eigene Distribution speziell für den Spielebetrieb könnte das ändern. Außerdem forciert Spielehersteller Valve seit einiger Zeit, dass immer mehr PC-Games nicht mehr auf ein Windows-Betriebssystem angewiesen sind. Inzwischen gibt es immerhin etwa 200 Linux-kompatible Spiele im Steam-Onlineshop zum Download, wenn auch hauptsächlich kleinere Independent-Produktionen. Und 2014 sollen laut Valve auch einige "AAA-Titel" - also Blockbuster-Spiele mit großem Budget - eigens für "SteamOS" optimiert auf den Markt kommen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, mit "SteamOS" über das private Netzwerk Spiele vom Windows-PC oder Mac per Stream auf den Fernseher zu bringen.

Als relativ sicher gilt außerdem, dass Valve noch in dieser Woche die sogenannte "Steambox" vorstellen wird - die zugehörige Konsole zum "SteamOS"-Betriebssystem. Glaubt man den bereits im Februar bekannt gewordenen Plänen, so konzipiert Valve die Steambox nicht so sehr als abgeschlossene Hardware-Plattform, sondern eher als Blaupause für andere Hersteller, die selbst ein "SteamOS"-Gerät in die Wohnzimmer der Nutzer bringen wollen.

Ein Controller mit drei Knöpfen - ein Hinweis auf "Half-Life 3"

(Foto: Screenshot: Steam/Valve)

So kann ein Hersteller möglicherweise sogar einen Fernseher direkt mit "SteamOS" ausstatten und damit eine eigene Konsole im Wohnzimmer komplett überflüssig machen. Dafür möchte Valve sein Betriebssystem, wie es für Linux-Distributionen in der Regel üblich ist, möglichen Lizenznehmern kostenlos zur Verfügung stellen - und nennt "SteamOS" scherzhaft ein "Co-Operating System".

Vollwertige PC-Spiele im Wohnzimmer, also. Für die Konsolenhersteller ein schwerer Schlag. Aufgrund ihrer langen Hardware-Zyklen - die aktuelle Generation ist bereits seit etwa sieben Jahren auf dem Markt - hinkt die Technik schon nach kurzer Zeit dem leicht nachrüstbaren PC hinterher. Dafür punkteten die Konsolen mit ihrer Unkompliziertheit und der Verfügbarkeit im Wohnzimmer. Beides Aspekte, die Valve offenbar in Angriff nimmt. Und auch die anderen Funktionen der Konsolen - zum Beispiel die Nutzung von Video- und Musikstreaming-Diensten - soll "SteamOS" ausüben können, und dabei noch die Vorteile und Flexibilität eines PCs auf den Fernseher bringen.

Valve genießt das Vertrauen der Spieler

Die Hürden sind hoch für den Einstieg eines neuen Bewerbers auf dem Markt für Spielekonsolen, der den Branchengrößen Sony und Microsoft (und, im Moment zu einem kleineren Teil, Nintendo) gefährlich werden will. Doch Valve hätte Chancen: Steam ist seit Jahren weltweit die erfolgreichste Plattform für den Verkauf von Download-Spielen. Wer dort ein Spiel gekauft hat, kann es mit seinem Passwort auf jeden PC herunterladen, installieren und spielen - auch auf ein Wohnzimmer-Gerät mit "SteamOS". Der Haken: Das Spiel bleibt für immer mit dem Konto des Käufers verknüpft, kann nicht weiterverkauft und nur unter strengen Auflagen an Freunde oder Verwandte verliehen werden.

Doch Valve genießt das Vertrauen und Wohlwollen der Spieler, weil Steam die Nachteile mit Komfort-Funktionen wie Online-Spielständen und einer lebhaften Community für Independent-Games und User-Projekte aufwiegt. Und so haben viele potenzielle Nutzer von "SteamOS" bereits jetzt eine große Spielesammlung für die zukünftige Plattform. Wie viel Umsatz die Firma mit Steam tatsächlich macht, ist nicht bekannt, aber laut vagen Firmenangaben dürfte es sich um mehrere Milliarden Euro jährlich handeln.

Ein Controller, Oculus Rift, oder doch endlich Half-Life 3?

Ähnlich bedeckt hält sich das Unternehmen im Zusammenhang mit "SteamOS". Auf einer eigens von Valve eingerichteten Webseite sind kryptische Symbole und Bilder zu sehen, darunter auch ein ungewöhnlicher Spielecontroller mit nur drei Knöpfen. Manche Reddit-User wollen auch Indizien erkannt haben, das "SteamOS" mit dem kommenden Virtual-Reality-Helm Oculus Rift zusammenarbeiten wird. Oder dass Valve einen speziellen Controller mit austauschbaren Hardware-Elementen anbieten wird, für den bereits vor einiger Zeit ein Patent veröffentlicht wurde. Bei Valve genießt und fördert man dieses Rätselraten.

Valve lockt nicht nur Kunden, sondern die Konkurrenz gleich mit. Sony und Microsoft verfolgen mit ihren Konsolen allerdings eine andere Strategie. Für Microsoft, die sich für das aktuelle Windows 8 gerade von Spielern harsche Kritik anhören müssen, kommt die Ankündigung von "SteamOS" zur absoluten Unzeit. Die Ketten, mit denen Microsoft und Sony ihre Kunden an sich binden wollen, sind durch SteamOS bereits jetzt spröde geworden. Eine erfolgreiche Steambox könnte sie schließlich zerbrechen.

Linktipp: Alles, wirklich alles, was es über Valves Hardware-Pläne zu wissen gibt, haben die Kollegen von The Verge zusammengetragen.

© Süddeutsche.de/kjan
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