Soziales Netzwerk Imzy will eine höfliche Alternative zu Facebook sein

Von ausgesuchter Höflichkeit: Imzy

(Foto: Screenshot)

Ein Ort im Netz ohne Belästigungen, Rassismus, Sexismus und Pornografie: Das neue soziale Netzwerk Imzy versucht das Unmögliche.

Von Michael Moorstedt

Zu sagen, dass es im Internet ein Problem gibt mit dem guten Ton, ist eine Untertreibung. Immer mehr Nachrichtenseiten sperren ihre Foren, weil zu viele justiziable Beträge gepostet werden. Und das, obwohl die großen sozialen Netzwerke Heerscharen von schlecht bezahlten Moderatoren einsetzen, um den Dreck zu löschen. Das SZ-Magazin berichtete am letzten Freitag ausführlich darüber.

In dieser Großwetterlage will eine Gruppe von Start-ups das vermeintlich Unmögliche schaffen: einen Ort im Netz ohne Belästigungen, Rassismus, Sexismus und Pornografie. Ein soziales Netzwerk, in dem Wohlwollen, gute Manieren und gegenseitiger Respekt herrschen. Der Name dieser real existierenden Utopie? Imzy.

Der Name hat keine besondere Bedeutung, das Angebot ist erst seit ein paar Wochen frei zugänglich - zuvor benötigte man eine Einladung. Inzwischen hat die Plattform etwas mehr als 50 000 Mitglieder. Es gehe ihm nicht nur um die Inhalte, sondern auch um die Gemeinschaft, sagt Gründer Dan McComas. Er und seine Mitgründer haben zuvor bei Twitter oder Reddit gearbeitet und inzwischen ein paar Millionen Dollar Risikokapital für ihre Idee zusammengekratzt.

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Viele Dankesbekundungen

Wie wollen die Gründer ihr Ziel erreichen? Zunächst einmal, indem sie mit gutem Beispiel vorangehen. So wird man schon während der Anmeldung mit dermaßen vielen Dankesbekundungen überhäuft, dass man vor dem eigenen Bildschirm fast peinlich berührt ist.

Dann gibt es noch eine Liste von Community-Richtlinien, die darlegt, was verboten und was erlaubt ist, und eine Einschränkung von Mehrfach-Anmeldungen. Ein weiterer, gar nicht mal so exotischer Ansatz, den McComas für mehr Zivilisiertheit gefunden haben will, lautet Geld. Die Imzy-Mitglieder können die Moderatoren mit Mikrobeträgen entlohnen. Wer für seine Arbeit bezahlt wird, hat auch Interesse daran, die Richtlinien umzusetzen, so die Überlegung. Ansonsten ist die Kernfunktionalität die gleiche wie anderorts: Es gibt thematisch sortierte Communities und einen persönlichen Newsfeed, man kann Beiträge erstellen, Links setzen, andere Beiträge favorisieren oder weiterempfehlen.

Es bleibt abzuwarten, ob das Imzy-Konzept zu einer echten Alternative zu den großen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter werden kann, deren Löschregeln für gemeldete Inhalte häufig inkonsequent gehandhabt werden und für die Nutzer oft irritierend sind. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Imzy solche Netzwerke wie gab.ai oder voat.co gegenüber, in denen auch jene Menschen eine neue Heimat finden, die sich auf Reddit, Facebook oder Twitter trotz deren lax gehandhabten Regelungen immer noch zu sehr gegängelt fühlen.

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Unter dem Deckmantel maximaler Meinungs- und Redefreiheit formiert sich hier die Alt-Right genannte Hardcore-Online-Rechte. Steht im Netz also eine Art Segregation der sozialen Medien bevor? Es wäre eine Zukunft, in der genau das Gegenteil eintrifft, wofür die Online-Communities der ersten und zweiten Generation einmal angetreten sind. Nämlich die Menschen miteinander zu vernetzen.