Süddeutsche Zeitung

Soziale Netzwerke:Diese Frau will Facebook überflüssig machen

Lesezeit: 4 min

Piratin Katharina Nocun greift auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs die "gated communites" im Internet an. Vor versammelter Hackergemeinde träumt sie von einem alternativen Netzwerk.

Von Sara Weber, Hamburg

Katharina Nocun ist kein Fan von Facebook. Sie hat keinen Account und sie will auch keinen. Das dürften viele absurd finden, Facebook ist für Hunderte Millionen Menschen Kommunikations-Infrastruktur. Doch auf dem Hacker-Kongress 32c3 des Chaos Computer Clubs hat Nocun, ehemals politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, ein Publikum gefunden, das ihre Skepsis gegen das Netzwerk teilt.

Schon eine halbe Stunde bevor sie ihren Vortrag beginnt, bildet sich vor dem Saal eine Schlange, viele haben Gepäck dabei - die Reihe an der Garderobe ist am letzten Kongresstag zu lang, die Schließfächer am nahe gelegenen Bahnhof Dammtor sind belegt oder defekt.

"Ich weiß ja nicht, wie viele von euch bei Facebook sind", sagt Nocun und es ist ihr anzuhören: Sie glaubt nicht, dass es allzu viele im Raum sind. Sie selbst war nur kurz in dem Netzwerk angemeldet, nicht unter ihrem echten Namen. Das ist eigentlich nicht erlaubt, und das weiß sie auch: Dinge wie die Klarnamenpflicht sind es, die sie an Facebook stören.

Das Internet habe sich auf eine Art verändert, die sie nicht möge, sagt Nocun. Sie spricht von "gated communities" - eingezäunten Gemeinschaften. Die Kontrolle liege bei einigen wenigen Plattform-Betreibern. Wirtschaftlich gesehen, sei das Marktversagen. Nocun ist Ökonomin, sie hat Wirtschaft studiert, heute betreut sie unter anderem den Widerstand gegen Vorratsdatenspeicherung bei der Kampagnen-Plattform Campact. "Es ist kein wirklicher Wettbewerb mit Facebook möglich", sagt sie. "Facebook ist de facto der Anbieter für soziale Netzwerke für den Großteil der Welt." Sie würde die Leute gerne davon überzeugen, Facebook-Alternativen zu nutzen - doch sie weiß, dass sie kaum Chancen hat, diesen Kampf zu gewinnen. Nicht jenseits dieses Raumes.

Das Netzwerk weiß, wen wir lieben

Die Facebook-Revolution, die Redefreiheit und Demokratisierung bringen soll, ist für Nocun ein falsches Versprechen. "Basierend auf den Informationen, welche Profile wir anklicken, weiß Facebook, in wen wir verliebt sind und ob wir nach einer Trennung noch an einer alten Beziehung hängen", sagt Nocun. Wir dürften auch nicht vergessen, dass Informationen, die genutzt werden, um uns Autos zu verkaufen, in den falschen Händen gefährlich sein könnten.

Dass binnen kurzer Zeit eine ernstzunehmende Zahl von Nutzern Facebook in Richtung eines dezentralen Netzwerks verlassen werden, ist unrealistisch. Schließlich basiert der Erfolg des Unternehmens auf dem Netzwerk-Effekt: Uns ist egal, wie viele Nutzer ein Netzwerk insgesamt hat, solange unsere Freunde und Familie Teil davon sind - egal wo sie wohnen. Je mehr Freunde im selben Netzwerk sind, desto attraktiver wird es für neue Mitglieder. So wächst es, weiter und weiter, generiert immer mehr Einkünfte, während die Betriebskosten pro Person sinken. Ein gutes Geschäft. Vermutlich könnte nur ein großer Skandal Millionen Menschen zum Wechsel bewegen, etwa eine Menge geleakter privaten Daten oder - noch schlimmer - Nachrichten.

Weil alle Interaktionen, alle Kontakte, Unterhaltungen und Daten bei Facebook gespeichert sind, fällt es schwer, zu wechseln. Das Netz wirkt wie ein Kette. Das weiß man auch im Unternehmen. Deshalb sei es dort egal, wenn sich die Nutzer über Datenschutz, Werbung und das Geschäftsmodell beschwerten, sagt Nocun: "Leute werden Dinge tolerieren, die sie sonst nie tolerieren würden, weil es zu anstrengend ist, zu einem anderen Dienst zu wechseln."

Nocun wirbt für offene Standards - wie bei E-Mails

Natürlich könne man davon träumen, dass eines Tages das nächste große soziale Netzwerk die digitale Kommunikation retten werde, "aber es ist nicht wahrscheinlich, dass das über Nacht passiert", sagt Nocun. Sie wirbt deshalb für eine Alternative: Diaspora. Das ist der Name eines dezentralen Netzwerks.

Diaspora hat keine zentrale Basis, seine Server, auch Pods genannt, sind auf der ganzen Welt verteilt. Jeder Nutzer wählt einen Pod aus, auf dem seine Daten gespeichert werden, und kann mit allen anderen Menschen im Diaspora-Netzwerk kommunizieren, egal in welchem Pod sie angemeldet sind. Es ist möglich, das Netzwerk anonym zu nutzen. Im Gegensatz zu Facebook ist die Software von Diaspora komplett frei, Nutzer können den Quellcode verändern.

"Ihr glaubt vielleicht, dass es naiv ist, von offenen Standards bei Netzwerken zu träumen", beschwört Nocun den Saal, "aber wir haben alle E-Mail-Adressen und es ist völlig egal, welchen Provider wir oder jemand anderes benutzt - weil E-Mail ein offener Standard ist." Würde E-Mail heute entwickelt, gäbe es vermutlich nur einen großen Provider - so wie Facebook in der Welt der sozialen Netzwerke. "Doch Facebook ist nicht in dieser Lage, weil es besser ist als alle anderen, sondern wegen der Marktdynamik und aus Glück", sagt Nocun. Für viele Menschen sei das Unternehmen das Internet, weil Facebook alles bereitstelle, was sie brauchten - nur keine Freiheit und keinen Datenschutz.

Nocuns Aufruf am Ende des Vortrags lautet deshalb: "Unterstützt eure Version von einer besseren Welt." Es sei ein politischer Akt, alternativen Code zu schreiben und so zu zeigen, wie unsere Kommunikations-Welt aussehen solle.

Nocun bekleidet zwar aktuell kein politisches Amt, aber das heißt nicht, dass sie verlernt hat, politische Reden zu halten. Ihr Vortrag auf dem 32c3 ist ein Appell an die Kreativität, an den Kampf Davids gegen Goliath: "Wir müssen Alternativen wie Diaspora unterstützen! Und wir müssen den Markt verändern, der immer wieder geschlossene Systeme hervorbringen wird, damit die besten Ideen gewinnen können!"

Für diesen Appell gibt es wohl kein besseres Publikum als einen Raum voller Hacker. Nun muss Nocun es nur noch mit der Bequemlichkeit von mehr als einer Milliarde Facebook-Nutzern aufnehmen.

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