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Software:Die meisten künstlichen Intelligenzen sind strunzdumm

Beim Chip-Konzern Intel fand 2017 ein "Tag der Künstlichen Intelligenz" statt. Aber was bedeutet der Begriff wirklich?

(Foto: AFP)

Die Weltherrschaft wollen sie nicht an sich reißen. Sie können aber mithelfen, die Welt besser zu machen statt nur Tech-Unternehmer zu Milliardären.

Kommentar von Helmut Martin-Jung

Wissenschaftler, Wirtschaftsverbände, sogar manche der wacheren Politiker, sie alle wissen längst, was auf dem Spiel steht: Es entwickelt sich gerade eine der wichtigsten Technologien, die Menschen je ersonnen haben: künstliche Intelligenz. Doch obwohl es gute Forschung gibt in Deutschland und Europa, spannende Firmengründungen - die Musik wird nicht hier spielen. Außer es gelingt, der Technologie ihren Treibstoff zu verschaffen: Daten. Europa muss schnell einen Weg finden, wie sich Daten so nutzen lassen, dass der Schutz der Persönlichkeit gewahrt bleibt, aber der Fortschritt nicht behindert wird.

Welche Bedeutung künstliche Intelligenz und die dabei entwickelten Algorithmen mittlerweile haben, das lässt sich gerade live beobachten: Um zu verhindern, dass das chinesische Unternehmen Bytedance seine Erfolgs-App Tiktok an einen amerikanischen Bieter verkaufen kann - so wie es US-Präsident Trump fordert - hat die chinesische Führung ein Verbot erlassen, Algorithmen zu exportieren. Mathematische Handlungsanweisungen, entwickelt mithilfe selbstlernender Computer - das ist heute ein Pfund, mit dem sich in internationalen Konflikten wuchern lässt. Warum? Ohne den Algorithmus, der bestimmt, welcher Tiktok-Nutzer welche Videos anderer Nutzer sieht, ist die App so gut wie wertlos, das Geheimnis ihres Erfolgs beruht genau darauf, dass sie dadurch anders - und offenbar besser - funktioniert als die Konkurrenz etwa von Facebook oder Instagram.

Nun sind soziale Netzwerke nüchtern betrachtet nur Werkzeuge, um mit den Daten der Nutzer Geschäfte zu machen. Dass sie auch jene Funktion erfüllen, mit der sie werben, ist bloß der Nebeneffekt. Smartphone-Nutzer, Rabattkartenbesitzer - sie alle werden mehr oder weniger ihrer Daten beraubt, ohne dagegen viel tun zu können oder auch nur angemessen entschädigt zu werden. Das alles ist Realität, und es ist keine schöne.

Es geht nicht darum, die Schleusen zu öffnen. Aber schneller muss es schon gehen

All das ist aber kein Grund, die dahinter liegende Technologie in Bausch und Bogen zu verdammen. Maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz können sehr viel dabei helfen, die Welt wirklich besser zu machen und nicht nur Tech-Unternehmer zu Milliardären. Sie können zum Beispiel Ärzte dabei unterstützen, Krankheiten zu erkennen, zu heilen, und Pharmafirmen dazu dienen, Medikamente zu entwickeln. KI-gestützte Systeme erkennen Brustkrebs inzwischen ebenso gut wie Radiologen. Auch in der Wirtschaft kann KI Großartiges leisten, wie etwa das Beispiel der Münchner Firma Celonis zeigt, des Marktführers bei der KI-getriebenen Analyse von Firmenprozessen.

Doch die Diskussion gerade in Deutschland wird vielfach von der negativen Seite aus geführt. Eine Menge an Energie fließt in Spekulationen darüber, was geschehen könnte, wenn es eine dem Menschen ebenbürtige oder ihm sogar überlegene Intelligenz gäbe. Manche Wissenschaftler halten das für unausweichlich, andere für unwahrscheinlich. Klar darf man nicht blind ins Verderben rennen, aber das Problem, das sich zurzeit stellt, ist ein ganz anderes. Vielleicht liegt auch alles daran, dass der schwammige Begriff KI beides meint: Die Über-Intelligenz und halbwegs schlaue Maschinen, die auf eng begrenzten Feldern besser oder schneller sind als Menschen. Die meisten künstlichen Intelligenzen sind eigentlich strunzdumm, leisten aber auf ihrem Spezialgebiet Erstaunliches. Manches, das sich KI nennt, kann auch nur einfache Hilfsaufgaben erledigen.

Die Technologie kommt dennoch hier nicht voran, während es in China oder auch in den USA weniger Probleme gibt, an Daten zu kommen. Nein, es geht nicht darum, die Schleusen bedenkenlos zu öffnen. Aber es muss schneller gehen, Wege zu finden, wie sich große Mengen an Daten so nutzen lassen, dass der Schutz der Persönlichkeit gewahrt bleibt. Viel Zeit bleibt dafür nicht mehr. Doch wer nicht einmal eine Gesundheitskarte hinbekommt, der wird wohl auch bei der viel größeren Aufgabe eines vernünftigen Datenregimes versagen.

© SZ vom 11.09.2020
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