Social Media Wie deutsche Politiker langsam Facebook und Twitter kennenlernen

Illustration: Stefan Dimitrov

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Im Netz lassen sich Stimmen gewinnen. Deshalb versuchen sich erfahrene Kommunalpolitikerinnen an den sozialen Medien - mit wechselndem Erfolg.

Von Ulrike Heidenreich

Für die Kommunalpolitikerin Christine Wernicke bringt Facebook, man mag es kaum glauben, eine "Versachlichung" in viele Debatten. Von wegen Shitstorms - die habe es nicht mal beim Thema Windkraft gegeben, wo sonst die Emotionen auf dem flachen Land hochschlagen. Im Gegenteil, "die Leute kommen gut informiert und viel häufiger als früher, sogar zu Gemeindevertreterversammlungen", sagt die Ex-Bürgermeisterin des Ortes Uckerland in Brandenburg.

Christine Wernicke, 56, parteilos, hat sich ihre positive Beziehung zu den sozialen Netzwerken erarbeitet. Sie ließ sich mit dem Programm "Politikerinnen im Netz" von einer jungen Social-Media-Expertin schulen. Denn eines ist klar: Wer digital nicht auffindbar ist, kann im Wahljahr 2017 wenig gewinnen.

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"Viele Politikerinnen sind zwar in den sozialen Medien irgendwie präsent, aber oft ohne konkrete Aktivitäten oder Strategien", beobachtet Christiane Bonk vom EAF-Institut in Berlin. Da die Parteienbindung der Menschen nachgelassen und ihre Mediennutzung sich stark verändert habe, wären die sozialen Medien ein immer wichtigerer Kanal, nicht nur im Wahlkampf.

Bloggerinnen beraten Politikerinnen im Umgang mit dem Internet

Für ihr Helene-Weber-Kolleg, das Frauen für die Politik gewinnen will und kommunalpolitisch aktive Frauen coacht, drehten die Organisatorinnen die Generationenverhältnisse um: Jüngere Bloggerinnen, Netzaktivistinnen, Medienexpertinnen zeigen Politikerinnen von 40 Jahren an, wie sie online besser dastehen können.

Die Tandems trafen sich über ein Jahr hinweg, beide Seiten betraten Neuland. Manche Mentee lernte Facebook überhaupt erst kennen und nutzt es nun virtuos. Ex-Bürgermeisterin Wernicke mischt auf der Webseite "Wir sind Uckerland" mit; endlich könne sie jüngere Menschen aus dem Ort erreichen, sagt sie. Als es einen Aufschrei gegen höhere Kita-Gebühren gab, klärte sie mit sachlichen Posts über das Kommunalrecht auf. "So konnten wir Betroffene motivieren, nicht alles hinzunehmen und sich zu informieren."

Bei der Wahl im vergangenen Jahr verlor die Bürgermeisterin gegen ihren SPD-Herausforderer - mit 21 Stimmen. Wegen Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung läuft vor dem Verwaltungsgericht Potsdam eine Klage. Muss die Wahl wiederholt werden, will Wernicke "mutiger" auftreten: mit einer perfekt gestalteten Facebook-Seite. Wie man auf Instagram Fotos gezielt für den Wahlkampf einsetzt, übt die Kandidatin einer Wählervereinigung gerade. Vor allem will sie sich besser verkaufen. Sie hat gelernt: "Männer präsentieren sich und ihre Person. Frauen thematisieren eher Projekte und Probleme."

"Flugblätter machen auch viel Arbeit."

Dass der Kollege aus der Gemeinderatssitzung längst einen Beschluss getwittert hatte, als sie noch überlegte, was dieser langfristig bedeuten könnte, hat auch die Grünen-Politikerin Elke Zimmer erlebt. Seit Kurzem sitzt die 50-Jährige im Landtag von Baden-Württemberg. Davor, im Wahlkampf, musste sie sich von ihren Kindern anhören: "Du glaubst doch nicht, dass die Leute am Samstag zu deinem Stand vor dem Supermarkt gehen. Wenn sie die Plakate sehen, googeln sie dich erst mal."

Daraufhin hat Zimmer ebenfalls das Seminar des Helene-Weber-Kollegs besucht. Nun twittert und postet sie, aber noch zurückhaltend. "Ich will nicht dauernd online sein, das ist viel Arbeit", sagt sie und überlegt dann: "Andererseits machen Flugblätter auch viel Arbeit."

Der undankbare Job, beim Zettelverteilen vom zufälligen Interesse oder der Laune der Passanten abzuhängen, könnte langfristig sowieso wegfallen. Beim Wahlkampf in den USA hatte Donald Trump ein Analyse-Unternehmen beauftragt, das Wähler in den sozialen Netzwerken mit passgenauer Wahlwerbung kontaktiert. Die Experten bedienten sich dafür der persönlichen Spuren, die Menschen beim Besuch im Netz hinterlassen.

Social Media könnte auch deutsche Wahlkämpfe massiv beeinflussen

Solche Ressourcen zu nutzen sei allerdings teuer und hierzulande noch nicht verbreitet, sagt der Münchner Politikwissenschaftler Simon Hegelich. Er rechnet für 2017 mit dem "letzten traditionellen Wahlkampf in Deutschland". Die Fachgespräche mit dem Professor für Political Data Science an der TU München in den Fraktionsräumen des Bundestags sind regelmäßig ausgebucht, denn 96 von 100 Bundestagsabgeordneten sind in den sozialen Medien aktiv. Hegelich prognostiziert: Schon bald könne Wählerbeeinflussung in den sozialen Netzwerken stark auf demokratische Prozesse in Deutschland einwirken.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Zimmer hat vor allem ihre politischen Inhalte im Kopf. Mit der 140-Zeichen-Grenze bei Twitter fremdelt sie noch. "Großartig Inhalte verpacken kann man da nicht, das sind nur Häppchen. Aber offenbar reicht diese Inhaltstiefe einigen Menschen erst einmal", sagt sie. Gecoacht wurde sie von Pia Lauck, einer Social-Media-Beraterin aus Wiesbaden, die Webseiten entwirft. Lauck sagt, dass bei Parteien und Politikern oft noch zu wenig Zeit und Know-how vorhanden seien, um die digitale Präsenz zu pflegen: "Das ist noch sehr verhalten alles."

Für einen erfolgreichen Auftritt rät die IT-Frau ihren Kunden, sich genau zu überlegen, wo sie die Grenze zwischen Privatem und Mandat ziehen wollen. Das sei eine Gratwanderung, es schaffe aber Vertrauen beim Wähler, ab und zu auch Einblick ins Leben jenseits der Politik zu geben - also ruhig auch mal ein Urlaubsfoto einzustellen. Ihr wichtigster Rat: "Bei jedem Post authentisch sein. Das ist genauso wie ein Auftritt im Wirtshaus."

Wie viele Facebook-Freunde Elke Zimmer von den Grünen als angehende Online-Politikerin schon gewonnen hat? Diese Zahl verbirgt sie schamhaft auf ihrer Facebook-Seite. Noch.

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