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Snapchat:Eine Timeline, die sich selbst auflöst

Evan Spiegel

Evan Spiegel, Snapchat-Chef

(Foto: AP)

Unternehmen wie Facebook und Google wollen angeblich einige Milliarden Dollar für die App Snapchat bieten. Deren Erfolgsgeheimnis: Die Nutzer können aufhören, nachzudenken. Gepostete Bilder und Videos löschen sich nach voreingestellter Zeit selbst.

Geld spielt anscheinend keine Rolle mehr. Hauptsache am Ende ist der Preis hoch genug, für den der Kurznachrichtendienst Snapchat aufgekauft wird. Drei Milliarden US-Dollar wollte Facebook angeblich zahlen, laut Wall Street Journal. Im Falle von Google sollen es sogar vier gewesen sein. Keine der beteiligten Seiten äußert sich zu den Summen.

Aber was kann diese App schon haben, was den Giganten fehlt? Kurz: Sie bedient den Zeitgeist.

Lang: Traditionelle Seiten, Apps und Geräte leben auch von ihrem Archiv. Wer mit seinem Smartphone Bilder macht, kann sich diese noch in einem Jahr anschauen. Wer auf Facebook oder Whatsapp chattet, kann zurück in die Vergangenheit scrollen und Dialoge nachlesen.

Die schlaue Beobachtung der Gründer ist: Dieses Erinnern und Nachschauen ist überflüssig geworden.

Darum verzichtet Snapchat komplett auf die Archiv-Funktion. Auf Snapchat können die Nutzer Bilder und Videos posten, es gibt eine Zeichenfunktion, die an Microsoft Paint erinnert und die Möglichkeit, einen kurzen Text einzugeben. Das ist schon alles.

Die App funktioniert so: Der Nutzer sendet ein Foto oder Video. Er legt im Vorfeld einen Countdown fest. Sobald der Empfänger das Bild abruft, wird gezählt. Ist der Countdown vorbei, wird die Datei gelöscht.

Die Überlegung dahinter ist, dass ein Großteil der geschossenen Bilder und gedrehten Kurzvideos keinen emotionalen Wert besitzen. Sie werden nicht geknipst, um einen Moment festzuhalten, sondern um eine Botschaft zu transportieren: "Hier, ich stehe gerade an einer Ampel und hier passiert etwas Witziges" ist beispielsweise so eine Botschaft.

Nachdem der Moment verstrichen ist, ergibt es in dieser Logik auch keinen Sinn mehr, das Bild zu speichern. Das schaut sich ja doch keiner mehr an. Also wird es direkt gelöscht.

Das ist auch der Grund, warum Snapchat selten darüber spricht, wie viele Nutzer die App täglich aufrufen, sondern lieber darüber, wie viele Fotos und Videos verschickt werden. Pro Tag sind es 350 Millionen Bilder und Videos ("Snaps" genannt). Diese Zahl stammt von Anfang September. Die Zahl der Nutzer hingegen stammt vom Frühling 2013, damals nutzten fünf Millionen Menschen die App. Zu diesem Zeitpunkt wurden hingegen "nur" 60 Millionen Snaps verschickt, also deutlich weniger. Das heißt zweierlei: erstens, entweder jeder Nutzer schickt inzwischen bedeutend mehr Nachrichten. Oder aber: Die Zahl der Nutzer hat sich erhöht. Vermutlich trifft beides zu.

Die Zahl der gesendeten Snaps konkurriert mit den Bildern, die pro Tag auf Facebook gesendet werden (350 Millionen) und auf Whatsapp (400 Millionen Bilder pro Tag bei 350 Millionen Nutzern).

Bei Facebook hat die zunehmende Sichtbarkeit des Profils für eine Verhaltensänderung bei den Nutzern gesorgt. Das Phänomen nennt sich "Impression Management" und heißt: Die Nutzer sind darauf bedacht, welchen Eindruck sie bei anderen hinterlassen. Also setzen sie sich auf ihren Fotos meist in Szene.

Bei Snapchat fällt dieser Aspekt komplett weg. Es gibt keine Geschichte mehr. Das, was soziale Netzwerke auszeichnet - die Timeline, das für alle Freunde sichtbare dokumentierte Leben, all das wird bei Snapchat einfach herausgekürzt. Nutzer müssen nicht mehr nachdenken, ob das Bild sich gut macht auf einer Pinnwand oder ob man den Beitrag später eventuell bereuen wird. Übrig bleibt nur der Moment.

Snapchat hat kein Geschäftsmodell. Die Firma beschränkt sich zurzeit auf das Nachdenken darüber, wie man Geld verdienen könnte. Laut Snapchat-Chef Evan Spiegel sei es vorstellbar, zukünftige Funktionen nur noch gegen Bezahlung zu ermöglichen.

Facebook versucht derzeit, Snapchat zu kopieren, die App heißt "Poke". Doch sie ist nicht besonders erfolgreich.

Snapchat ist besonders bei Jugendlichen beliebt und gilt in dieser Altersklasse als Konkurrenz zu Facebook. Das von Mark Zuckerberg geführte Unternehmen hatte jüngst eingeräumt, dass zumindest in den USA weniger Teenager täglich vorbeischauen.