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Afrika:Die Handy-Hacker von Bamako

Auf dem Marktplatz in der stark wachsenden afrikanischen Stadt Bamako herrscht reges Treiben.

(Foto: Michele Cattani/AFP)
  • In großen Teilen Afrikas wurde das Festnetz-Zeitalter übersprungen - hier regiert das Mobiltelefon.
  • In Malis Hauptstadt Bamako blüht der Handel mit gebrauchten Smartphones.
  • Telefone, die in Europa auf dem Elektromüll landen, werden hier für kleines Geld entsperrt, repariert und weiterverkauft.

Bamako, Hauptstadt von Mali und eine der am schnellsten wachsenden Metropolen von Afrika, kann den Besucher mit ihrem farbenfrohen Chaos überwältigen. Verfallende Kolonialgebäude, wuchernde Straßenmärkte, Mofatrauben und Eselsgespanne, die sich ihren Weg um die größten Schlaglöcher suchen. Fast alles wirkt reparaturbedürftig. Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Nur die in den Smog ragenden Handy-Masten zeugen von einer funktionierenden Infrastruktur.

Die Ära des Festnetzes hat man in Mali - ebenso wie im Großteil Afrikas - übersprungen. Kommuniziert wird ausschließlich mobil. Und auch wenn Mali eines der ärmsten Länder der Welt ist: Das Mobilfunknetz erreicht fast 100 Prozent der Bevölkerung. Längst ist der Mobilfunk zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig in Afrika aufgestiegen. Smartphones sind nicht nur Statussymbole. Wer keines hat, kann auch auf dem Markt nicht mehr konkurrieren. Zudem haben sich in Ländern wie Ghana, Nigeria, Kenia und Südafrika viele vor Ort entwickelte Apps durchgesetzt - etwa für die bargeldlose Zahlungsabwicklung oder um Nachfrage und Dienstleister zusammenzubringen. In Äthiopien lässt ein großer chinesischer Technikkonzern gar auf den lokalen Markt zugeschnittene Smartphones produzieren. So weit ist Mali noch nicht. Und doch schafft der Mobilfunk eine Menge Arbeitsplätze.

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Der "marché des téléphones" in Bamako ist kaum zu verfehlen. Schon von Weitem leuchten die blauen und orangenen Sonnenschirme der Handy-Verkäufer, Passanten drängen sich vor den Glaskästen, um einen Blick auf die Gebrauchtgeräte - vom neuesten iPhone bis zur chinesischen Billigfälschung - zu werfen. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung von 1,90 Dollar pro Tag lebt, ist selbst das billigste Smartphone ein Schatz.

In Europa Elektroschrott, hier kein Problem

Was aber, wenn es nicht mehr funktioniert? Das Display zerbrochen ist, die Lautsprecher ausfallen, sich die Tastatur nicht mehr bedienen lässt? Pas de problème! Auf dem Markt kann man sich nicht nur die neuesten Apps oder Musiktitel auf sein Handy laden lassen. Hier regiert der Improvisationsgeist. Dutzende von Experten schrauben und löten unter offenem Himmel an Geräten herum, die in Europa ein Fall für den Wertstoffhof wären.

"Früher", sagt Dan Fernardin Gondo, "habe ich als Übersetzer an der chinesischen Botschaft gearbeitet. Aber hier verdiene ich besser - genug, um meine Familie zu versorgen." Gondo betreibt mit einem Kumpel einen Stand auf dem Telefonmarkt. Ursprünglich kommt er von der Elfenbeinküste; er hatte dort auf einer Übersetzerschule Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Mandarin gelernt.

Die jungen Menschen, die Smartphones reparieren, sind gut im Geschäft. Lesen und schreiben können sie oft nicht.

(Foto: Jonathan Fischer)

Für sein jetziges Geschäft aber habe er keine formelle Ausbildung gebraucht: "Du musst dir alles selber beibringen - und notfalls eine Anleitung auf Youtube suchen." Ein Smartphone, bei dem das Mikrofon nicht mehr funktioniert? "Kleinigkeit", sagt Gondo und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Komm in einer Stunde zurück". Tatsächlich: Zwei Tassen Minztee später schiebt er das Gerät mit stoischer Miene über den Tisch. Ein Probeanruf: Ja, alles wieder laut und gut verständlich. Und die Rechnung? "Für eine Reparatur zahlt man hier in der Regel zwischen 500 und 10 000 CFA", also zwischen 80 Cent und 16 Euro, hatte Gondo vorab beschieden. Nun will er 1500 CFA, das sind umgerechnet etwa 2,50 Euro. "Bring das nächste Mal etwas Komplizierteres", flachst er und tippt an sein Baseball-Käppi.