Smartphone-Design Wie Hersteller Handys alt aussehen lassen

Immer wieder neues Design: ein iPhone X mit Notch

(Foto: AP)

Das Smartphone würde es locker noch tun, aber es hat halt einfach noch keine Notch: Apple und Co. ändern gezielt das Design, um Kunden zu verführen. Über psychologische Obsoleszenz.

Von Mirjam Hauck

Die neuen iPhones haben sie, Googles Pixel 3 XL ebenfalls, und auch das für das kommende Frühjahr angekündigte Samsung Galaxy S10 soll sie haben, die recht auffällige große Aussparung am oberen Bildschirmrand, genannt Notch. Nach gängiger Meinung erlaubt sie es den Herstellern, die Oberfläche des Smartphone-Displays zu vergrößern, ohne auf die Kamera und verschiedene Sensoren verzichten zu müssen.

Das mag zwar stimmen. Aber diese doch sehr deutliche Änderung im Design der neuen und hochpreisigen Smartphones geht über das rein Technische, das rein Funktionale hinaus. Die Notch lässt alle anderen Handys im Wortsinne alt aussehen. Sie zeigt unübersehbar, wer sich das neueste Smartphone leisten kann. Sie ist das Zeichen, das ein Smartphone zum Statussymbol macht.

Bislang gilt vor allem die technische Obsoleszenz als großes Problem. Wenn Hersteller die Kunden durch neue Anschlüsse, Adapter und Zubehör zwingen wollen, sich spätestens nach zwei Jahren ein neues Smartphone zu kaufen, obwohl das alte immer noch einwandfrei funktioniert und sich die Ausstattung beispielsweise bei Speicherplatz, Pixelanzahl der Kamera nur marginal ändert. So sagte Apple-Mitgründer Steve Wozniak kürzlich: "Wir haben nun eine erzwungene Obsoleszenz bei Technik, bei der Teile nicht mehr funktionieren, weil sich Anschlüsse ändern. So funktioniert das Business. Ich mag das kein bisschen."

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Doch mindestens ähnlich wirkungsvoll ist die psychologische oder ästhetische Obsoleszenz. Herstellern gelingt es durch, wenn auch nur geringe Änderungen im Design der Smartphones, die Geräte auch optisch gestrig wirken zu lassen. Apple, Samsung und Co. steuern diesen Prozess gekonnt. Mal ist der Schlitz für die Kamera senkrecht, mal ist er waagerecht angebracht, mal sind die Lautsprecher an der Seite, ein anderes Mal oben und unten am Display verbaut.

Das Smartphone hat das Auto als Statussymbol abgelöst

Und viele Kunden wollen ja immer das neueste und das schönste Modell haben. Auch wenn sie das häufig nicht zugegeben möchten und lieber technische Gründe anführen, warum es jetzt unbedingt das sündhaft teure iPhone Max sein muss, warum man überhaupt alle zwei Jahre ein neues Gerät haben muss. Und natürlich schimpft es sich leichter auf die Hersteller als das eigene ästhetische Selbstkonzept zu hinterfragen.

Für Rolf Küster, Leiter des Designlabors an der TH Lübeck und Autor des Buchs "Prinzip Schönheit" spielt das Smartphone als mehr oder weniger deutliches Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe eine wichtige Rolle. "In der jüngeren Generation hat es das Auto als wichtigstes Statussymbol abgelöst." Mit dem Handy sortiere man sich ein. Gehört man zu Apple oder zum Samsung-Lager oder will man mit einem chinesischen Billighandy zeigen, dass einen das alles nicht so besonders interessiert? Und mit dem Fairphone, dass einem eine gerechte Weltwirtschaftsordnung wichtiger ist als technischer Schnickschnack.

Was erwarte ich von mir? Was denke ich, das andere von mir erwarten? Mit einem Smartphone können diese Bilder des Selbst nach außen getragen werden, argumentiert Küster. Mit einem nagelneuen 1300 Euro teuren iPhone möchte man die eigene finanzielle Potenz und seine Modernität herausstellen. Dass man tatsächlich das neuste Modell hat, erkennen die anderen an der Notch - ein Distinktionsgewinn für den Besitzer, alles ganz subtil.

Das Smartphone hat mit seinem Inszenierungswert aber nicht nur das Auto abgelöst, sondern auch die protzige Uhr. Es zeigt die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Besitzers, aber nicht mehr ganz so plakativ-offensichtlich wie eine Rolex. Vorläufer dieser Entwicklung waren laut Küster ebenfalls technische Geräte wie der Walkman oder der iPod. Auch sie sollten zeigen, dass der Besitzer sich neue Technik leisten kann.

Neben diesen eher positiv besetzten Konzepten, um seine Persönlichkeit auszudrücken, dient das neueste Smartphone Küster zufolge allerdings auch der Schamvermeidung. Wenn bei einer Besprechung mit Geschäftspartnern alle ihr Handy auf den Tisch legen, dann kann ein älteres Modell dem einen oder anderen schon einmal peinlich werden. Dass lässt sich mit einem High-End-Gerät natürlich vermeiden.

Was nützt das schönste Handy, wenn es keine Updates mehr gibt

Doch was könnte der Ausweg aus der Konsum-Falle sein? Womöglich langlebiges und schönes Design, das das Zeug zum Klassiker hat. Das ähnlich wie Oldtimer bei Autos auch nach Jahrzehnten die Käufer überzeugt und dessen Wert mit den Jahren womöglich noch steigt. Als schön empfinden die meisten Menschen klare und einfache Linien und das sogenannte Minimalflächendesign, also zum Beispiel Rundungen, wie sie Seifenblasen haben.

Als Design-Vorbild bei Smartphones galt jahrelang Apple und dessen Chefdesigner Jonathan Ive, der sich wiederum am langjährigen Braun-Designer Dieter Rams und dessen zehn Thesen zu gutem Design orientierte. Darin heißt es unter anderem, dass Design innovativ sein und ein Produkt brauchbar machen müsse. Weiter gehören dazu Ästhetik, Verständlichkeit, Unaufdringlichkeit, Ehrlichkeit und Langlebigkeit. Gutes Design müsse umweltfreundlich und konsequent bis ins letzte Detail sein. Denn: Gutes Design sei so wenig Design wie möglich.

Hat das iPhone also das Zeug zum Design-Klassiker? Für Rolf Küster kommt vor allem das Modell 5c in Frage. Es kam 2013 auf den Markt, es war etwas dicker als seine Vorgänger, es hat abgerundete Ecken. Und es gab es in pink, hellblau, grün, gelb oder weiß. Den neuesten iPhones werde dagegen der Sprung in den Design-Olymp eher nicht gelingen. So findet der berühmte Designer Hartmut Esslinger, der in den 1980ern gemeinsam mit Steve Jobs Apples für sein Design berühmten Apple-IIc-Computer entwickelt hat, die Notch einfach nur hässlich. "Und Hässlichkeit akzeptiere ich nicht."

Wer nun der ästhetischen Obsoleszenz mit einem älteren Smartphone entkommen möchte, muss sich allerdings wieder mit der technischen Obsoleszenz herumschlagen. Denn was nützt das schönste Handy, wenn es die Hersteller bereits nach einigen Jahren nicht mehr mit den notwendigen Updates versorgen?

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